Abflug am BER (Foto: Wachsmuth)
35.200 Vollzeitarbeitsplätze, Milliarden an Wertschöpfung und dreistellige Millionenbeträge an Steuereinnahmen: Eine neue Studie zeigt, welche wirtschaftliche Bedeutung der Flughafen BER inzwischen für Berlin und Brandenburg erreicht hat. Gleichzeitig offenbart die Bilanz eine Schwachstelle des Standorts. Gerade bei internationalen Langstreckenverbindungen bleibt erhebliches Entwicklungspotenzial.
Fünf Jahre nach seiner Eröffnung lässt sich die wirtschaftliche Bedeutung des Flughafens Berlin Brandenburg erstmals umfassender beziffern. Die Studie „Wirtschaftsmotor BER“ kommt zu dem Ergebnis, dass rund 35.200 Vollzeitarbeitsplätze in Berlin und Brandenburg mit der Rolle des Flughafens als Arbeitgeber und Auftraggeber verbunden sind. Daraus resultieren nach Berechnung der Studienautoren rund 3,7 Milliarden Euro Wertschöpfung und 233,5 Millionen Euro Steuereinnahmen. Auftraggeber war die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Dahme-Spreewald, erstellt wurde die Untersuchung von CONOSCOPE in Kooperation mit der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH.
Damit verändert sich auch der Blick auf den BER. Der Flughafen ist nicht mehr nur Verkehrsinfrastruktur und Ausgangspunkt für Urlaubs- und Geschäftsreisen. Er ist zu einem relevanten Bestandteil der Wirtschaftsstruktur der Hauptstadtregion geworden.
Direkt bei der Flughafengesellschaft und den 166 am Airport ansässigen Betriebsstätten gibt es 15.894 Vollzeitarbeitsplätze für rund 20.000 Beschäftigte. Weitere rund 19.300 Vollzeitstellen entstehen nach den Berechnungen über Aufträge an regionale Unternehmen sowie durch die Konsumausgaben der Beschäftigten. Rechnerisch zieht damit jeder Arbeitsplatz am BER weitere 1,2 Arbeitsplätze in Berlin und Brandenburg nach sich.
Für Berlin selbst weist die Untersuchung knapp 19.700 mit dem BER verbundene Vollzeitarbeitsplätze aus. Sie stehen für rund 1,2 Milliarden Euro Einkommen, 1,5 Milliarden Euro Wertschöpfung und etwa 134 Millionen Euro Steuereinnahmen. Noch stärker ist die relative Bedeutung im Landkreis Dahme-Spreewald. Dort werden rund 6.700 Vollzeitstellen dem Flughafen zugerechnet. Die damit verbundene Wertschöpfung von 1,4 Milliarden Euro entspricht laut Untersuchung knapp 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Landkreises.

Der unterschätzte Faktor Luftfracht
Dabei endet die wirtschaftliche Bedeutung nicht bei den Unternehmen am Flughafen. Über den BER wurden 2025 Waren im Wert von 4,3 Milliarden Euro exportiert. Die Studie bringt diesen Luftfrachtverkehr mit rund 22.900 Arbeitsplätzen in der regionalen Wirtschaft in Verbindung. Diese Arbeitsplätze dürfen allerdings nicht einfach auf die 35.200 Stellen aufgeschlagen werden, weil es sich um unterschiedliche und teilweise überlappende Wirkungskanäle handelt.
Auch der Incoming-Tourismus erzeugt zusätzliche Nachfrage. Allein in den Landkreisen Dahme-Spreewald, Teltow-Fläming und Oder-Spree stehen die Ausgaben ankommender Reisender nach der Untersuchung mit rund 1.200 Vollzeitstellen in Verbindung. [
Für die wirtschaftspolitische Debatte ist damit weniger die Frage interessant, ob der BER ein Wirtschaftsfaktor ist. Die Zahlen beantworten das inzwischen ziemlich eindeutig. Spannender wird die Frage, wie groß dieser Wirtschaftsfaktor noch werden könnte.
Die Achillesferse bleibt die internationale Anbindung
Genau hier liefert die Untersuchung einen bemerkenswerten Befund. 2025 nutzten rund 26,1 Millionen Passagiere den BER. Gleichzeitig waren in der Unternehmensbefragung lediglich sieben Prozent der international tätigen Betriebe mit dem Langstreckenangebot zufrieden. Beim Kurzstreckenangebot lag die Zufriedenheit bei 26 Prozent. Für die Untersuchung wurden insgesamt 1.004 Unternehmen befragt und 19 Experteninterviews geführt.
Für eine international ausgerichtete Metropole wie Berlin ist das mehr als eine Frage des Reisekomforts. Aus liberaler wirtschaftspolitischer Perspektive ist Konnektivität Standortinfrastruktur. Direkte internationale Verbindungen können einen Standort für Unternehmen, Investoren, Fachkräfte, Kongresse und Besucher attraktiver machen. Wie groß dieser zusätzliche volkswirtschaftliche Effekt beim BER konkret wäre, lässt sich aus der veröffentlichten Studie allerdings nicht seriös beziffern.
Eine einfache Rechnung nach dem Muster „zehn Prozent mehr Langstrecke bringen zehn Prozent mehr Wertschöpfung“ wäre irreführend. Die ausgewiesenen 3,7 Milliarden Euro entstehen schließlich nicht allein durch Passagiere oder Flugbewegungen, sondern aus direkten, indirekten und induzierten wirtschaftlichen Effekten des Flughafenbetriebs.
Gerade darin liegt aber eine interessante Zukunftsfrage für Berlin und Brandenburg. Die 3,7 Milliarden Euro sollten weniger als Obergrenze denn als heutige Ausgangsgröße betrachtet werden. Wie weit sie durch eine bessere internationale Vernetzung steigen könnten, müsste ein eigenes ökonomisches Szenario untersuchen. Die gegenwärtigen Quellen liefern dafür keine belastbare Milliardenprognose.

Mehr Langstrecke als Standortpolitik
Die politische Debatte um neue Langstrecken am BER bekommt durch die Studie deshalb eine zusätzliche wirtschaftliche Dimension. Es geht nicht allein darum, ob Berliner Geschäftsreisende ohne Umstieg nach Asien oder Nordamerika gelangen. Entscheidend ist, welche wirtschaftlichen Aktivitäten eine bessere internationale Erreichbarkeit in der Hauptstadtregion ermöglicht.
Auch eine leistungsfähige Verkehrsanbindung des Flughafens gehört in diese Rechnung. Die neue Untersuchung zeichnet deshalb letztlich das Bild eines Standorts, dessen fundamentale wirtschaftliche Bedeutung inzwischen belegt ist, dessen Wachstumsmöglichkeiten aber noch nicht vollständig ausgeschöpft erscheinen.
Für Berlin und Brandenburg ergibt sich daraus eine vergleichsweise klare wirtschaftspolitische Aufgabe: Der BER muss stärker als Infrastruktur eines international konkurrierenden Wirtschaftsraums gedacht werden. Dazu gehören attraktive Rahmenbedingungen für Fluggesellschaften, eine leistungsfähige landseitige Anbindung und vor allem die Frage, wie sich zusätzliche internationale Direktverbindungen wirtschaftlich tragfähig entwickeln lassen.
Der Flughafen hat fünf Jahre nach seiner Eröffnung bereits eine Wertschöpfung von 3,7 Milliarden Euro erreicht und steht mit Zehntausenden Arbeitsplätzen in Verbindung. Der interessanteste Befund der neuen Studie könnte deshalb am Ende nicht sein, wie groß der Wirtschaftsfaktor BER heute bereits ist.
Sondern wie viel größer er noch werden könnte.
