Kassym-Schomart Tokajew, Präsident der Republik Kasachstan und Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland in der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) (Foto: C. Grosse)
Zwischen Geopolitik und globalen Lieferketten: Der offizielle Besuch von Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew in Berlin markiert eine Zäsur. Während die Bundesregierung nach sicheren Ressourcen hungert, fordert Astana bei den Spitzengesprächen in der Hauptstadt ein Tauschgeschäft auf Augenhöhe. Ein exklusiver Einblick für Newsmark in die neue gigantische Schienen- und Rohstoff-Allianz – inklusive eines wegweisenden Fachdialogs in Berlin über die strategische Absicherung globaler Wolfram-Reserven.
Der offizielle Arbeitsbesuch des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew in Deutschland markiert einen strategischen Meilenstein für die deutsche Wirtschaft. Vor dem Hintergrund geopolitischer Verschiebungen und dem drängenden Bedarf an resilienten Lieferketten, positioniert sich das neuntgrößte Land der Erde als unentbehrlicher Partner für die Bundesrepublik. Dabei wurde schnell klar: Die Partnerschaft zwischen Berlin und Astana soll weit über ein klassisches Rohstoffabkommen hinausgehen.
Tokajew stellte bei seinen Stationen in der Bundeshauptstadt eine ganzheitliche Zukunfts-Offensive vor, die die globalen Megatrends Künstliche Intelligenz (KI), digitale Infrastruktur, Transportlogistik und die Ausbildung der nächsten Generation ins Zentrum rückt. Für unser Wirtschaftsmagazin Newsmark fassen wir die Höhepunkte, die politischen Stationen und die ökonomische Tragweite dieses Aufenthalts in Berlin zusammen.
Der Auftakt in Berlin: Militärische Ehren und vertrauensvoller Dialog
Der Aufenthalt in der Hauptstadt begann mit einem Empfang mit militärischen Ehren im Bundesministerium der Verteidigung. Im Anschluss begab sich Tokajew, gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in dessen Interims-Amtssitz am Spreebogen. In ihren bilateralen Gesprächen zogen beide Staatschefs eine positive Bilanz der bisherigen Zusammenarbeit und betonten, dass die Kooperation auf tiefem, gegenseitigen Vertrauen fußt. Steinmeier würdigte Tokajews persönlichen Beitrag zur Vertiefung der Partnerschaft. Zum Abschluss ihres Treffens unterzeichneten sie eine Gemeinsame Erklärung, die unter anderem engere Kooperationen in den Bereichen Handel, Energie, Transport, Digitalisierung und Bildung vorsieht.

Die Tech- und Bildungsoffensive im Haus der Deutschen Wirtschaft
Am Nachmittag folgte der direkte Austausch mit der Praxis inmitten Berlins: Steinmeier und Tokajew nahmen gemeinsam am Deutsch-Kasachischen Wirtschaftsforum im Haus der Deutschen Wirtschaft teil. Ausgerichtet von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und der AHK Zentralasien. Vor rund 300 hochrangigen Wirtschaftsvertretern bot das Forum die Bühne für eine vielbeachtete Grundsatzrede Tokajews. Eröffnet wurde das Wirtschaftsforum von DIHK-Präsident Peter Adrian. Er betonte, dass jede langfristige Präsenz deutscher Unternehmen vor Ort auf der Ausbildung junger Fachkräfte fußen muss.
Wissen als Wachstumsmotor: Die 100.000-IT-Spezialisten-Strategie
In seiner Berliner Rede griff Tokajew dies auf und stellte die „100.000-IT-Spezialisten-Strategie“ vor: Bis 2029 will Kasachstan diese Fachkräfte ausbilden und kooperiert dafür eng mit deutschen Spitzenuniversitäten. Ein zentrales Leuchtturmprojekt ist die Deutsch-Kasachische-Universität (DKU) in Almaty, deren Angebot massiv ausgebaut wird. Besonders wichtig war dem Präsidenten die duale Berufsausbildung nach deutschem Vorbild. Sein Prinzip: Jedes industrielle Großprojekt im Land soll gleichzeitig als Praxis- und Theorieplattform dienen. Um den Austausch zu erleichtern, warb die Delegation zudem für deutsche Unterstützung bei EU-Visaerleichterungen für Kasachstan.

Vom Reißbrett in die Realität: KI-Infrastruktur und Alatau City
Im Bereich der künstlichen Intelligenz und Daten-Infrastruktur überraschte der kasachische Präsident in Berlin mit Fortschritten bei der digitalen Transformation seines Landes. Er warb offensiv um Partner für den Aufbau von hocheffizienten Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen. Unterstrichen wurde diese Ambition durch die Präsenz des neu geschaffenen kasachischen Ministeriums für Künstliche Intelligenz und digitale Entwicklung.
Ein weiterer Pfeiler seiner Vision war die Vorstellung von Alatau City, einer völlig neu konzipierten, komplett digital gesteuerten Planstadt nahe Almaty. Tokajew lud den deutschen Mittelstand ein, sich an diesem Tech-Hub zu beteiligen. Insgesamt brachte das Berliner Forum staatliche und privatwirtschaftliche Absichtserklärungen mit einem Gesamtvolumen von weit über einer Milliarde Euro auf den Weg.
Logistik-Revolution: Der Ausbau des Mittleren Korridors und der Schienennetze
Ein absoluter Schwerpunkt von Tokajews Auftritt vor der DIHK in Berlin war die radikale Neuausrichtung der eurasischen Transportwege. Der kasachische Präsident sprach ungewöhnlich lange und intensiv über die strategische Infrastruktur und den sogenannten Mittleren Korridor (Transkaspische Internationale Transportroute). Angesichts globaler Lieferkettenprobleme und geopolitischer Blockaden gewinnt diese Route, die China und Zentralasien, unter Umgehung Russlands, über das Kaspische Meer mit Europa verbindet, rasant an Bedeutung. Tokajew machte unmissverständlich klar, dass Kasachstan entschlossen ist, sich als das logistische Rückgrat Eurasiens zu etablieren.
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WAS IST DER „MITTLERE KORRIDOR“?
• Offizieller Name: Transkaspische Internationale Transportroute (TITR).
• Verlauf:Ein multimodaler Land- und Seeweg: China → Kasachstan → Kaspisches Meer (Häfen Aktau/Kuryk) → Aserbaidschan (Baku) → Georgien → Türkei → Europa.
• Der strategische Vorteil: Die Route umgeht, sowohl russisches Staatsgebiet im Norden, als auch den Iran im Süden, vollständig. Sie ist rund 3.000 Kilometer kürzer als die klassische Transsibirische Eisenbahn.
• Faktor Zeit: Ein Container benötigt über den Mittleren Korridor derzeit rund 13 bis 17 Tage von China nach Europa. Der Seeweg via Suezkanal schlägt aktuell mit 35 bis 45 Tagen zu Buche.
• Zielmarke: Kasachstan treibt die Digitalisierung der Zollprozesse und den zweigleisigen Schienennetzausbau massiv voran, um die Transitzeit auf stabile 10 bis 12 Tage zu drücken und das Frachtaufkommen bis 2030 auf 10 Millionen Tonnen pro Jahr zu verdreifachen.

Milliardeninvestitionen in die Schiene: Deutsche Technik gefragt
Um das Frachtaufkommen auf dieser Route in den nächsten Jahren massiv zu vervielfachen, kündigte Tokajew Investitionen in das heimische Schienennetz an. Tausende Kilometer Schienenwege werden aktuell modernisiert oder komplett neu gebaut. Tokajew hob hervor, dass der ausgiebige Ausbau zentraler Magistralen die Durchlaufzeiten für Containerzüge drastisch verkürzen werde. Er lud die deutsche Bahnindustrie und Logistikunternehmen explizit ein, sich mit deutscher Bahntechnologie an dieser Modernisierungswelle zu beteiligen.
Die operative und infrastrukturelle Umsetzung dieser ehrgeizigen Regierungspläne stand auch im Mittelpunkt der hochkarätig besetzten transportpolitischen Fachpanels. So legte S.E. Nurlan Sauranbajew, Minister für Transport der Republik Kasachstan, im Rahmen einer vielbeachteten Podiumsdiskussion detailliert dar, über welche Hebel das Land die Modernisierung der intermodalen Knotenpunkte forciert. Sauranbajew unterstrich vor den deutschen Wirtschaftsvertretern, dass die strategische Aufwertung des Transitkorridors nur durch eine durchgehende Digitalisierung der Logistikketten und den gezielten Import europäischer Signal- und Schienentechnologie gelingen kann.
Dass dieses Vorhaben für die deutsche Wirtschaft oberste Priorität genießt, untermauerten die konkreten Vertragsabschlüsse im Haus der Deutschen Wirtschaft. Die im Aufbau befindliche Digital- und Planstadt Alatau City, sowie die kasachische Staatsbahn, besiegelten strategische Partnerships mit Schwergewichten der deutschen Logistik. Allen voran unterzeichnete der Logistikriese Rhenus Group in Berlin weitreichende Abkommen, um die Kapazitäten an den kasachischen Logistikhubs und Bahnhöfen massiv auszuweiten, und die Effizienz der Abwicklungen auf europäisches Niveau zu heben.
Exklusiver Einblick: Die Rohstoffpartnerschaft tiefgehender gedacht
Wie konkret dieses Tauschgeschäft, Hochtechnologie gegen strategische Mineralsicherung, in der Praxis aussehen soll, wurde am Rande des Forums in den Berliner Fachgesprächen deutlich. Auf der DIHK-Veranstaltung ergab sich die Möglichkeit zu einem direkten Austausch mit Daniyar Idrissov, dem Chief Investments and Strategy Officer der staatlichen Bergbaugesellschaft Tau-Ken Samruk NMC JSC. Idrissov, der auch als zentraler Sprecher an der hochkarätig besetzten Fach-Podiumsdiskussion „Verkehr, Ressourcen, Industrie- Wachstumsfelder der Zusammenarbeit“, teilnahm, skizzierte dort die künftige Agenda seines Landes.
Im Fokus der Panel-Präsentation stand die Frage, wie Kasachstan seine unerschlossenen Reserven an kritischen Mineralien systematisch heben will. Idrissov stellte detailliert dar, dass Tau-Ken Samruk die heimische Förderung von Edelmetallen wie Gold, sowie von hochstrategischen Industriemetallen wie Wolfram, massiv ausbaut. Insbesondere bei Wolfram, einem Schlüsselrohstoff für Halbleiter, Luftfahrt und die moderne High-Tech-Industrie, treibt das Land strategische Erschließungsprojekte voran.

Eine neue Allianz für Newsmark: Exklusive Insights vereinbart
In diesem Rahmen kam es zu einem vielversprechenden Fachdialog in Berlin: Unser Zentralasien-Experte Christian Grosse konnte Idrissov im direkten Gespräch darauf aufmerksam machen, dass in unserem Magazin Newsmark bereits ein vielbeachteter, tiefgehender Fachartikel, exklusiv zu den globalen Marktverschiebungen und Chancen rund um das Metall Wolfram, erschienen ist (Link: https://newsmark.de/2026/05/27/wolfram-ein-globaler-strategischer-engpassrohstoff-kasachstan-als-bindeglied-zwischen-west-und-ost/). Dieser fundierte Vorbericht stieß aufseiten der kasachischen Delegation auf große Resonanz.
Als direktes Resultat dieser Begegnung vereinbarten Idrissov und Christian Grosse künftig eine gemeinsame Kooperation zu starten. Ziel dieser Kooperation ist es, die technologischen Fortschritte der deutsch-kasachischen Rohstoffförderung und die industriellen Großprojekte von Tau-Ken Samruk journalistisch zu begleiten.
Die Transformation der kasachischen Industrie: Partnerschaft auf Augenhöhe
Die inhaltliche Klammer zwischen Rohstoffförderung und technologischer Modernisierung bildete ein weiterer zentraler Programmpunkt des Forums. In einem vielbeachteten Vortrag skizzierte S.E. Yersain Nagaspayev, Minister für Industrie und Bauwesen (Industry and Construction) der Republik Kasachstan, die strategische Transformation der heimischen Fertigungslandschaft. Sharlapaev verdeutlichte den anwesenden Vertretern des deutschen Mittelstandes, dass Kasachstan konsequent Rahmenbedingungen schafft, um ausländische Direktinvestitionen direkt an den industriellen Strukturwandel zu koppeln.
Die ministeriellen Pläne untermauerten die Kernbotschaft der kasachischen Delegation: Deutsche Unternehmen finden in Kasachstan nicht nur ein rohstoffreiches Territorium vor, sondern einen hochgradig transformationswilligen Industriestandort, der mit steuerlichen Anreizen und Sonderwirtschaftszonen aufwartet. Sharlapaev betonte, dass der technologische Sprung hin zu einer emissionsarmen Industrie und modernen Produktionsanlagen, primär über Joint Ventures mit erfahrenen deutschen Technologieausrüstern realisiert werden soll.

Die Brücke zum Mittelstand: Atameken als operativer Partner
Um diese anspruchsvollen Branchensymbiosen im operativen Tagesgeschäft zu verankern, stützte sich das Wirtschaftsforum auf die privatwirtschaftliche Instanz des Landes. In einem prägnanten Impulsvortrag legte Kanat Scharlapaev, der Vorsitzende des Präsidiums der Nationalen Unternehmerkammer der Republik Kasachstan, „Atameken“, die konkreten Matchmaking-Strukturen dar. Die Unternehmerkammer agiert als direktes Bindeglied, um den deutschen Mittelstand mit verlässlichen kasachischen Subunternehmern, Logistikern und Projektpartnern zusammenzubringen.
Der Impulsvortrag unterstrich, dass „Atameken“ die bürokratischen Hürden für deutsche Investoren durch gezielte One-Stop-Shop-Services minimieren wird. Gerade für den deutschen Mittelstand, der oft vor den regulatorischen Unwägbarkeiten des eurasischen Raumes zurückschreckt, bildet diese enge institutionelle Flankierung das entscheidende Sicherheitsnetz für langfristige Technologieinvestitionen vor Ort.
Steinmeier warb für tiefere Netzwerke und lobte die Energiepartnerschaft
Besonders wichtig für die strategische Einordnung waren die klaren Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem DIHK-Forum in Berlin. In seiner Rede stellte er klar, dass Zentralasien keineswegs eine geopolitische Peripherie sei, sondern in der sich verändernden internationalen Ordnung eine überragende Bedeutung einnehme. Steinmeier betonte die komplementären Stärken beider Nationen: Während Deutschland Kapital, Hochtechnologie und industrielle Erfahrung einbringe, biete Kasachstan enorme Rohstoffvorkommen, Wachstumspotenzial und eine strategische Brückenfunktion zwischen Europa und Asien.
Unter großem Applaus dankte Steinmeier dem kasachischen Staatschef ausdrücklich für dessen Verlässlichkeit bei der deutschen Energieversorgung. Kasachstan hatte im Zuge der geopolitischen Krise seine Öllieferungen nach Deutschland massiv hochgefahren, um den Ausfall russischen Rohöls für die PCK-Raffinerie in Schwedt teilweise auszugleichen. Damit spiele das Land eine stabilisierende Rolle für die europäische Energiesicherheit.
Steinmeier forderte die Wirtschaft dazu auf, diesen Schwung zu nutzen, um den Blick nach vorn zu richten: Die künftige Zusammenarbeit müsse verstärkt erneuerbare Energien, Energieeffizienz und grünen Wasserstoff umfassen. Seine zentrale Botschaft lautete: „Die Antwort auf die großen Herausforderungen unserer Zeit kann nur eine sein: mehr Zusammenarbeit, mehr Austausch, noch dichtere Netze.“ Dies müsse, laut Steinmeier, auch dann gelten, wenn beide Länder politisch nicht in jeder Frage dieselbe Ansicht teilten.

Geopolitischer Balanceakt im Kanzleramt
Beim offiziellen zweitägigen Deutschland-Besuch von Kasachstans Präsident Kassym-Schomart Tokajew standen im Berliner Kanzleramt handfeste Wirtschaftsdaten und eine verlässliche Energieversorgung ganz oben auf der Agenda. Angesichts weggefallener russischer Importe kündigte Kasachstan an, seine Liefervolumina für die deutsche Industrie weiterhin stabil halten zu wollen, um diese partnerschaftlich auszugleichen. Bundeskanzler Friedrich Merz unterstrich in diesem Zuge das massive deutsche Interesse an einer vertrauensvollen und langfristigen Energiekooperation.
Hinter den Kulissen folgt die Regierung in Astana unter Präsident Tokajew traditionell einer konsequenten multivektoriellen Außenpolitik. Dieser strategische Ansatz zielt auf eine strikte diplomatische Neutralität sowie die Pflege stabiler und konstruktiver Nachbarschaftsbeziehungen zu allen globalen Schlüsselakteuren ab. Er erlaubt es Kasachstan, sich in einem zunehmend fragmentierten internationalen Umfeld als verlässlicher Brückenbauer und eigenständiger Partner. sowohl für den Westen als auch für seine unmittelbaren Großnachbarn, zu positionieren.

Tokajews differenzierte Position zum Ukraine-Krieg
Inmitten dieser komplexen Gemengelage bezog Tokajew auf diplomatischer Bühne in Berlin eine klare und zugleich differenzierte Position zum anhaltenden Ukraine-Konflikt. Während der gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Friedrich Merz am 29. September 2026, deren Aussagen von internationalen Medien, wie der Tagesschau, dokumentiert wurden, balancierte er die engen wirtschaftlichen und geografischen Bindungen seines Landes zu Moskau mit der Forderung nach diplomatischen Lösungen. Auf Presseanfragen betonte er mit Nachdruck, dass eine militärische Lösung des Konflikts nicht absehbar sei und mahnte eindringlich, dass eine weitere Eskalation zu irreparablen Folgen für die gesamte Menschheit führen werde.
Überraschend deutlich sprach sich Tokajew für ein Einfrieren der Kampfhandlungen auf ukrainischem Territorium aus, um überhaupt eine Grundlage für Verhandlungen zu schaffen. Er stellte dabei klar, dass er nicht fordere, den Krieg „sofort zu beenden“, da dies unter den aktuellen Bedingungen unrealistisch sei. Ungeachtet politischer Dissonanzen bekräftigten beide Seiten jedoch, das gemeinsame fundamentale Interesse an einem umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden im Einklang mit der UN-Charta. Tokajew betonte in diesem Kontext, dass Kasachstan strikt auf der Einhaltung der UN-Charta und der Achtung der territorialen Integrität aller Staaten beharre, und hob seinen großen Respekt für das ukrainische Volk, seine Kultur und Sprache hervor.

Strategische Nachbarschaftsdiplomatie: Kasachstans Balanceakt zwischen den Mächten
Für internationales Aufsehen sorgte, während des Auftritts Tokajews, offenes Lob für den russischen Präsidenten. Er betonte seine exzellenten Beziehungen zu Wladimir Putin und bezeichnete ihn als eine herausragende politische Persönlichkeit, sowie als die akzeptabelste Figur für die Führung Russlands, sowohl für Zentralasien als auch für Europa und die Welt.
Diesen rhetorischen Drahtseilakt begründete der kasachische Präsident mit dem unausweichlichen geopolitischen Kontext seines Landes. Kasachstan teilt eine über 7.500 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Russland und beheimatet eine große russische Minderheit, was die diplomatische Gratwanderung zwischen westlichen Wirtschaftspartnern und dem mächtigen Nachbarn im Norden zu einer existenziellen Notwendigkeit für Astana macht.
Der Gastbeitrag im Handelsblatt: Das Angebot einer echten Wertschöpfungspartnerschaft
Für großes Aufsehen in der Berliner Wirtschaftswelt sorgte zudem Tokajews Gastbeitrag im Handeslblatt. Unter dem Tenor, Deutschland weit mehr als nur eine reine Rohstoff-Abnahme zu bieten, lancierte er ein strategisches Angebot für die europäische Industrie:
„Wir bieten unseren deutschen Partnern mehr als garantierte Lieferungen: den gemeinsamen Aufbau kompletter Produktionsketten – von der Exploration und Gewinnung über die Verarbeitung bis hin zur Komponentenfertigung und Wiederverwendung von Materialien.“
Kasachstan fördert aktuell bereits 21 der 34, von der EU als strategisch kritisch eingestuften Rohstoffe, darunter Lithium, Kobalt, Silizium, Wolfram und Kupfer. Tokajews in Berlin untermauertes Ziel ist klar: Weg vom reinen Exporteur ungeläuterter Erze, hin zu gemeinsamen High-Tech-Wertschöpfungsketten vor Ort.

Deutsche Ingenieurskunst gefragt: Kooperation statt reiner Rohstoffexporte
Tokajew verdeutlichte in seinen programmatischen Ausführungen in Berlin zudem ein zentrales forschungs- und industriepolitisches Anliegen der kasachischen Regierung: Das Land wehrt sich dezidiert gegen die Rolle eines bloßen Rohstofflieferanten. Astanas erklärtes strategisches Ziel ist es vielmehr, geschlossene industrielle Wertschöpfungsketten direkt auf kasachischem Staatsgebiet zu etablieren.
Um diesen Sprung von der primären Rohstoffgewinnung hin zur technologischen Weiterverarbeitung vor Ort zu meistern, setzt das Land gezielt auf die technologische Allianz mit dem deutschen Mittelstand.
Tokajew hob in der Hauptstadt hervor, dass die Verbindung aus kasachischem Ressourcenreichtum und bewährter deutscher Ingenieurtechnik, technologischer Präzision sowie der Innovationskraft des deutschen Mittelstandes das Fundament einer zukunftsorientierten Symbiose bilde. Diese partnerschaftliche Integration stand für den Präsidenten im Mittelpunkt seiner wirtschaftspolitischen Agenda in Berlin.
Nächste Station: München und der Tech-Fokus
Nach den intensiven politischen und ökonomischen Weichenstellungen in Berlin reiste der kasachische Präsident weiter nach München. Neben einem Empfang durch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder im Prinz-Carl-Palais, stand dort ein Technologie-Wirtschaftsforum im Mittelpunkt. Tokajew kommt in der bayerischen Landeshauptstadt gezielt mit Führungskräften führender deutscher Industrie- und Finanzunternehmen, Universitätsrektoren und Forschungsinstituten zusammen, um den Transfer von deutschem Know-how und Technologie-Investitionen in den Bereichen KI, Digitalisierung und Maschinenbau zu forcieren.

Perspektiven einer neuen Ära: Fazit und strategischer Ausblick
Der Besuch verdeutlicht den fundamentalen Wandel in den deutsch-kasachischen Beziehungen. Tokajew hat der deutschen Wirtschaft in Berlin ein Tauschgeschäft auf Augenhöhe angeboten. Kasachstan liefert die kritischen Rohstoffe, logistischen Routen und grünen Energieträger, die Deutschlands Industrie für die Zukunft braucht, verlangt im Gegenzug aber ein massives deutsches Engagement bei Technologie-Investitionen, Schienen-Infrastruktur, KI sowie moderner akademischer und dualer Bildung.
Für den deutschen Mittelstand bietet dieses Gesamtpaket immense Chancen, erfordert jedoch den Mut zu echtem Technologietransfer und langfristigen Investitionen in die Infrastruktur, sowie in die Köpfe vor Ort. Inwiefern die ambitionierten Großprojekte wie Alatau City, der konsequente Ausbau der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU), die Erschließung der gigantischen Wolfram-Vorkommen durch Tau Ken Samruk, die von der Unternehmerkammer „Atameken“ flankierte Mittelstandskooperation, oder die digitale Optimierung des Mittleren Korridors die globalen Handelsströme dauerhaft prägen können, werden die kommenden Jahre zeigen. Die Weichen sind in Berlin gestellt worden. Nun kommt es auf die konsequente Umsetzung der geschlossenen Milliardenabkommen an.
