internationales Symposium zum berühmten Nationalepos „Kitab-i Dede Qorqud“ (Foto: C. Grosse)
Was können wir heute von den alten Erzählungen der Nomaden lernen? Ein internationales Symposium in der SLUB Dresden zeigt, dass das berühmte Nationalepos „Kitab-i Dede Qorqud“ erstaunliche Antworten bereitstellt. Das Buch des über 1300 Jahre alten Epos bricht mit starrem Schwarz-Weiß-Denken. Stattdessen zeigt es, wie wichtig flexible Kompromisse und dezentrale gesellschaftliche Strukturen in einer unvorhersehbaren Welt sind – ein universelles Modell für die moderne Sprachwissenschaft, Kulturphilosophie und die Künstliche Intelligenz.
Wenn internationale Forscher und Kulturexperten im barocken Dresden zusammenkommen, geht es um weit mehr als um die museale Verwaltung verstaubter Dokumente. Das jüngste internationale wissenschaftliche Symposium in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) bewies genau das: Im Mittelpunkt stand das Kitab-i Dede Qorqud, das monumentale literarische Zeugnis des über 1300 Jahre alten Nationalepos der oghusischen Turkvölker. Es ist bereits das dritte Mal, dass Dresden als Gastgeber für dieses Thema fungiert, um die neuesten Ergebnisse der Wissenschaft zu beleuchten.
Drei Partner, ein Ziel: Die Erforschung des Epos im globalen Kontext
Organisiert wurde dieses hochkarätige Symposium in enger Kooperation von der Botschaft der Republik Aserbaidschan, der Sächsischen Landesbibliothek –Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) und der Aserbaidschanischen Universität für Sprachen. Das Symposium widmet sich der historischen, philologischen und kulturwissenschaftlichen Erforschung des „Kitab-i Dede Qorqud“, sowie seiner Stellung innerhalb der großen epischen Traditionen und der Weltliteratur. In ihren einleitenden Worten legte die Generaldirektorin der SLUB, Katrin Stump, die faszinierende Geschichte dieses Schatzes offen.
Vom Orient nach Dresden: Die abenteuerliche Reise der Handschrift im Jahr 1753
Offizielle Unterlagen der Sächsischen Landesbibliothek belegen, dass die weltberühmte Dresdner Handschrift des Kitab-i Dede Qorqud höchstwahrscheinlich im Jahr 1753 in die kurfürstliche Bibliothek gelangte. Das Dokument stammt aus dem 16 Jahrhundert, und ist das weltweit umfangreichste Textzeugnis dieses jahrhundertealten Epos. Erstmals im Jahr 1754 im Katalog der kurfürstlichen Bibliothek verzeichnet, wurde das Manuskript 1753 von dem, aus Neapel stammenden Francesco Crescenzo Giuliani, veräußert.
Giuliani arbeitete als sächsisch-polnischer Dragoman (Dolmetscher und Diplomat im Orient) unter dem Schutz des berühmten Ministers Heinrich von Brühl. In dieser Funktion pendelte er zwischen Dresden, Warschau und Istanbul und verkaufte 1753 eine ganze Sammlung orientalischer Codices an die Bibliothek.

Schutz und Zugang: Wie die SLUB das Welterbe digital lebendig hält
Die SLUB ist sich der Verantwortung für dieses einzigartige Kulturerbe bewusst, unterstützt die Forschung aktiv und gewährleistet den globalen Zugang. Durch die vollständige Digitalisierung ist die Schrift weltweit abrufbar. Zudem wurde auf Grundlage der Digitalisate unlängst ein neues Faksimile angefertigt, so, dass das kostbare Original dauerhaft geschont wird. Dennoch wird die Handschrift regelmäßig in Ausstellungen und Tagungen präsentiert.
Nach ersten Symposien im UNESCO-Gedenkjahr 1999 („1300 Jahre Dede Qorqud Epos“) und einer Ausstellung im Jahr 2008 („Aserbaidschan – Im Land des Feuers“), wird die Handschrift aktuell im Buchmuseum in der Ausstellung „Raum, Architektur des Wissens“, im Original in der Vitrine präsentiert.
Die landesweite Relevanz spiegelte sich in den Grußworten von Dr. Marzena Schöne, Referatsleiterin im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus. Sie würdigte den Schutz solcher transnationaler Schätze als Fundament für den internationalen Austausch.

Eine emotionale Verbindung: Die Rede des Botschafters
Die tiefe, generationenübergreifende Bedeutung des Werkes machte der Botschafter der Republik Aserbaidschan, S.E. Nasimi Aghayev, in einer bemerkenswerten persönlichen Ansprache deutlich. Er legte offen, dass der Name „Dresden“ für jedes aserbaidschanische Schulkind ein vertrauter Begriff mit einem ganz besonderen Klang ist. Bereits in den Schulbüchern erfahren Kinder in Aserbaidschan, dass die weltweit wertvollste und vollständigste Handschrift ihres Nationalepos hier in der sächsischen Metropole aufbewahrt wird. Auf diese Weise entsteht schon in jungen Jahren eine fast emotionale Verbindung zu dieser Stadt.
Botschafter Aghayev zeigte sich zutiefst bewegt darüber, dass er die Bibliothek vor drei Jahren das erste Mal besuchen durfte, nachdem er schon seit seiner eigenen Schulzeit von diesem Ort wusste. In einem berührenden Zitat hielt er fest: „Einmal die Schriften mit eigenen Augen zu sehen, war für mich ein ganz bewegender Moment.“ Er betonte, dass das Werk weit mehr als nur ein literarischer Text sei, es ist ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses und ein gemeinsames Erbe der Turkvölker.
Es transportiert universelle Empfehlungen, die über viele Jahrhunderte hinweg ihre Gültigkeit behalten haben: Familie und Gemeinschaft, Mut und Verantwortung, Treue, Würde und Weisheit. Wie hoch dieses Erbe geschätzt wird, beweist auch die Tatsache, dass das 1300-jährige Jubiläum des Epos, einst auf direkte Initiative des aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev, feierlich und landesweit begangen wurde.

Eine Brücke zwischen den Nationen: Kulturelle Diplomatie durch Zeitenwenden hindurch
Dass ein so bedeutendes Zeugnis der Kultur in Dresden bewahrt und wissenschaftlich erschlossen wird, verleiht der Beziehung zwischen Aserbaidschan und der Bundesrepublik Deutschland, laut Botschafter Aghayev, eine ganz besondere kulturelle Dimension. Er hob hervor, dass kulturelles Erbe nicht allein dadurch lebt, dass man es bewahrt, sondern dadurch, dass man es aktiv lebt, erforscht, diskutiert und an kommende Generationen weitergibt.
In diesem Zusammenhang bezeichnete er es als bemerkenswert, mit welcher Sorgfalt das kostbare Kulturgut in Dresden über die Jahrhunderte hinweg behütet wurde, durch zwei Weltkriege und viele andere verheerende Wirren und Umbrüche der Geschichte hindurch. Dafür gebühre der Bibliothek, sowie den Generationen von Menschen, die sich dieser Bewahrung gewidmet haben, die besondere Anerkennung und der tiefe Dank seines Landes.
Anschließend sprach der renommierte Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Kamal Abdulla, Rektor der Aserbaidschanischen Sprachenuniversität, und leitete zu den wissenschaftlichen Kernaspekten über.
Das historische Fundament: Wer waren die Oghusen?
Um die fundamentale Tiefe des Werkes zu begreifen, beleuchtete das Symposium die Wurzeln der oghusischen Identität. Die Oghusen bildeten eine der historisch bedeutendsten nomadischen Konföderationen Zentralasiens. Sie sind das gemeinsame ethnische und sprachliche Fundament der heutigen Aserbaidschaner, Türken und Turkmenen. Ursprünglich im Altai-Gebirge und der Mongolei ansässig, wanderte dieser mächtige Verband aus 24 Stämmen, ab dem 8. Jahrhundert, nach Westen in die Steppen zwischen dem Aral- und dem Kaspischen Meer aus.
Ihre Sprache bildet den südwestlichen Zweig der türkischen Sprachfamilie, der sich historisch durch eine bemerkenswerte melodische Struktur und logische Vokalharmonie auszeichnet. Als die Oghusen ab dem 10. Jahrhundert zum Islam konvertierten, und als Seldschuken, und später Osmanen, den Kaukasus sowie Anatolien besiedelten, nahmen sie ihre Sprache und ihre Mythen mit. Genau in dieser Epoche des gewaltigen Wandels entstand das Kitab-i Dede Qorqud. Es ist die literarische Geburtsurkunde dieser Völkerwanderung und konserviert die oghusische Sprache in ihrer reinsten, ursprünglichen Form.

Jenseits von Schwarz und Weiß: Die Logik der Graustufen
Die philosophisch und strukturell spannendste Erkenntnis des Symposiums betrifft den Aufbau des Epos und die Art und Weise, wie in den Geschichten gedacht wird. In seiner klassischen Form, wie sie in der weltberühmten Dresdner Handschrift überliefert ist, besteht das Werk aus einer Einleitung und exakt 12 Heldenerzählungen, sogenannte Dastans.
Ein absolutes Highlight des Symposiums war hierbei der Vortrag von Prof. Dr. Cihangir Kızılözen (Universität Gümüşhane, Türkei): Er berichtete den Fachgästen detailliert über die neuesten philologischen Entdeckungen rund um ein potenzielles 13. Kapitel, die sogenannte Günbed-Handschrift aus dem Iran, welches den Kampf des Helden Salur Kazan gegen einen siebenköpfigen Drachen beschreibt. Kızılözen stellte exakt dar, dass dieses 13. Kapitel in der internationalen Wissenschaft derzeit nicht als gesichert eingestuft wird, sondern aufgrund von Fragen zur sprachlichen Authentizität und Herkunft weiterhin Gegenstand intensiver Debatten ist.

Das Epos im Licht der philosophischen Moderne
In seinem anschließenden Beitrag unter dem Titel „Ein neuer Ansatz zur Interpretation des Buches des Dede Qorqud: Von der Eindimensionalität der klassischen Logik zur Mehrdimensionalität der Fuzzy Logik“, verknüpfte Prof. Kızılözen diese strukturellen Fragen mit der philosophischen Moderne. Er bewies, dass die Erzählungen dem Prinzip der Unscharfen Logik (Fuzzy Logic) folgt. In enger Resonanz zu dem Impulsvortrag von Prof. Dr. Kamal Abdulla legte er dar, dass die oghusischen Nomaden ganz anders funktionierten als das klassische, westeuropäische Denken. Während man in der abendländischen Tradition oft in starren Gegensätzen denkt (wahr oder falsch, gut oder böse), operiert das über 1300 Jahre alte Epos in einem Raum voller Zwischenwerte.
Die Helden leben in einer unbeständigen, sich ständig verändernden Umwelt, in der Konflikte selten durch die absolute Vernichtung des Gegners gelöst werden. Vielmehr bewegen sich die Figuren in moralischen Grauzonen, in denen Kompromisse flexibel verhandelt werden. Diese historische Toleranz für Ambiguitäten zeigt ein flexibles Weltbild, das in einer komplexen Welt völlig ohne starre Dogmen auskommt.
Die Brücke zur Künstlichen Intelligenz
Diese logische und sprachliche Komponente verlängerte Dr. Burak Eke, Direktor der Stiftung für Sprache und System der Republik Türkei, direkt in unsere digitale Gegenwart. In seinem Vortrag untersuchte er die grammatikalischen Strukturen und Redewendungen des Werkes im Lichte der modernen Linguistik.
Er schlug dabei eine faszinierende Brücke zur Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz (KI). Moderne Computerprogramme und generative KI-Systeme stehen vor einer großen Herausforderung: Sie müssen menschliche Zwischentöne und ungenaue Kontexte mathematisch begreifen. Die im Epos verankerte, mehrdimensionale Logik der oghusischen Sprache liefert wertvolle sprachwissenschaftliche Ansätze, um diese menschlichen Graustufen in maschinelle Algorithmen zu übersetzen. Das uralte Sprachdenkmal erweist sich somit als unerwarteter Impulsgeber für die Computerlinguistik der Zukunft.

Starke Frauen und dezentrale gesellschaftliche Strukturen
Dass das Kitab-i Dede Qorqud ein literarisches Monument von universeller Tragweite ist, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe, der das Werk Anfang des 19. Jahrhunderts tief bewunderte und im Zuge seiner Idee der „Weltliteratur“ feierte als glänzenden Beweis dafür, dass Orient und Okzident im Kern dieselbe poetische Seele teilen.
Einen weiteren wichtigen komparatistischen Akzent setzte der Augsburger Germanist Prof. Dr. Klaus Wolf. Er präsentierte verblüffende Parallelen zwischen dem oghusischen Epos und dem mittelhochdeutschen Kudrun-Epos. Während das bekannte deutsche Nibelungenlied in starrer, fatalistischer Pflicht verharrt, und in einer totalen Katastrophe endet, teilen die Kudrun, und die über 1300 Jahre alten oghusischen Geschichten, ein friedensorientiertes Gesellschaftsmodell:
Rettung durch Frauenkraft und Dezentrale Governance
In beiden Kulturen bricht die zerstörerische Gewalt der Männer an einem kritischen Punkt zusammen. Die Rettung und Befriedung der Lage erfolgt über die weiblichen Figuren. Frauen werden hier nicht als passive Zuschauerinnen, sondern als kluge, eigenständige Akteurinnen dargestellt, die die endlose Spirale der Rache stoppen.
Kulturwissenschaftlich betrachtet zeigt diese Parallele, dass erfolgreiche historische Gesellschaften auf eine kluge Aufteilung der Macht angewiesen waren. Für die Kulturtheorie liefert dies den Beweis, dass Vielfalt und flexible gesellschaftliche Strukturen keine modernen Trends, sondern anthropologische Konstanten bei der sozialen Krisenbewältigung sind.

Fazit
Das Dresdner Symposium hat gezeigt, dass das Kitab-i Dede Qorqud weit mehr ist als ein alter Archivschatz. In seiner Absage an starres Schwarz-Weiß-Denken bietet das über 1300 Jahre alte Nationalepos der Oghusen einen tiefen philosophischen Wertekompass. Seine Prinzipien der Flexibilität und des gesellschaftlichen Zusammenhalts können auch den heutigen Denksystemen als visionäres Vorbild dienen.
