Zum Nationalfeiertag von Wallonien: Begrüßung von S.E. Piet Heirbaut, Botschafter des Königreichs Belgien in Deutschland, und Alexander Homann, Leiter der Vertretung der Föderation Wallonie-Brüssel und der Deutschsprachigen Gemeinschaft (Foto: C. Grosse)
Berlin / Lüttich. Ein bayerischer Schausteller erfand die Frittenbude, ein deutsches Autoren-Duo bereist Südbelgien im Renault R4, und die Universität Lüttich liefert die thermodynamische Formel für das perfekte Street-Food. Zum soeben begangenen Nationalfeiertag der Föderation Wallonie-Brüssel blickt Newsmark hinter die Gewohnheiten einer grenzüberschreitenden Genusskultur und entzaubert den größten mythologischen Irrtum der kulinarischen Geschichte.
Es war ein Zusammentreffen in einer bemerkenswert angenehmen und guten Atmosphäre: Anlässlich des Nationalfeiertags lud die offizielle Vertretung in die Räumlichkeiten der Belgischen Botschaft in Berlin. Nach einleitenden Worten Seiner Exzellenz Piet Heirbaut, Botschafter des Königreichs Belgien in Deutschland, übernahm der Leiter der Vertretung Walloniens, Alexander Homann, Botschaftsrat und Leiter der Vertretung der DGCFRW, das Wort.
Vor den geladenen Gästen aus Politik und Wirtschaft zeichnete er das Bild einer tiefen kulturellen und wirtschaftlichen Partnerschaft – und leitete mit voller Begeisterung und Euphorie auf die wahre Historie der Pommes Frites über. Mit seiner mitreißenden Art steckte er das sichtlich faszinierte Publikum an, das die Ausführungen zur gemeinsamen kulinarischen Geschichte mit großer Begeisterung aufnahm. Abgerundet wurde der gelungene Abend mit einem wunderbaren Empfang in schöner Atmosphäre bei angenehmen Temperaturen, und natürlich stilecht servierten, goldgelben Pommes Frites.
Kulturelle Brückenköpfe: Mit dem R4 durch Südbelgien
Diese lebendige Verbindung spiegelte sich an diesem Abend auch in einer besonderen kulturellen Darbietung wider: Das Autoren-Ehepaar Anke Steinemann und Jens F. Meyer präsentierte im Rahmen einer charmanten Lesung sein Reise-Erlebnisbuch „Wo die Wallonen wohnen – Im Renault R4 durch Südbelgien“. In einem nahbaren Live-Interview, geführt von Delegiertem Alexander Homann, nahm das Duo die anwesenden Gäste mit auf seine Entschleunigungstour im 34-PS-Klassiker, und berichtete aus erster Hand von den persönlichen Erfahrungen und prägenden Begegnungen im Süden Belgiens.
Vom Roadtrip zum Fritten-Kult
Ihre geschilderten Abenteuer, von poetischen Momenten in den Ardennen bis hin zu kalorienreichen Pflichtstopps an lokalen Fritten-Tempeln, bildeten die perfekte Brücke zum kulinarischen Hauptthema des Abends: der Pommes Frites. Jüngste Archivforschungen des renommierten belgischen Ernährungshistorikers Pierre Leclercq, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Universität Lüttich, enthüllen hierzu eine überraschende historische Wahrheit. Das Fundament der weltberühmten belgischen Frittenkultur wurde nicht von lokalen Fischern gelegt – sondern ebenfalls von einem visionären bayerischen Schausteller und einer exakten physikalisch-chemischen Formel, die bis heute die weltweite Systemgastronomie dominiert.

Das Märchen von der Maas: Wie die Wissenschaft den Gründungsmythos der Fritte entzaubert
Jahrzehntelang hielt sich in Belgien hartnäckig ein Gründungsmythos aus dem Jahr 1680. Demnach hätten arme Fischer an der zugefrorenen Maas nahe Namur kleine Kartoffeln in Fischform geschnitten und frittiert, weil ihnen der echte Fang verwehrt blieb. Ein historisches Dokument aus dem Jahr 1781 schien dies zu belegen.
Die Untersuchungen der Universität Lüttich entlarvten diese Erzählung jedoch als reine Romantik. Im ausgehenden 17. Jahrhundert war die Kartoffel in der betroffenen Region als Grundnahrungsmittel noch gar nicht flächendeckend etabliert. Schwerer wiegt jedoch das ökonomische Argument: Die verarmte Landbevölkerung jener Zeit hätte sich die immensen Mengen an teurem Frittierfett, die für ein solches Verfahren zwingend notwendig sind, niemals leisten können. Die Wiege der Fritte liegt nicht in der ländlichen Armut, sondern im urbanen Premium-Segment.

Monsieur Fritz: Der bayerische Pionier des Street-Food-Franchise
Der tatsächliche kulinarische Ursprung der frittierten Kartoffel verortet sich im Paris der späten 1780er-Jahre, wo Händler auf der Brücke Pont Neuf dünne, in Fett gebackene Scheiben als schnellen Snack verkauften. Doch der Schritt von der französischen Pfannenware zum belgischen Nationalgericht, und industriell skalierbaren Massenphänomen, ist dem unternehmerischen Genie eines Deutschen zu verdanken: Jean-Frédéric Krieger.
Die Demokratisierung des Luxussnacks
Der gelernte Bäcker aus Bayern zog Mitte der 1830er-Jahre als Wanderarbeiter durch Paris, analysierte das dortige Straßengeschäft und erkannte das immense wirtschaftliche Potenzial der warmen Zwischenmahlzeit. Im Oktober 1838 transferierte Krieger das Konzept nach Belgien. Auf der Kirmes in Lüttich eröffnete er unter dem strategisch gewählten Künstlernamen „Monsieur Fritz“ die allererste dokumentierte gewerbliche Frittenbude des Landes.
Skalierung auf Schienen: Das erste Fritten-Imperium
Krieger bzw. „Monsieur Fritz“ bewies visionären Geschäftssinn und standardisierte das Produkt. Er schnitt die Knollen gezielt in längliche Stäbchen, was den Verzehr auf der Hand ohne Besteck massiv erleichterte, und verkaufte sie in Papiertüten mit Salz. Mit seinen prunkvollen, dampfenden Wagen zog er von Jahrmarkt zu Jahrmarkt über Brüssel und Antwerpen bis nach Gent.
Monsieur Fritz etablierte das Konzept des mobilen, wissenschaftlich fundierten System-Street-Foods weit vor modernen Fast-Food-Ketten. Bis zu seinem Tod im Jahr 1862 baute er ein beachtliches Frittier-Imperium auf, das von seiner Familie und Angestellten als größte Attraktion der belgischen Jahrmärkte fortgeführt wurde, und den Grundstein für die heute, als UNESCO-Kulturerbe geschützte Frietkot-Kultur legte.
Die Thermodynamik der Kruste: Das Geheimnis des Doppelfrittierens
Neben Kriegers Pionierarbeit im Vertrieb ist es die Perfektionierung der Zubereitung, die den belgischen Vorsprung am Markt bis heute sichert. Als ideale Basis fungieren streng mehligkochende Kartoffelsorten wie die legendäre Bintje (oder moderne Alternativen wie Agria und Fontane). Sie verfügen über einen konstant hohen Stärkegehalt von 15 bis 18 Prozent bei gleichzeitig geringem Zuckeranteil, was Bitterkeit verhindert und eine exakt kontrollierbare, goldbraune Farbe garantiert. Frittiert wird traditionell in Rindertalg (Blanc de Bœuf), dessen hoher Schmelzpunkt und Fettsäurenprofil den charakteristischen Geschmack transportieren.
Das präzise temperaturgesteuerte Garen bildet den ersten Durchgang. Bei moderaten 140 °C bis 150 °C wird das Innere des Kartoffelstäbchens gekocht. Die Stärke nimmt das zelluläre Wasser auf und geliert zu einer cremigen Textur, vergleichbar mit feinstem Kartoffelpüree. Das Wasser verdampft langsam nach außen und hinterlässt eine noch blasse, weiche Oberfläche. Nach diesem Schritt müssen die Pommes vollständig abkühlen. Während dieser Ruhephase trocknet die Oberfläche aus, und die gelierte Stärkestruktur stabilisiert sich.

Natürliche Biochemie auf höchstem Niveau
Die Maillard-Reaktion und der Dampfschutzschild bestimmen den anschließenden zweiten Durchgang. Bei heißen 175 °C bis 180 °C dient er dem Knusprig-Backen. Hierbei zündet die chemische Maillard-Reaktion zwischen Aminosäuren und Zuckern, was hunderte komplexe Aromastoffe freisetzt. Gleichzeitig entsteht ein physikalischer Schutzschild: Das restliche Wasser an der Oberfläche verdampft so rasant, dass der entstehende Dampfdruck von innen nach außen drückt. Solange dieser Dampfstrom aktiv ist, kann kein Fett in den Kern der Fritte eindringen – das Produkt saugt sich nicht voll. Erst wenn die Feuchtigkeit der äußersten Zellschicht komplett entwichen ist, härtet die Stärke dort zu einer mikroskopisch porösen, glasartigen Kruste aus.
Das kulinarische Vermächtnis der Wallonie
Die Geschichte der Pommes Frites zeigt eindrucksvoll, wie aus einem einfachen Agrarprodukt durch grenzüberschreitenden Gründergeist, gezieltes Marketing und technologische Perfektionierung ein weltweit geschätztes Kulturgut entstehen kann. Frankreich mag die Fritte einst inspiriert haben, doch erst der bayerische Pioniergeist von Monsieur Fritz, und das kulinarisch-wissenschaftliche Verständnis der Wallonie, machten sie zu dem gastronomischen Meisterwerk, das heute globale Standards setzt. Wenn die Gäste des wallonischen Nationalfeiertags in Berlin eines mit nach Hause nehmen, dann die Erkenntnis, dass wahre Genusskultur keine Grenzen kennt – sondern Geschichten schreibt, die Menschen auch Jahrhunderte später noch spürbar begeistern.
