Festkonzert anlässlich des Nationalfeiertages der Republik Kasachstan mit Künstlern aus der Region Kyzylorda (Foto: C. Grosse)
Ein festliches Konzert in der deutschen Hauptstadt demonstriert, wie die zentralasiatische Republik ihr jahrtausendealtes kulturelles Erbe aus der geschichtsträchtigen Syr-Region als lebendige Brücke zur völkerverbindenden Verständigung nutzt und einem internationalen Publikum präsentiert.
Anlässlich des Tages der Republik Kasachstan verwandelte sich Berlin jüngst in eine Bühne für eines der faszinierendsten Kulturensembles Zentralasiens. Der Botschafter der Republik Kasachstan in Deutschland, Seine Exzellenz Nurlan Onzhanov, und seine Ehefrau Rita Onzhanova gaben sich die Ehre, zu einem festlichen Konzert von Künstlern aus der kasachischen Region Kyzylorda („A concert by artists from the Kyzylorda Region of Kazakhstan“) einzuladen. Die hochkarätige Veranstaltung brachte Vertreter des diplomatischen Korps, Mitglieder des Deutschen Bundestages, Vertreter der kasachischen Diaspora sowie Freunde Kasachstans, zusammen. Im Zentrum des Abends standen Musiker, Sänger und Tänzer aus der Region Kyzylorda, die im historischen Kernland entlang des Flusses Syrdarja beheimatet ist. Die Veranstaltung, die mit Unterstützung der Regionalverwaltung organisiert wurde, verfolgte ein klares und ambitioniertes Ziel: das spirituelle Erbe und die nationalen Kunstformen des kasachischen Volkes auf das internationale Parkett zu tragen und einer globalen Öffentlichkeit auf herzliche Weise zugänglich zu machen. Durch den festlichen Abend führte dabei Kamilla Seyfullina, die mit ihrer professionellen und charmanten Moderation den Darbietungen einen eleganten und würdigen Rahmen verlieh.
Das Echo des mythischen Weisen
Gleich zu Beginn des Abends wurde das Berliner Publikum mit den archaischen Ursprüngen der kasachischen Identität konfrontiert. Das Konzert öffnete mit einem Küy, einer traditionellen Instrumentalkomposition, die untrennbar mit dem Namen Korkyt Ata verbunden ist. Dieser legendäre Philosoph und Staatsmann des achten Jahrhunderts gilt in der gesamten turksprachigen Welt als spiritueller Urvater und als Erfinder der Kobys, jener markanten zweisaitigen Kniegeige, deren obertonreicher Klang an das melancholische Rufen der Steppenvögel erinnert. Da die nomadische Kultur Kasachstans über Jahrhunderte hinweg primär oral geprägt war, fungierten diese wortlosen Küys als musikalische Chroniken, die philosophische Fragen, historische Zäsuren und die unendliche Weite der Landschaft transportierten. Das von der UNESCO geschützte Erbe Korkyt Atas bildete das rituelle Fundament, auf dem sich das restliche Programm entfalten konnte.

Ein Einblick in das musikalische Kaleidoskop
Wie tiefgründig und facettenreich dieses Erbe ist, spiegelte sich in der sorgfältig kuratierten Programmauswahl des Abends wider, die dem Publikum die gesamte Bandbreite kasachischer Klanglandschaften eröffnete. Die musikalische Reise begann mit dem meditativen Stück „Saryn“, einem Küy von Korkyt Ata persönlich, dessen kontemplative Tiefe von Rano Sabankulowa auf der traditionellen Ur-Kniegeige (Qyl-Qobyz) eindringlich interpretiert wurde. Als lebendiger Kontrast folgte das Stück „Song Aitys“, ein mitreißendes Medley traditioneller Weisen, das den ausdrucksstarken Geist kasachischer Volkslieder einfing. Die Solisten brillierten hierbei mit bekannten Werken wie „Gulderaiym“, „Aqsisa“ von Schajau Musa, „Beles“, „Auylyn Senin Irgeli“ und der patriotischen Hommage „Oz Elim“ des berühmten Komponisten N. Tilendijew.
Vom Steppenweideland zur europäischen Klassik
Die tänzerische Eleganz der Steppe erwachte durch das Tomiris-Tanzensemble zum Leben, das in der Choreografie „Zhailaunda“ von B. Agijar das idyllische Leben und die Schönheit der sommerlichen Weideplätze visualisierte. Die Tänzerinnen bewegten sich voller Eleganz und Anmut, während die prächtigen, farbenfrohen traditionellen Kostüme der Gruppe den ästhetischen Reichtum der kasachischen Kultur visuell eindrucksvoll unterstrichen. Dass die kasachische Musiktradition auch vor hochkomplexen Vokalformen nicht zurückschreckt, bewies Gulnaz Nagashybay mit ihrer Darbietung von L. Khamidis „Bulbul“ (Die Nachtigall) – ein virtuoses Gesangsstück, das dem glasklaren, emporsteigenden Gesang des namensgebenden Vogels nachempfunden ist.
Ein besonderer Höhepunkt des interkulturellen Dialogs war die Interpretation von Johann Sebastian Bachs berühmtem „Scherzo“. Vorgetragen vom gesamten Ensemble, bewiesen die zentralasiatischen Musiker mit diesem klassischen Meisterwerk eine beeindruckende Präzision und bewiesen, wie harmonisch westliche Klassik mit traditioneller kasachischer Instrumentierung verschmelzen kann. Den fulminanten Abschluss bildete das Volkslied „Qara Zhorga“, bei dem die Solisten und das Tomiris-Tanzensemble die Bühne in ein dynamisches Fest verwandelten, begleitet von den charakteristischen, rhythmischen Bewegungen des gleichnamigen Traditionstanzes.

Diplomaten im Gewand von Barden
Die mitgereiste kreative Delegation aus dem Kernland bewies eindrucksvoll, dass diese jahrhundertealten Traditionen keine staubigen Museumsrelikte sind, sondern von hochkarätigen Künstlern der Gegenwart mit virtuosem Leben gefüllt werden. Das renommierte Akmeshit-Folklore-Ensemble, benannt nach der historischen weißen Festung der heutigen Regionalhauptstadt Kyzylorda, webte gemeinsam mit namhaften Kulturschaffenden wie S. Shaksygulow und M. Sugirbaj einen dichten Klangteppich. Ergänzt durch preisgekrönte Solisten nationaler und internationaler Wettbewerbe präsentierten sie die Vielfalt der Zhyrau-Kunst. Diese epischen Gesänge wurden historisch von hohangesehenen Beratern der Khane vorgetragen, die gleichermaßen als Diplomaten und Hüter des kollektiven Gedächtnisses fungierten. Die tiefen, rhythmisch-hypnotischen Kehlkopfkläng,e und der feinsinnige Einsatz der Dombra-Laute, erzeugten eine sakrale Atmosphäre, die im Kontrast zur Dynamik des Tomiris-Tanzensembles stand, welches mit seiner ausdrucksstarken Choreografie die Ästhetik der Steppe visualisierte.

Der poetische Dialog als Spiegel der Gesellschaft
Ein besonderer Höhepunkt des Abends war die Darbietung des Aitys, einer kunstvollen Form des improvisierten Dichter- und Musikduells, die man in einer modernen Analogie wohl am ehesten als das historische Rap-Battle der Steppennomaden beschreiben kann. Zwei Akyns, wie die Volksdichter genannt werden, traten dabei ohne Skript gegeneinander an, um sich im rasanten Wechselspiel aus schlagfertigem Humor, feiner Ironie und metaphorischer Eleganz zu messen. Da es den Akyns traditionell erlaubt ist, in ihren Versen auch aktuelle gesellschaftliche Themen oder Lebensrealitäten aufzugreifen, gilt das Aitys bis heute als wichtiges, lebendiges Barometer der kasachischen Kultur. Indem das Konzert diese interaktive Kunstform ins Zentrum rückte, demonstrierte es die ungebrochene Kontinuität von Traditionen, die seit Generationen weitergegeben werden und sich dennoch stetig neu erfinden.

Eine lebendige Brücke zwischen den Kulturen
Die Berliner Gastspiele der Künstler aus Kyzylorda unterstreichen eine tiefere, völkerverbindende Bedeutung, die weit über den rein künstlerischen Genuss des Abends hinausreicht. Die als traditionsreiche Reis- und Kulturregion bekannte Region Kyzylorda schlägt in der Moderne eine faszinierende Brücke von ihren antiken Wurzeln entlang der Seidenstraße bis in die Gegenwart.
Diese Kulturreise der Delegation, die unter der erfahrenen Leitung der dekorierten Konzertdirektorin A. Isdikulowa und des Delegationschefs G. Abitow stand, versteht sich vor allem als eine Einladung zum Dialog und als Beitrag zur Pflege internationaler Freundschaften. Indem Kasachstan sein reiches historisches Bewusstsein und das lebendige Erbe seiner Vorfahren mit den Menschen in Deutschland teilt, schafft das Konzert ein Fundament aus gegenseitigem Verständnis, Respekt und tiefer kultureller Wertschätzung im Herzen Europas – ein Brückenschlag, den das Berliner Publikum am Ende der Darbietung mit langanhaltendem, begeistertem Applaus würdigte.
