Filmpremiere zum Thema „Deutsche in Aserbaidschan“ im Kulturzentrum von Aserbaidschan (Foto: C. Grosse)
Ein Dossier von Christian Grosse
Weinbau im großen Stil, modernste Schwerindustrie, visionäre Infrastruktur und ein deutscher Bürgermeister im Rathaus von Baku: Im 19. Jahrhundert schufen schwäbische Auswanderer und deutsche Ingenieure im heutigen Aserbaidschan ein wirtschaftliches Kraftzentrum. Ein faszinierendes Kapitel transnationaler Wirtschaftsgeschichte, das angesichts einer neuen strategischen Partnerschaft beider Länder und einer vielbeachteten Filmdokumentation wieder ins globale Rampenlicht rückt.
Wenn heute über die historischen Triebfedern der aserbaidschanischen Wirtschaft gesprochen wird, stehen meist der Ölboom in Baku und die Familie Nobel im Vordergrund. Doch abseits der Bohrtürme, am Kaspischen Meer, vollzog sich im Westen des Landes ab 1817 eine zweite, ebenso fundamentale Modernisierungswelle. Angetrieben wurde sie von schwäbischen Pietisten und deutschen Industrie-Pionieren. Sie gründeten insgesamt acht florierende Siedlungen, transformierten die traditionsreiche Agrarregion in ein hocheffizientes Exportzentrum und wurden über die Generationen hinweg zu einem integralen Bestandteil der aserbaidschanischen Gesellschaft.
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DEUTSCHE WIRTSCHAFTSKRAFT IM KAUKASUS AUF EINEN BLICK
1817–1819: Einwanderung der schwäbischen Kolonisten und Gründung der ersten Mustersiedlungen Helenendorf und Annenfeld. Insgesamt entstanden acht deutsche Dörfer.
4 Prozent: Anteil, den die Winzerdynastien Vohrer und Hummel zeitweise am gesamten Wein- und Spirituosenmarkt des riesigen Russischen Reiches kontrollierten.
1864: Einstieg der Gebrüder Siemens in den Kupferbergbau von Gadabay, der sich zu einem technologischen Vorreiterprojekt in Europa entwickelte.
28 Kilometer: Länge der von Siemens gebauten Gebirgs-Schmalspurbahn, die über sieben monumentale Steinbrücken führte.
1883: Inbetriebnahme eines der ersten Wasserkraftwerke des Zarenreichs durch Siemens in Galakend.
1898–1902: Amtszeit des deutschen Ingenieurs Nikolaus von der Nonne als Oberbürgermeister von Baku und Schöpfer des ersten städtebaulichen Generalplans.
Über 300: Anzahl der historischen, schwäbischen Fachwerkhäuser, die heute im Stadtzentrum von Göygöl unter Denkmalschutz stehen.
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Dieses gemeinsame historische Fundament erfährt genau jetzt eine bemerkenswerte Renaissance. Erst vor wenigen Tagen besiegelten Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev und Bundeskanzler Friedrich Merz eine weitreichende Gemeinsame Erklärung über eine strategische Agenda für die bilaterale Partnerschaft. Diese Vereinbarung soll nicht nur wirtschaftliche Kanäle vertiefen, sondern gezielt Kooperationen in Kultur, Bildung und Sprache forcieren.
Wie lebendig diese Brücke ist, zeigte sich zeitgleich am 7. Oktober 2026 in Berlin: Vor über 300 hochkarätigen Gästen aus Politik, Diplomatie und Wirtschaft feierte das transnationale Dokumentarfilmprojekt „Kontrapunkt“ seine vielbeachtete Deutschlandpremiere.

Die Motive der Auswanderung: Krise, Glaube und die Nähe zum Ararat
Um zu verstehen, warum tausende Schwaben ab 1816 ihre Heimat verließen, um einen entbehrungsreichen, über 3.000 Kilometer langen Marsch in den unbekannten Südkaukasus anzutreten, muss man ein komplexes Geflecht aus Klimakatastrophen, religiöser Endzeitstimmung und geopolitischen Versprechungen entwirren. Hier wirkten drei fundamentale Katalysatoren zusammen.
Vulkanausbruch und Hungersnot: Das „Jahr ohne Sommer“
Der erste Auslöser war das sogenannte Jahr ohne Sommer und die damit verbundene wirtschaftliche Not. Süddeutschland, insbesondere das Königreich Württemberg, war nach den verheerenden Napoleonischen Kriegen durch Truppenkonfiszierungen und drastische Steuererhöhungen wirtschaftlich ausgeblutet. Den finalen, katastrophalen Stoß versetzte der Natur ein globaler Schock, als im Jahr 1815 der indonesische Vulkan Tambora ausbrach. Die ascheverdunkelte Atmosphäre führte 1816 in Europa zu Schneefall im Juli, flächendeckenden Missernten, einer dramatischen Hungersnot und galoppierender Inflation. Dies trieb weite Teile der ländlichen Bevölkerung in die absolute Existenzlosigkeit, wodurch die Auswanderung für viele Familien die letzte Überlebenschance darstellte.
Der Ruf des Ararat: Religiöse Flucht vor dem Weltende
Zusätzlich spielten religiöser Gewissenszwang und der Chiliasmus eine entscheidende Rolle. Unter den Auswanderern befand sich eine Kernzelle radikaler Pietisten, die sogenannten Separatisten. Im Zuge der Aufklärung führte die württembergische Landeskirche ein neues, liberaleres Gesangbuch und eine reformierte Liturgie ein, was für die tiefgläubigen Pietisten einen unerträglichen Gewissenszwang bedeutete. Hinzu kam der Glaube an das nahende tausendjährige Friedensreich Christi.
Beeinflusst durch theologische Denker waren viele Separatisten überzeugt, dass das Weltende kurz bevorstünde. Sie suchten Zuflucht im Osten, nahe dem biblischen Berg Ararat, da Transkaukasien ihnen als sicherer Zufluchtsort vor dem vermeintlich göttlichen Strafgericht über Westeuropa galt.

Der Pakt mit dem Zaren: Privilegien im Kaukasus
Den entscheidenden äußeren Impuls gab schließlich das Lockangebot des Zaren in Form eines geopolitischen Paktes. Auf der Gegenseite stand ein strategisches Angebot des russischen Zaren Alexander I., dessen Mutter eine gebürtige Württembergerin war. Russland hatte kurz zuvor Territorien im Südkaukasus erobert und brauchte loyale, christliche und agrarisch hochkompetente Siedler, um die unruhige Grenzkante gegenüber dem Osmanischen und Persischen Reich zu befrieden.
Der Zar bot den Schwaben ein weitreichendes Privilegien-Paket, das vollständige Religionsfreiheit, dauerhafte Befreiung vom verhassten Militärdienst, großzügige, kostenlose Landzuteilungen sowie mehrjährige Steuerbefreiungen und zinslose Kredite beinhaltete. Diese Kombination brachte die großen Trecks ins Rollen, die schließlich ab 1819 zur Gründung der ersten großen Musterkolonien wie Helenendorf, dem heutigen Göygöl, und Annenfeld, dem heutigen Şəmkir, führten.
Die Wein-Imperien Vohrer und Hummel: Vom regionalen Handelshaus zum internationalen Kognak-Erfolg
Die Deutschen veränderten den Weinbau in Aserbaidschan radikal. Während die lokale Bevölkerung Wein traditionell in Tongefäßen lagerte, führten die schwäbischen Siedler Holzfässer und modernste Kellertechnik ein. Aus dieser Gemeinschaft entwickelten sich zwei dominierende Familienunternehmen, die zu echten Agrar-Aktiengesellschaften des Zarenreichs aufstiegen.
Die Vohrer-Dynastie begann, als Christopher Vohrer im Jahr 1847 den ersten kommerziellen Weinberg anlegte. 1860 gründete er mit seinen Söhnen das Handelshaus „Christopher Vohrer und Söhne“, dessen Weine schnell internationale Preise gewannen. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts exportierte das Unternehmen jährlich gigantische Mengen Wein und baute im Jahr 1892 die erste Kognakfabrik in Aserbaidschan.

Die Gebrüder Hummel: Großbrennerei und das Modell Concordia
Nahezu zeitgleich bauten die Hummel-Brüder, auf Initiative von Gottlob Hummel, ab 1878 ein konkurrierendes Imperium auf. Während die Vohrers vor allem auf eigenen Anbau setzten, kaufte Hummel systematisch Weine und Säfte der Region auf, investierte in resistente amerikanische Rebsorten und führte modernste Schädlingsbekämpfung ein. Im Jahr 1895 errichteten sie eine hochmoderne Großbrennerei für Weinbrand.
Zusammen beherrschten die Familien zeitweise rund vier Prozent des gesamten Weinmarktes des riesigen Russischen Reiches. Später bündelten die Winzer ihre Kräfte in der Genossenschaft „Concordia“, die als Musterbeispiel für genossenschaftliche Organisation im Kaukasus galt und Filialen im gesamten postsowjetischen Raum unterhielt.
Siemens in Gadabay und das metallurgische Weltfeuer
Während Helenendorf im Zeichen des Weins erblühte, revolutionierte ein weltweit bekannter Name die aserbaidschanische Schwerindustrie. Im Jahr 1864 erwarben die Brüder Werner, Walter und Carl von Siemens die Kupferminen im abgelegenen Bergdorf Gadabay. Siemens benötigte riesige Mengen Kupfer für den Bau der prestigeträchtigen Indo-Europäischen Telegrafenlinie. Was als privates Investment begann, entwickelte sich rasch zu einem der modernsten metallurgischen Zentren Europas.
Siemens brachte die industrielle Revolution im Eiltempo in den Kaukasus und setzte dabei vor allem auf den massiven Ausbau der Infrastruktur. Zwischen 1879 und 1883 errichtete das Unternehmen eine 28 Kilometer lange Schmalspurbahn über bergiges Terrain, um die Minen mit den Schmelzhütten in Galakend zu verbinden.

Auch technologische Innovationen prägten den Standort. Siemens stellte die Befeuerung der Schmelzöfen von Holz auf flüssiges Erdöl um, wofür im Jahr 1892 eine eigene Pipeline gebaut wurde. Zudem führten sie die Elektrolyse zur Gewinnung reinster Edelmetalle ein. Als wahre Elektrizitäts-Pioniere bauten sie 1883 in Galakend eines der ersten Wasserkraftwerke des gesamten Zarenreichs. Während in den Metropolen Europas noch Gaslampen brannten, erstrahlte die aserbaidschanische Provinz bereits im elektrischen Licht.
Ein deutscher Stadtplaner im Rathaus von Baku
Das deutsche Engagement beschränkte sich jedoch nicht nur auf das Landesinnere. Den städtebaulichen und administrativen Höhepunkt markiert eine Personalie in der boomenden Ölmetropole Baku. Der hochdekorierte deutsche Ingenieur und Architekt Nikolaus von der Nonne wurde im November 1898 zum Oberbürgermeister und Baudirektor von Baku gewählt und lenkte die Geschicke der Stadt bis Ende 1902. Von der Nonne war ein Visionär der Urbanisierung und zeichnete den allerersten Generalplan für die Stadt Baku.
Er setzte rigorose Hygienestandards durch, konzipierte moderne Abwasser- und Sanitärsysteme und entwarf rund fünfzig monumentale Wohn- und Prachtbauten. Unter seiner Führung entwickelte sich Baku architektonisch zum legendären „Paris des Kaukasus“. Er belegte eindrucksvoll, wie europäische Planungspräzision und kaukasische Standortdynamik eine weltläufige Metropole formen konnten.

Ein emotionaler Abend in Berlin: Botschafter Aghayev eröffnet die Premiere
Der wirtschaftliche Höhenflug endete jäh mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts. Nach der sowjetischen Okkupation im Jahr 1920 wurden die Fabriken, Minen und Weingüter verstaatlicht. Der schwärzeste Tag folgte im Oktober 1941, als auf Befehl Stalins die gesamte deutsche Bevölkerung von über 22.000 Menschen, binnen weniger Tage, nach Zentralasien deportiert wurde. Dieses schmerzhafte, aber von tiefem Respekt geprägte Kapitel wird nun in der Dokumentation „Kontrapunkt“ unter der Regie von Teodor Geonov und produziert von anewz.tv aufgearbeitet.
Den feierlichen Rahmen für die Deutschlandpremiere, im Kulturzentrum von Aserbaidschan, bot eine beeindruckende und emotionale Begrüßungsrede des aserbaidschanischen Botschafters, S.E. Nasimi Aghayev. In seiner Ansprache vor den geladenen Gästen spannte er den Bogen von den historischen Anfängen der schwäbischen Einwanderung bis in die unmittelbare Gegenwart. Aghayev hob hervor, dass die deutschen Kolonisten nicht einfach als Fremde kamen, sondern über die Generationen hinweg zu einem integralen, unersetzlichen Teil der Identität und Geschichte Aserbaidschans wurden. Gleichzeitig erinnerte er würdevoll an das tragische Schicksal der stalinistischen Deportation, was der anschließenden Filmvorführung eine spürbare narrative Tiefe verlieh.

Offizielle Anerkennung: Das Grußwort des Auswärtigen Amtes
Direkt im Anschluss griff Anja Wallau, die Beauftragte für grenzüberschreitende und regionale Zusammenarbeit des Auswärtigen Amtes, diesen Gedanken in ihrem Grußwort auf. Sie würdigte das Engagement bei der Bewahrung dieses historischen Fundaments und betonte, dass Gesellschaften nicht dadurch reich werden, dass unterschiedliche Stimmen gleichgeschaltet werden, sondern dadurch, dass verschiedene Traditionen und Geschichten sichtbar bleiben und aufeinander wirken. Die Präsenz hochrangiger politischer Vertreter beider Nationen unterstrich eindrucksvoll den Stellenwert der gemeinsamen Historie für die heutigen Beziehungen.
Musik als transnationale Brücke: Das Quartett „Einklang“ begeistert das Publikum
Der emotionale und kulturelle Höhepunkt folgte direkt im Anschluss an die Filmvorführung. Das deutsch-aserbaidschanische Quartett „Einklang“ betrat die Bühne und präsentierte ein eigens arrangiertes Konzertprogramm, das die tiefen Verbindungslinien beider Länder akustisch fühlbar machte. In einer faszinierenden musikalischen Symbiose verschmolzen deutsche Volksweisen wie „Auf de Schwäb’sche Eisebahne“und das sehnsuchtsvolle Abschiedslied „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ nahtlos mit traditionellen aserbaidschanischen Klängen wie dem ikonischen „Baku manisi“ (Das Lied von Baku).
Die Verschmelzung schwäbischer Folklore mit kaukasischen Rhythmen zeigte greifbar, wie harmonisch sich die beiden Kulturen über zwei Jahrhunderte hinweg angenähert haben. Die anwesenden Gäste dankten den Musikern mit lang anhaltendem und begeistertem Applaus für diesen symbolträchtigen Ausklang des Abends.

Multimediale Spurensuche: 2.700 Kilometer Filmgeschichte
Am Rande der Kinopräsentation ergab sich zudem die exklusive Gelegenheit zu einem Gespräch mit der Führungsebene des Senders. Rufat Hamzayev, Executive Director von anewz.tv, gab dem Publikum vor Ort eine persönliche Einführung in das Werk und betonte den hohen Anspruch, komplexe historische Verbindungslinien, differenziert und greifbar, zu machen. Zusammen mit Rena Jafarowa, Business Development Director des Medienunternehmens, wurde deutlich, welcher enorme logistische Aufwand hinter dem Großprojekt stand.
Insgesamt rund neun Monate intensiver Produktionszeit investierte das Team in die Fertigstellung des Films. In dieser Zeit legte die Crew mehr als 2.700 Kilometer in beiden Ländern zurück, sichtete unveröffentlichtes Archivmaterial und führte intensive Interviews mit den Nachfahren der Siedler. Wissenschaftlich begleitet wurde das anspruchsvolle Projekt von der renommierten Historikerin Prof. Dr. Eva-Maria Auch sowie dem geladenen Kaukasus-Experten Dr. Werner Ströbele. Der Historiker und langjährige Leiter des Reutlinger Heimatmuseums hob bei der Veranstaltung die tiefen regionalen Wurzeln dieser Partnerschaft hervor, da allein zweiundzwanzig Reutlinger Familien zu den historischen Gründungsvätern Helenndorfs zählten.
Lorenz Jacob Kuhn: Das politische Sprachrohr der Minderheit
Hier fügt sich auch der im Film erwähnte Name Lorenz Jacob Kuhn (1884–1942), als eine der prägendsten politischen Schlüsselfiguren ein. Kuhn, der mit Lena Hummel aus der renommierten Helenendorfer Winzerdynastie verheiratet war, fungierte im Jahr 1918 als gewählter Vertreter der deutschen Minderheit im Parlament der ersten Demokratischen Republik Aserbaidschan. Als Leiter der dortigen Agrarkommission betrieb er engagierte Interessenpolitik für die deutschen Mustersiedlungen, bevor auch er Opfer stalinistischer Verhaftungen wurde, und 1942 in der Verbannung verstarb. Seine und von der Nonnes Biografien unterstreichen die These, dass wahre gesellschaftliche Vielfalt davon lebt, dass Traditionen sichtbar bleiben und miteinander wirken.

Die Gegenwart und das bleibende Erbe
Obwohl nach den Deportationen und dem Tod des historisch letzten aserbaidschanischen Voralpen-Deutschen, Viktor Klein, im Jahr 2007 heute keine ursprünglichen deutschen Siedler mehr im Land leben, ist das architektonische und wirtschaftliche Erbe so lebendig wie nie zuvor. Parallel zur Filmpremiere untermauert dies der neu erschienene, zweisprachige Bildband „Deutsche Spuren in Aserbaidschan“ mit eindrucksvollen Fotografien von Etibar Jafarov.
Göygöl: Ein lebendiges Fachwerk-Museum im Kaukasus
Das Herzstück des deutschen Erbes ist die Stadt Göygöl. Wer durch das Stadtzentrum läuft, wähnt sich stellenweise in einem schwäbischen Dorf des 19. Jahrhunderts. Über 300 deutsche Fachwerkhäuser mit ihren typischen Holzgitter-Balkonen, spitzen Giebeln und tiefen Weinkellern säumen die schnurgeraden, von Platanen schattierten Straßen. Die aserbaidschanische Regierung hat diese historische Altstadt unter Denkmalschutz gestellt und restauriert die Bausubstanz sukzessive.
Im Zentrum thront die 1854 erbaute St.-Johannes-Kirche, die älteste lutherische Kirche Aserbaidschans. Sie wurde mit Unterstützung der Bundesregierung aufwendig saniert und beherbergt heute ein staatliches Museum für Lokalgeschichte. Auch das Wohnhaus von Viktor Klein wurde als zeithistorisches Museum konserviert und zeigt unverändert das Mobiliar und die Lebenswelt der letzten deutschen Familie.
Wirtschaftliche Renaissance: Der Wein lebt weiter
Besonders faszinierend ist die Kontinuität im Business, denn das von den Familien Vohrer und Hummel aufgebaute Wein-Imperium ging in der heutigen Großkellerei „Goygol Winery“ auf. Die historischen, tiefen Backstein-Weinkeller der Schwaben werden bis heute für die Reifung von Spitzenweinen und Cognac genutzt. Das önologische Wissen der Deutschen verschmolz mit der aserbaidschanischen Tradition und bildet heute das qualitative Rückgrat des modernen aserbaidschanischen Wein-Exports.

Monumentale Spuren in Şəmkir und Gadabay
Auch in Şəmkir sind monumentale Spuren sichtbar, darunter eine prachtvolle lutherische Kirche, die komplett instand gesetzt wurde und heute als Kulturzentrum genutzt wird. Im abgelegenen Bergdorf Gadabay wiederum stoßen Wanderer und Historiker noch immer auf die gigantischen Siemens-Steinbrücken der alten Schmalspurbahn, die majestätisch die Täler überspannen. Aserbaidschan pflegt dieses Erbe heute aktiv als touristisches und kulturpolitisches Aushängeschild.
Es gilt vor Ort als Symbol einer tief verwurzelten historischen Multikulturalität des Landes. Die Schwaben sind zwar physisch gegangen, doch ihre Präzision, ihre Architektur und ihre Reben sind geblieben, und bilden im 21. Jahrhundert das Fundament für eine neue, strategische Partnerschaft zwischen Berlin und Baku.
Fazit: Die strategische Achse Berlin-Baku im 21. Jahrhundert
Das Erbe der schwäbischen Kolonisten und der industriellen Pioniere wie Siemens zeigt eindrucksvoll, dass die deutsch-aserbaidschanischen Wirtschaftsbeziehungen kein Produkt der modernen Globalisierung sind. Sie ruhen auf einem über 200 Jahre alten, tief verwurzelten Fundament. Dass diese gemeinsame Geschichte kein verstaubtes Archivgut ist, verdeutlicht die aufwendige Produktion der Dokumentation „Kontrapunkt“. Indem solche transnationalen Medienprojekte das friedliche Zusammenleben und den gegenseitigen unternehmerischen Respekt vergangener Epochen beleuchten, schaffen sie Vertrauen – einen unschätzbaren, weichen Standortfaktor in der heutigen Zeit.

Ausblick: Wie gemeinsame Geschichte die Wirtschaft von morgen prägt
Was im 19. Jahrhundert mit önologischem Pioniergeist und modernster Schwerindustrie begann, findet so seine zeitgemäße Fortsetzung im 21. Jahrhundert. Die jüngst von Bundeskanzler Friedrich Merz und Präsident Ilham Aliyev unterzeichnete Gemeinsame Erklärung markiert den Beginn eines neuen Kapitels.
Angesichts globaler Lieferketten-Transformationen und der europäischen Suche nach verlässlichen Handels- und Kulturpartnern im eurasischen Raum wird die historische Achse zwischen Berlin und Baku wieder zu einem strategischen Schlüsselfaktor. Das architektonische Erbe in Göygöl und Baku bleibt somit nicht nur ein Anziehungspunkt für Touristen, sondern das sichtbare Symbol einer Partnerschaft, die bereit ist, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte gemeinsam zu gestalten.
