Radio über Smartphone istr normal in modernen Fahrzeugen (KI-Bild)
Das Smartphone überholt bei jungen Amerikanern erstmals den klassischen Radioempfänger im Auto. Die neuen Daten von Edison Research markieren damit einen Wendepunkt für die Radiowirtschaft. Denn wenn das Smartphone zum Eingangstor für Audio wird, verändert sich nicht nur das Hörverhalten. Auch die wirtschaftliche Logik der Radioverbreitung gerät unter Druck. In Deutschland hat der Urban-Sender PELI ONE bereits eine Konsequenz gezogen und sich aus der terrestrischen DAB+-Verbreitung verabschiedet.
Radio und Auto gehörten über Jahrzehnte nahezu selbstverständlich zusammen. Wer ins Auto stieg, schaltete das Radio ein oder fand es bereits eingeschaltet vor. Diese natürliche Vormachtstellung bekommt nun Risse. Zumindest bei jungen Hörerinnen und Hörern in den USA.
Nach Daten der laufenden Share of Ear-Studie von Edison Research at SSRS entfallen bei den 13- bis 34-Jährigen inzwischen 46 Prozent der Audiozeit im Auto auf mobile Geräte. Der klassische AM/FM-Radioempfänger kommt auf 43 Prozent. 2015 lagen mobile Geräte erst bei 19 Prozent, AM/FM-Empfänger dagegen bei 66 Prozent.
Innerhalb von elf Jahren haben sich damit die Verhältnisse umgekehrt.
Für die Radiowirtschaft ist das ein bemerkenswerter Zeitpunkt. Allerdings aus einem etwas anderen Grund, als es die plakative Aussage „Smartphone schlägt Radio“ vermuten lässt.
Das Smartphone schlägt den Radioempfänger, nicht zwingend Radio
Für die Interpretation der Zahlen ist ein Unterschied entscheidend: Edison Research untersucht an dieser Stelle, über welches Gerät Audio gehört wird und nicht ausschließlich, welcher Inhalt darüber läuft. Zum mobilen Audiohören können deshalb auch Streams klassischer Radioprogramme gehören.
Radio kann also gleichzeitig seinen angestammten Platz auf dem Armaturenbrett verlieren und trotzdem als Inhalt gehört werden.
Genau darin liegt wirtschaftlich betrachtet die eigentliche Herausforderung.
Bislang war terrestrischer Rundfunk nicht nur ein technischer Verbreitungsweg. UKW und später DAB+ sicherten den Sendern einen privilegierten Zugang zum Publikum. Wer Radio hören wollte, fand auf seinem Empfänger eine überschaubare Zahl verfügbarer Programme.
Auf dem Smartphone verändert sich diese Wettbewerbssituation fundamental. Dort steht ein Radioprogramm innerhalb einer wesentlich größeren Audiowelt.
Der Kampf der Sender wird damit zunehmend zum Kampf um den Zugang zum Hörer.

Quelle/Grafik: Edison Research at SSRS, Share of Ear®, Q2 2026
Aus einem Frequenzgeschäft wird ein Plattformgeschäft
Diese Entwicklung berührt das Geschäftsmodell von Radio unmittelbar.
Terrestrische Verbreitung verursacht Kosten für Sendernetze und Übertragungskapazitäten. Ihr wirtschaftlicher Wert liegt deshalb wesentlich darin, wie viele relevante Hörer damit tatsächlich erreicht werden.
Solange der Radioempfänger im Auto das dominante Audiogerät war, besaß diese Distribution einen enormen strategischen Wert. Beginnt sich dagegen insbesondere das jüngere Publikum über Smartphones und IP-basierte Systeme mit Audio zu versorgen, muss für einen privaten Veranstalter eine andere Rechnung gestellt werden:
Wie viel zusätzliche Nutzung kauft ein Sender mit jedem Euro, den er in einen bestimmten Verbreitungsweg investiert?
Eine pauschale Antwort darauf liefern die Edison-Zahlen nicht. Sie stellen auch die Wirtschaftlichkeit von DAB+ in Deutschland nicht infrage. Sie zeigen aber, warum die Bewertung von Distribution für einzelne Radiomarken unterschiedlich ausfallen kann.
Deutschland ist noch kein zweites Amerika
Von einem Zusammenbruch des klassischen Radios kann in Deutschland ohnehin keine Rede sein.
Die ma 2026 Audio II weist für Radio eine Tagesreichweite von 73,9 Prozent beziehungsweise 51,782 Millionen Menschen ab 14 Jahren aus. Die durchschnittliche Verweildauer liegt laut Radiozentrale weiterhin bei 250 Minuten.
Aber innerhalb dieses stabilen Gesamtmarktes bewegt sich etwas.
Die Tagesreichweite von Radio ging gegenüber der vorherigen ausgewiesenen Größenordnung leicht um 0,8 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg laut Radiozentrale die Tagesreichweite von Online-Audio um 19,2 Prozent, während dessen weitester Hörerkreis auf 25 Prozent wuchs.
Das ist noch kein Beleg dafür, dass Deutschland dem amerikanischen Verlauf zwangsläufig folgen wird. Es liefert aber ein wirtschaftlich relevantes Signal: Das Wachstum findet zunehmend auch auf digitalen Distributionswegen statt.
PELI ONE zieht die Konsequenz
Für kleinere und spezialisierte Privatsender bekommt diese Rechnung besondere Bedeutung.
Der Berliner Urban-Music-Sender PELI ONE hat im Frühjahr 2026 einen bemerkenswerten Strategiewechsel vollzogen. Der Sender stellte seine verbliebene terrestrische Verbreitung über DAB+ in Leipzig und Dresden ein und konzentriert sich seitdem auf die Verbreitung über das Internet. Die DAB+-Ausstrahlung in Sachsen wurde am 19. März beendet.
Bemerkenswert ist vor allem die Begründung des Senders.
PELI ONE erklärte, die Kosten der DAB+-Verbreitung in einzelnen Regionen stünden zunehmend nicht mehr im Verhältnis zur tatsächlichen Nutzung. Gleichzeitig erhöhe sich der Online-Konsum innerhalb der Urban-Music-Zielgruppe. Der Sender will seine Ressourcen deshalb stärker dort einsetzen, wo sein Publikum digital erreichbar ist.
Damit bekommt die Entscheidung nach Veröffentlichung der neuen US-Daten zusätzliche Aktualität.
Sie zeigt im Kleinen eine Frage, die künftig für immer mehr private Radioveranstalter relevant werden könnte: Ist maximale technische Verbreitung automatisch die wirtschaftlich sinnvollste Distribution?
Für PELI ONE lautete die Antwort offenbar Nein.
Die letzten terrestrischen Verbreitungswege des Senders waren die DAB+-Kapazitäten in Leipzig und Dresden. Seither setzt das Programm auf Internetverbreitung.
Dabei nennt PELI ONE neben Website und Webradio-Plattformen auch Smartphone, Smart Speaker sowie CarPlay und Android Auto als Zugangswege. Durch eingesparte DAB+-Aufwendungen sollen nach Angaben des Senders Ressourcen stärker in Inhalte, Moderation, Community und technische Weiterentwicklung fließen können.
Reichweite gegen Grenzkosten
Damit entsteht eine neue ökonomische Logik.
Beim klassischen Broadcast wird ein Signal ausgestrahlt, unabhängig davon, ob es gerade von zehn oder zehntausend Menschen empfangen wird. Streaming folgt einem anderen technischen und wirtschaftlichen Modell und schafft gleichzeitig andere Möglichkeiten, Nutzung und Nutzerkontakte digital abzubilden.
Daraus folgt jedoch nicht, dass Streaming für jeden Sender grundsätzlich günstiger als DAB+ wäre. Dafür liefern die vorliegenden Quellen keine allgemeingültigen Wirtschaftlichkeitszahlen.
Bei einem spezialisierten Programm kann sich dennoch eine entscheidende Frage stellen:
Warum dauerhaft für eine regionale terrestrische Abdeckung bezahlen, wenn ein relevanter Teil der Zielgruppe das Programm ohnehin über internetfähige Geräte sucht?
PELI ONE hat diese Frage für sein eigenes Geschäftsmodell beantwortet. Dass nun ausgerechnet Edison Research wenige Monate später bei jungen US-Amerikanern das Smartphone erstmals vor dem klassischen Radioempfänger im Auto sieht, macht diese Entscheidung zu einem interessanten deutschen Fallbeispiel.
Aber DAB+ ist damit keineswegs ein Auslaufmodell
Es wäre falsch, daraus den Tod von DAB+ abzuleiten.
Für große Programme, nationale Marken oder Sender mit erheblicher terrestrischer Reichweite kann Broadcast eine vollkommen andere Kosten-Nutzen-Rechnung ergeben als für ein spezialisiertes Urban-Music-Programm.
Die entscheidende wirtschaftliche Erkenntnis lautet deshalb nicht DAB+ oder Streaming.
Sie lautet:
Jeder Sender muss den wirtschaftlichen Wert seiner einzelnen Verbreitungswege neu bewerten.
Reichweite allein reicht als Kennzahl dafür zunehmend nicht aus. Entscheidend wird, welche Zielgruppen über einen Distributionskanal tatsächlich erreicht werden und welchen strategischen Wert dieser Kontakt besitzt.
Vom Radiosender zur Audiomarke
Die Entwicklung besitzt noch eine zweite Konsequenz.
Wenn das Smartphone zum zentralen Audiogerät wird, fällt die technische Eintrittsbarriere in den Audiomarkt. Im digitalen Interface begegnet der klassische Radiosender einer Vielzahl weiterer Audioangebote.
Deshalb gewinnt die Marke an Bedeutung.
Auf einem klassischen Radiogerät konnten Frequenz, Programmplatz und Empfangsgebiet einen Teil der Auffindbarkeit übernehmen. Auf digitalen Plattformen muss ein Sender stärker selbst dafür sorgen, gesucht, gefunden und erneut ausgewählt zu werden.
Für die Werbewirtschaft verändert das ebenfalls die Perspektive. Die wirtschaftlich entscheidende Größe könnte langfristig weniger der einzelne technische Ausspielweg sein als die aggregierte Reichweite einer Audiomarke über ihre verschiedenen Plattformen.
Die amerikanischen Zahlen sollten deshalb nicht als Beleg für das Ende des Radios verstanden werden.
Sie könnten vielmehr das Ende einer anderen Selbstverständlichkeit markieren:
Radio besitzt das Auto nicht mehr automatisch.
Der Kampf ums Cockpit hat begonnen
Für Deutschland ist der amerikanische Kipppunkt bislang nicht nachgewiesen. Die aktuellen deutschen Reichweitendaten zeigen weiterhin einen sehr starken Radiomarkt.
Doch Share of Ear zeigt, wie schnell sich etablierte Nutzungsmuster verändern können. Die Studie erfasst seit 2014 unterschiedliche Formen der Audionutzung in den USA und untersucht dabei ausdrücklich auch, wo und über welche Geräte Audio konsumiert wird.
Das Smartphone macht Radio dabei nicht zwangsläufig überflüssig.
Es verändert aber dessen Position.
Für Sender wie PELI ONE lautet die unternehmerische Konsequenz bereits: Geld nicht mehr in jeden denkbaren Verbreitungsweg zu investieren, sondern stärker dort, wo das eigene Publikum tatsächlich erreicht werden soll. Der Sender begründet seinen DAB+-Rückzug ausdrücklich mit dem Verhältnis von Kosten und Nutzung und will seine Ressourcen auf digitale Distribution konzentrieren.
Für die deutsche Radiobranche könnte genau darin die eigentliche Botschaft der amerikanischen „Schockzahlen“ stecken.
Die Zukunftsfrage lautet nicht, ob Radio terrestrisch oder über das Internet gehört wird. Die wirtschaftlich entscheidende Frage lautet, ob eine Radiomarke stark genug ist, dass das Publikum sie auch dann auswählt, wenn es nicht mehr automatisch beim Einschalten des Radios dort landet.
