Willkommenszeremonie in Berlin mit S.E. Ilham Aliyev, Präsident von Aserbaidschan und Bundeskanzler Friedrich Merz (Foto: offizielle Webseite des Präsidenten von Aserbaidschan)
Mit militärischen Ehren empfing Bundeskanzler Friedrich Merz am 21. Juli 2026 den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Alijev zu Gesprächen über eine vertiefte Energiekooperation und den regionalen Friedensprozess in Berlin. Im Mittelpunkt standen die Erhöhung der aserbaidschanischen Gaslieferungen zur Sicherung der deutschen Energieversorgung sowie der Ausbau der Zusammenarbeit im Rahmen einer neuen strategischen Agenda, die auch den Import von grünem Wasserstoff umfasst.
Der Fokus des Treffens: Energie und Geopolitik
Seit dem vollständigen Stopp russischer Gaslieferungen vor viereinhalb Jahren sucht die Bundesrepublik kontinuierlich nach verlässlichen Bezugsquellen. Aserbaidschan gilt hierbei als strategischer Schlüsselpartner. Bundeskanzler Merz betonte in den Gesprächen, dass Aserbaidschan zu den wenigen Ländern der Region gehört, die einen deutlichen Energieüberschuss produzieren. Aktuell liefert das Land vertraglich geregelte 1,5 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr direkt nach Deutschland.
Präsident Alijev signalisierte während des Treffens eine grundlegende Bereitschaft zu deutlichen Mehrlieferungen. Er knüpfte dies jedoch an neue, langfristige Abnahmeverträge sowie eine finanzielle Beteiligung der Europäischen Union und europäischer Banken am Ausbau der Pipeline-Infrastruktur.
Die Erhöhung der Importe soll insbesondere den Süden Deutschlands entlasten, da die dorthin führende Infrastruktur bereits vorteilhaft ausgebaut ist. Hinzu kommt die Stärkung des Mittleren Korridors als Handelsroute unter Umgehung Russlands.
Der Mittlere Korridor-eine logistische Herausforderung
Der Mittlere Korridor, auch als Transkaspische Internationale Transportroute (TITR) bezeichnet, ist ein strategisches, multilaterales Netzwerk aus Schienen-, Straßen- und Schifffahrtswegen, das China und Zentralasien direkt mit Europa verbindet. Das entscheidende Merkmal dieser Route ist geopolitischer Natur: Sie verläuft komplett unter Umgehung Russlands und des Iran. Güter und Rohstoffe bewegen sich über diese Route durch mehrere Länder und über zwei Meere.
Die Route nimmt ihren Anfang im Westen Chinas. Per Eisenbahn werden die Waren durch Kasachstan, oder Usbekistan/Turkmenistan, bis an die Ostküste des Kaspischen Meeres, z. B. der Hafen in Aktau, transportiert. Güterzüge und LKW werden auf spezielle Eisenbahnfähren verladen, um das Meer Richtung Westen zu überqueren.
Die Schiffe legen im Hafen von Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, an. Von dort geht es per Schiene über die Baku–Tiflis–Kars–Linie weiter durch Georgien. Von Georgien führt die Route entweder per Schiff über das Schwarze Meer, z. B. nach Bulgarien oder Rumänien, oder direkt über den Landweg durch die Türkei direkt nach Europa.

Warum ist der Mittlere Korridor so wichtig geworden?
Die Route existiert zwar schon länger, hat jedoch durch jüngste weltpolitische Krisen massiv an Bedeutung gewonnen. Vor dem Ukraine-Krieg lief der Großteil des asiatisch-europäischen Landhandels über den Nördlichen Korridor (Transsibirische Eisenbahn durch Russland). Durch westliche Sanktionen weichen Logistikunternehmen verstärkt nach Süden aus.
Militärische Konflikte im Nahen Osten und Angriffe auf Frachtschiffe im Roten Meer beeinträchtigen die traditionellen Seerouten um den Suezkanal massiv. Der Mittlere Korridor bietet hierzu eine stabile, landbasierte Alternative. Hinzu kommt die Zeitersparnis. Ein Transport über den Mittleren Korridor dauert in der Regel rund 15 Tage. Das ist etwa ein Drittel schneller als der reine Seeweg über die Ozeane.
Für Deutschland und die EU ist der Korridor der Schlüssel, um kritische Rohstoffe wie Lithium, Wolfram, Antimon, Kobalt und andere seltene Erden direkt aus Zentralasien zu importieren, ohne von China oder Russland logistisch blockiert werden zu können.
Die aktuellen Herausforderungen
Obwohl das Transportvolumen in den letzten Jahren rasant gestiegen ist, von unter einer Million Tonnen im Jahr 2021 auf über 4,5 Millionen Tonnen in 2025, gibt es dennoch strukturelle Probleme. Das ständige Umladen von Zügen auf Schiffe (Kaspisches Meer) und zurück auf Schienen, ist zeitaufwendig und teuer. Es fehlt an modernen Hafenkapazitäten und einer ausreichenden Anzahl an Frachtschiffen und Fähren, um die steigende Nachfrage reibungslos abzuwickeln.
Da die Route viele Staatsgrenzen kreuzt, bremsen uneinheitliche Zoll- und Grenzformalitäten den Verkehrsfluss, was den Bürokratieaufwand erheblich erhöht. Aus diesem Grund investiert die Europäische Union über ihr Global Gateway – Programm derzeit Milliardenbeträge in die Digitalisierung, die Vereinheitlichung der Zollsysteme und den Ausbau der Schienennetze entlang des Korridors.
Die Bedeutung für die Europäische Union
Für Europa fungiert das Land am Kaspischen Meer primär als verlässlicher Puffer und Stabilisator im Gasnetz, und das aus mehreren Gründen. Über die Trans-Adriatische Pipeline (TAP) liefert das Land Erdgas direkt nach Südeuropa, hauptsächlich nach Italien, Griechenland und Bulgarien. Im Jahr 2025 exportierte Aserbaidschan rund 11,3 Milliarden Kubikmeter Gas in die EU. Das entsprach knapp 4 Prozent der gesamten EU- Gasimportmenge, oder rund 8 Prozent der reinen Pipeline-Importe.
Das 2022 mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vereinbarte Ziel, die Lieferungen bis 2027 auf 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr zu verdoppeln, stockt aktuell. Grund sind fehlende Investitionen europäischer Banken in fossile Infrastruktur sowie der Bedarf an langfristigen Abnahmeverträgen. Aserbaidschan beliefert mittlerweile 10 EU-Mitgliedsstaaten und bietet eine physische Alternative zu russischen Transitrouten.

Die Bedeutung für Deutschland
Für die Bundesrepublik Deutschland war die Kaukasusrepublik historisch vor allem ein Öllieferant, rückt nun aber auch beim Gas in den Fokus. Seit Januar 2026 bezieht Deutschland erstmals direktes Pipeline-Gas aus Aserbaidschan. Aktuell ist eine Menge von 1,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr über einen 10-Jahres-Vertrag mit deutschen Energiekonzernen wie Uniper geregelt.
Gemessen am deutschen Jahresverbrauch, derzeit ca. 80–85 Milliarden Kubikmeter, deckt diese Menge nur knapp 1,8 Prozent des deutschen Bedarfs. Es handelt sich also um eine wertvolle Ergänzung zur Absicherung, nicht um eine tragende Säule wie Norwegen oder LNG-Terminals. Da das Gas im europäischen Netz von Süden nach Norden transportiert wird, profitiert insbesondere die Industrie in Süddeutschland, wo die Pipeline-Anbindungen strategisch günstig liegen.
Die Zukunft: Grüner Strom und Wasserstoff
Die langfristige Relevanz Aserbaidschans verschiebt sich zunehmend von fossilen Energieträgern hin zu regenerativen Quellen. Das Land plant Großprojekte im Bereich Wind- und Solarenergie am Kaspischen Meer. Bis 2032 sollen 8 Gigawatt Leistung installiert sein. Über ein geplantes Unterseekabel durch das Schwarze Meer, soll dieser grüne Strom direkt nach Rumänien, Ungarn, und somit in das europäische Stromnetz, geleitet werden.
Die bestehende Pipeline-Infrastruktur des Südlichen Gaskorridors soll perspektivisch für den Transport von grünem Wasserstoff nach Mitteleuropa umgerüstet werden, was für die Dekarbonisierung der deutschen Industrie elementar ist.

Die wesentlichen Ergebnisse des Besuchs
Der Besuch mündete in konkreten politischen Vereinbarungen und weitreichenden Absichtserklärungen. Beide Staatschefs unterzeichneten die „Gemeinsame Erklärung zur Strategischen Agenda für die bilaterale Partnerschaft“. Diese soll die Zusammenarbeit in den Bereichen Wirtschaft, Handel, Verkehr, digitale Bildung und Technologie auf eine neue Stufe heben.
Zur direkten Förderung des bilateralen Handels, der im Jahr 2025 bereits bei rund 1,7 Milliarden Euro lag, wurde zudem der Aserbaidschanisch-Deutsche Wirtschaftsrat ins Leben gerufen. Neben fossilen Brennstoffen vereinbarten Merz und Alijev auch die Diversifizierung der Energieimporte. Deutschland strebt künftig den Import von grünem Wasserstoff aus der Kaspischen Region an. Ein zentrales Thema war auch die Stärkung des Mittleren Korridors.
Regionaler Friedensprozess im Südkaukasus
Ein weiterer Programmpunkt war das Treffen Alijevs mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in der Villa Borsig. Bundeskanzler Merz beglückwünschte Alijev zu dem im Jahr 2025 geschlossenen Friedensvertrag zwischen Aserbaidschan und Armenien, welcher unter Vermittlung von US-Präsident Donald Trump zustande kam.
Steinmeier und Merz unterstrichen gleichermaßen, dass eine dauerhafte Normalisierung der Beziehungen im Südkaukasus die unabdingbare Basis für nachhaltige westliche Investitionen darstellt. Neben den ambitionierten Energieprojekten bleibt der Ausbau der bilateralen Beziehungen eng mit dem gemeinsamen Ziel verbunden, die nachhaltige Friedensordnung in der Region durch einen fortlaufenden politischen Austausch zu stärken.
Fazit
Der offizielle Besuch von Präsident Alijev in Berlin zementiert die wachsende Bedeutung Aserbaidschans als strategischer Partner für die deutsche und europäische Energiesicherheit abseits Russlands. Durch konkrete Vereinbarungen wie die Gründung des Wirtschaftsrates und den geplanten Import von grünem Wasserstoff wurden die wirtschaftlichen Beziehungen auf eine neue Stufe gehoben. Gleichzeitig stärkt die engere Kooperation den logistisch wichtigen „Mittleren Korridor“ als künftige Haupthandelsroute zwischen Asien und Europa.
Neben den zukunftsweisenden Wirtschaftsplänen bietet die gefestigte Partnerschaft zudem einen verlässlichen Rahmen, um auch gesellschaftspolitische Fragen und demokratische Werte weiterhin im partnerschaftlichen Dialog zu vertiefen.
