Originaldokument des „Kitab-i Dede Qorqud“ Epos in der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und universitätsbibliothek Dresden (Foto: C. Grosse)
Wie weit geht ein totalitärer Staat, um das historische Gedächtnis einer ganzen Kultur zu löschen? Für Historiker und Kulturwissenschaftler bietet die Rezeptionsgeschichte des oghusischen Nationalepos „Kitab-i Dede Qorqud“ ein dramatisches Lehrbeispiel für die radikale Unterdrückung intellektuellen Kapitals. Während der Ära der Sowjetunion (UdSSR) war die Erforschung und Verbreitung des über 1300 Jahre alten Werkes strengstens verboten. Die Auswirkungen dieses Kultur-Schocks reichen als faszinierende Fallstudie über staatliche Machtmonopole und ideologische Kontrolle bis in unsere Gegenwart.
Dass dieses unschätzbare literarische Erbe heute überhaupt als globale Brücke zwischen Orient und Okzident verstanden werden kann, ist ein echtes wissenschaftliches Wunder. Die Dresdner Originalhandschrift gelangte, laut den offiziellen Unterlagen der SLUB, höchstwahrscheinlich im Jahr 1753 nach Sachsen, als der neapolitanische Dragoman Francesco Crescenzo Giuliani, unter dem Schutz des mächtigen Ministers Heinrich von Brühl, eine kostbare Sammlung orientalischer Codices an die kurfürstliche Bibliothek verkaufte.
Die Rettung des Textes im Westen: Von Diez, Rossi und der Blick von Rom aus
Ein wichtiger Meilenstein der Rezeptionsgeschichte verbindet sich mit dem deutschen Diplomaten Heinrich Friedrich von Diez: Von Diez war, anders als oft vermutet, keineswegs der Verkäufer des Dresdner Manuskripts, sondern derjenige, der die vergessene Handschrift in der Bibliothek wiederentdeckte und Auszüge davon 1815 erstmals ins Deutsche übersetzte. Neben diesem Dresdner Prachtkodex existiert weltweit nur ein einziges weiteres, unvollständiges Manuskript im Vatikan. Dieses wurde 1950 von dem italienischen Orientalisten Ettore Rossi entdeckt und aufgearbeitet.
Auf dem jüngsten Symposium in Dresden hob Prof. Dr. Mario Soldaini, von der prestigeträchtigen Universität La Sapienza in Rom hervor, wie sehr diese westliche Wiederentdeckung, und die frühen deutschen Übersetzungen, den Grundstein für die weltweite Erforschung, des über 1300 Jahre alten Epos, außerhalb der sowjetischen Einflusssphäre legten.
Denn innerhalb der UdSSR braute sich zu genau dieser Zeit eine humanitäre und akademische Katastrophe zusammen. Den Experten in Moskau und Baku lagen, durch die frühen russischen Übersetzungen des Orientalisten Vasily Bartold, ab 1922 detaillierte Informationen über den Text vor. Doch mit dem Erstarken des stalinistischen Nationalismus nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich der ideologische Kurs des Kremls radikal.
Chronik eines Weltkulturschatzes
– Über 1300 Jahre alt: Ursprung der oghusischen Mythen und der mündlichen Überlieferung des Epos Kitab-i Dede Qorqud in Zentralasien und im Kaukasus.
– 16. Jahrhundert: Entstehung der berühmten, weltweit umfangreichsten Originalhandschrift Kitab-i Dede Qorqud.
– 1753: Das Manuskript gelangt durch den neapolitanischen Dragoman Francesco Crescenzo Giuliani nach Dresden und wird ein Jahr später im kurfürstlichen Katalog erfasst.
– 1815: Der deutsche Diplomat Heinrich Friedrich von Diez entdeckt das sächsische Manuskript wieder und übersetzte erste Auszüge ins Deutsche.
– 1950: Der Orientalist Ettore Rossi entdeckt das zweite, unvollständige Manuskript in der Vatikanischen Bibliothek.
– 1951: Der Zensur-Schock. Das stalinistische Regime unter Mir Jafar Baghirov verbietet die Erforschung des Epos in der UdSSR komplett. Wissenschaftler flüchten sich in die akademische Camouflage.
– 2. Februar 1988: Im Zuge von Glasnost und Perestrojka bricht die offizielle Druckerlaubnis für eine unzensierte Ausgabe das jahrzehntelange Tabu.
– 1999: Zum offiziellen UNESCO-Gedenkjahr veranstaltet die SLUB Dresden das erste große internationale wissenschaftliche Symposium.

Das einzigartige Merkmal: Warum Dede Qorqud für die Turkvölker heilig ist
Um die Härte des sowjetischen Verbots zu verstehen, muss man das herausragende und vollkommen einzigartige Merkmal dieses Werkes betrachten. Das Kitab-i Dede Qorqud ist nicht einfach nur eine Sammlung von Heldengeschichten, es ist die „Ur-Matrix“ und die sprachliche, sowie kulturelle DNA der gesamten oghusischen Turkvölker (Aserbaidschaner, Türken, Turkmenen). Es besitzt für diese Kulturen einen Stellenwert, der sich mit der Homerischen Epik für Griechenland oder den Ur-Mythen anderer Weltkulturen vergleichen lässt.
Die kulturelle DNA: Warum das Epos für die oghusische Seele heilig ist
Das Besondere und Einzigartige an den Schriften liegt zum einen in ihrer Rolle als lebendiges Sprachdenkmal, da das Werk die oghusische Sprache in einer poetischen Reinheit konserviert, die Jahrhunderte der mündlichen Überlieferung überdauert hat, und somit das linguistische Fundament bildet, auf dem die modernen Turksprachen überhaupt erst aufbauen. Zum anderen fungiert es als eine Art Enzyklopädie des nomadischen Lebens. Denn die Erzählungen beschreiben detailgetreu den gesamten Lebenskosmos, die Ethik, die Rituale, die Musik auf dem traditionellen Saiteninstrument Kopuz und das soziale Gefüge der Nomaden im Übergang zwischen Zentralasien und dem Kaukasus, wobei das uralte schamanisch-animistische Weltbild nahtlos in die islamische Spiritualität eingeflochten wird.
Für die Turkvölker ist dieses Werk deshalb so extrem wichtig, weil es ihren historischen Reisepass und ihren gemeinsamen Identitätsanker darstellt. Es beweist eine jahrtausendealte, hochentwickelte literarische und philosophische Eigenständigkeit, die unabhängig von äußeren Einflüssen gewachsen ist. Wer das Dede Qorqudkontrolliert oder löscht, löscht das Fundament der oghusischen Seele.

1951: Das Verdikt gegen die oghusische Identität
Genau an dieser empfindlichen Stelle setzte der stalinistische Angriff an, wie die Experten auf einer hochkarätig besetzten Dresdner Paneldiskussion, unter der Moderation von Prof. Dr. Ewa Maria Auch, analysierten.
Der historische Schock kollabierte im Jahr 1951: Auf dem 18. Kongress der Kommunistischen Partei Aserbaidschans brandmarkte der stalinistische Machthaber Mir Jafar Baghirov das über 1300 Jahre alte Werk offiziell als „schädliches, reaktionäres und antipopuläres Buch“. Die sowjetische Führung warf dem Epos vor, den „bürgerlichen Nationalismus“ zu fördern und religiöse, islamische Inhalte zu transportieren. Da das Werk das autonome, stolze und freiheitsliebende Leben der oghusischen Nomaden feierte, passte es schlicht nicht in das zentralistische, uniformierte Konzept des geschichtslosen Sowjetbürgers (Homo Sovieticus).
Die Folge war ein drakonisches Tabu: Das Buch wurde über Nacht aus allen Universitäten und Bibliotheken verbannt, wissenschaftliche Abhandlungen wurden eingestampft. Wissenschaftler, die das Werk verteidigten, gerieten ins Visier des Geheimdienstes, verloren ihre Lehrstühle oder wurden physisch liquidiert.

Die geheime Rettung: Akademische Camouflage
Wie ging die Wissenschaftselite mit diesem Totalverbot um? Wie auf dem Symposium berichtet wurde, wendeten führende Philologen im Geheimen eine lebensgefährliche Taktik an, die sogenannte akademische Camouflage. Da sie das über 1300 Jahre alte Epos nicht mehr unter seinem echten Namen erforschen durften, versteckten sie ihre Analysen in scheinbar harmlosen linguistischen Arbeiten. Sie deklarierten ihre Forschung offiziell als bloße „Linguistische Untersuchung der Dialekte und der historischen Grammatik der aserbaidschanischen Sprache des 14. Jahrhunderts“. Sie zitierten Zeilen aus dem verbotenen Werk, tarnten sie aber als anonyme Hirtenlieder, um den Zensoren der sowjetischen Behörden zu entgehen.
Auch der internationale Kontext wurde auf dem Panel diskutiert. Prof. Dr. Mukhtar Imanov (Leiter des Lehrstuhls der aserbaidchanischen Sprachenuniversität), und Prof. Dr. Jalil Nagiyev (Leiter des Lehrstuhls an der Staatlichen Universität Baku) legten dar, dass das Epos fundamentale, kulturübergreifende Erzählmuster mit der Weltliteratur teilt, wie den Kampf des Helden Basat gegen den Zyklopen Tepegöz, der frappierende Parallelen zu Homers Odyssee aufweist. Doch selbst solche universalen Menschheitsmotive wurden von der sowjetischen Zensur blockiert, da man befürchtete, das traditionsreiche Werk könne den nationalen Stolz der kaukasischen Völker stärken.
Der Weg in die Gegenwart: Perestrojka und moderne Systemresilienz
Erst im Zuge von Michail Gorbatschows Reformpolitik von „Perestrojka und Glasnost“ in den späten 1980er-Jahren, vollzog sich die Wende. Nach jahrelangen, zähen Zensurkämpfen im bürokratischen Apparat wurde am 2. Februar 1988 endlich die offizielle Druckerlaubnis für eine unzensierte Edition des Epos erteilt. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 stieg das Werk vom verbotenen Untergrund-Text endgültig zum offiziellen Nationalepos und UNESCO-Weltkulturerbe auf.
Auf dem Symposium spannten Prof. Dr. Nizami Jafarow (Direktor des Atatürk Zentrums) und Prof. Dr. Kamal Abdulla den Bogen vom historischen Trauma, direkt in unsere moderne Epoche. Sie zeigten auf, wie sich das „historische Gedächtnis“ einer Kultur von der stalinistischen Unterdrückung hin zur aktiven Transformation weiterentwickelt hat, symbolisiert durch den Übergang von den gemeinschaftlichen Dede-Qorqud-Strukturen hin zur Figur des Köroğlu, dem legendären Volkshelden des 16./17. Jahrhunderts, der als edler Rebell das Einfordern von gesellschaftlicher Gerechtigkeit verkörpert.

Langfristige Auswirkungen: Das Erbe der Zensur bis heute
Obwohl das Verbot seit Jahrzehnten aufgehoben ist, prägt der damalige Zensur-Schock die turksprachige Welt bis in die unmittelbare Gegenwart. Eine der spürbarsten Auswirkungen ist die Zerrissenheit der akademischen Generationen. Durch das jahrzehntelange Verbot entstand eine tiefe Wissenslücke: Den älteren, sowjetisch ausgebildeten Wissenschaftlern fehlte über Generationen der freie, internationale Zugang zu den westlichen Forschungen, wie denen aus Dresden oder Rom. Erst die heutige, junge Forschergeneration muss diese Lücken mühsam schließen.
Zudem führte die erzwungene sowjetische Geheimhaltung zu einem faszinierenden kulturellen Phänomen, das bis heute nachwirkt: Weil das Epos an den Schulen verboten war, wurde es im privaten Raum, in den Familien, umso intensiver mündlich weitererzählt. Kitab-i Dede Qorqud wurde so zu einem geheimen Symbol des friedlichen, inneren Widerstands gegen die Fremdbestimmung. Diese emotionale Aufladung erklärt, warum das Buch heute in Aserbaidschan fast wie ein heiliges Nationalgut verehrt wird, und der Name Dresden einen so ehrfürchtigen Klang im Kaukasus besitzt.

Fazit und Ausblick: Der Kompass für die Zukunft
Das sowjetische Forschungsverbot und seine schlussendliche Überwindung liefern eine zeitlose kulturphilosophische Lektion: Kulturelles Gedächtnis lässt sich nicht per staatlichem Dekret löschen. Totalitäre Systeme basieren rein evolutionär auf einer extrem unbiegsamen, binären Logik (Freund oder Feind, Systemtreu oder Staatsfeind, 1 oder 0). Ein literarisches Meisterwerk, Dede Qorqud, das in seinen Erzählungen Grauzonen zulässt, Pluralität feiert und Konflikte durch Verhandlung, statt durch absolute Vernichtung löst, stellt für ein solches System naturgemäß eine existenzielle Bedrohung dar.
Der Ausblick, den das Dresdner Symposium eröffnet, ist von weitreichender, globaler Bedeutung. In einer geopolitisch zunehmend zersplitterten Welt wächst die Relevanz des Epos als diplomatische Soft Power. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den turksprachigen Staaten zeigt, dass ein 1300 Jahre alter Text stabiler ist als politische Systeme.
Die Zukunft des Werkes liegt in seiner Rolle als internationaler Brückenbauer. Dank der zukunftsorientierten Bewahrung und weltweiten Digitalisierung durch Institutionen, wie die SLUB Dresden, ist das Kitab-i Dede Qorqud endgültig aus den staubigen Fesseln der Zensurbehörden befreit worden. Es beweist für die Zukunft: Wahre gesellschaftliche Resilienz, Identität und geistige Freiheit gedeihen niemals unter dem Joch starrer Kontrolle, sondern entstehen erst dann, wenn Mauern fallen und die Denkräume für den freien, globalen Austausch bedingungslos geöffnet werden.
