Steffen Krach (SPD) (Foto: P. Schröder), , Elif Eralp (Linke) (Foto: Linke), Werner Graf (Grüne) (Foto: Grüne Berlin), von links nach rechts, sie wollen ins Rote Rathaus (Fotomontage mit KI)
Was das Sondierungspapier für Mittelstand, Mieter und die Zukunft der Hauptstadt bedeutet
Von der angestrebten EXPO 2035 über die Zukunft des Berliner Mittelstands bis zur Frage der Fernwärmekosten: Das Sondierungspapier von SPD, Grünen und Linken zeichnet das Bild einer sozialen, klimaneutralen und innovativen Metropole. Doch zwischen den großen Visionen bleiben zentrale wirtschaftliche Fragen offen. Gerade für Unternehmer, Selbstständige und Mieter entscheidet sich daran, ob Berlin tatsächlich eine bezahlbare Stadt bleibt.
Mit der Zustimmung von SPD und Grünen zu Koalitionsverhandlungen und der erwarteten Entscheidung der Linken in den kommenden Wochen rückt die nächste Berliner Landesregierung in greifbare Nähe. Das 31-seitige Sondierungspapier trägt den programmatischen Titel „Mehr gemeinsam für Berlin“ und formuliert einen umfassenden Anspruch: Die Hauptstadt soll sozial gerechter, wirtschaftlich stärker und klimafreundlicher werden.
Für den Mittelstand und die Berliner Wirtschaft stellt sich jedoch eine andere Frage:
Wer zahlt die Rechnung?
Die Rückkehr der großen Visionen
Berlin bekennt sich ausdrücklich zur EXPO 2035.
Die geplante Weltausstellung ist im Papier zwar kein Schwerpunkt, besitzt aber erhebliche strategische Bedeutung. Die EXPO wird als internationales Zukunftsprojekt verstanden, das Investitionen in Infrastruktur, Technologie, Mobilität und Stadtentwicklung anstoßen soll. Befürworter sehen darin die Chance, Berlin dauerhaft als globale Innovationsmetropole zu positionieren.
Die Signalwirkung ist eindeutig: Trotz Haushaltskrise denkt die künftige Koalition nicht klein. Sie setzt auf Wachstum, internationale Sichtbarkeit und die Anziehungskraft der Hauptstadt.
Für die Wirtschaft ist das zunächst eine gute Nachricht. Großprojekte erzeugen Investitionen, Aufträge und Aufmerksamkeit. Gleichzeitig entsteht aber die Frage, wie ein Milliardenprojekt mit den ebenfalls angekündigten Sparmaßnahmen zusammenpasst.
Denn dieselbe Koalition spricht von strukturellen Haushaltsproblemen, Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe und zusätzlichen Einnahmen durch Steuern und Gebühren.
Der Mittelstand: Gelobt, aber nicht im Mittelpunkt
Überraschend wirtschaftsfreundlich wirkt das Papier bei Themen wie Innovation, Digitalisierung und Bürokratieabbau.
Berlin soll Europas Innovationshauptstadt werden. Gefördert werden sollen insbesondere Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Robotik, Energietechnologien, Gesundheitswirtschaft und Start-ups.
Hinzu kommen:
- ein neuer Investitionsbonus,
- schnellere Genehmigungsverfahren,
- digitale Verwaltungsprozesse,
- ein sogenannter Bürokratie-TÜV,
- erleichterte Unternehmensgründungen,
- Maßnahmen gegen Fachkräftemangel.
Das klingt nach einem klaren Angebot an innovative Unternehmen.
Die entscheidende Schwäche des Programms liegt allerdings an anderer Stelle:
Der klassische Berliner Mittelstand kommt nur am Rande vor.
Handwerksbetriebe, Einzelhändler, Gastronomen, Kreativschaffende und kleine Dienstleister kämpfen seit Jahren mit steigenden Energiekosten, Gewerbemieten, Personalmangel und Bürokratie. Für diese Unternehmen enthält das Papier vergleichsweise wenige konkrete Antworten.
Während ausführlich über Venture Capital, Zukunftstechnologien und Start-up-Förderung gesprochen wird, bleiben Alltagsprobleme vieler Betriebe weitgehend unbeantwortet.
Das große Schweigen zu den Corona-Rückforderungen
Besonders auffällig ist, was im Papier überhaupt nicht vorkommt.
Rund 11.000 Berliner Unternehmen sind weiterhin von Rückforderungen der Corona-Soforthilfen betroffen. Die Verfahren werden über die landeseigene Investitionsbank Berlin (IBB) abgewickelt.
Für viele Selbstständige und Kleinunternehmer geht es dabei nicht um symbolische Beträge, sondern um Summen, die unmittelbar existenzgefährdend wirken können.
Gerade deshalb überrascht das vollständige Fehlen des Themas.
Die politische Brisanz entsteht zusätzlich dadurch, dass andere Bundesländer teilweise deutlich großzügiger vorgehen. Immer wieder wird auf Baden-Württemberg verwiesen, wo vergleichbare Fälle anders bewertet wurden.
Wer Planungssicherheit für Unternehmer fordert, kommt an dieser Debatte eigentlich nicht vorbei.
Für den Mittelstand bleibt deshalb eine zentrale Frage unbeantwortet:
Wird eine neue Berliner Koalition die Rückforderungspraxis der IBB überprüfen oder unverändert fortsetzen?
Eine Antwort darauf liefert das Sondierungspapier nicht.
Bezahlbares Berlin? Vor allem bezahlbare Mieten
Das Leitmotiv des Dokuments lautet immer wieder: „bezahlbares Berlin“.
Bei genauer Betrachtung konzentriert sich dieses Versprechen jedoch nahezu vollständig auf das Thema Wohnen.
Die Koalition plant:
- 100.000 neue Wohnungen,
- mehr Sozialwohnungen,
- eine stärkere Rolle kommunaler Wohnungsunternehmen,
- eine Begrenzung von Mietsteigerungen bei landeseigenen Wohnungen,
- eine neue Mietenaufsicht,
- die Vorbereitung der Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen.
Insbesondere Mieter sollen dadurch entlastet werden.
Doch die Lebenswirklichkeit vieler Berliner Haushalte besteht längst nicht mehr nur aus der Kaltmiete.
Die unterschätzte Belastung: Fernwärme
Hier befindet sich möglicherweise die größte Leerstelle des gesamten Papiers.
Mit der Übernahme der ehemaligen Vattenfall-Wärmesparte besitzt das Land Berlin über die Berliner Energie und Wärme (BEW) heute direkten Einfluss auf die Fernwärmeversorgung.
Gleichzeitig haben zahlreiche Mieter in den vergangenen Heizperioden drastische Nachzahlungen erhalten.
Für viele Haushalte sind die Heizkosten inzwischen fast ebenso relevant wie die eigentliche Miete.
Umso bemerkenswerter ist, dass das Papier keine konkrete Antwort auf folgende Fragen liefert:
- Werden Fernwärmepreise gedeckelt?
- Gibt es Sozialtarife?
- Werden Nachzahlungen abgefedert?
- Wie wird die Wärmewende finanziert?
- Welche Renditeziele gelten für die BEW?
Zwar bekennt sich die Koalition zu „bezahlbarer Wärme“, konkrete Instrumente fehlen jedoch.
Damit entsteht ein politischer Widerspruch.
Während die Koalition die Kaltmiete intensiv regulieren möchte, bleiben die tatsächlichen Wohnkosten vieler Haushalte weiterhin von steigenden Energiepreisen abhängig.
Für Mieter zählt am Ende jedoch die Warmmiete.
Der entscheidende Test der neuen Koalition
Genau hier könnte sich in den eigentlichen Koalitionsverhandlungen einer der zentralen Konflikte entwickeln.
Wer von einer „bezahlbaren Stadt“ spricht, wird erklären müssen, ob darunter ausschließlich günstige Kaltmieten verstanden werden oder auch bezahlbare Betriebs- und Energiekosten.
Ähnliches gilt für die Wirtschaftspolitik.
Der technologieorientierte Mittelstand findet zahlreiche Angebote: Innovationsförderung, Digitalisierung, Start-up-Unterstützung und Bürokratieabbau.
Der traditionelle Berliner Mittelstand sucht dagegen Antworten auf andere Fragen:
- Wie entwickeln sich Energiepreise?
- Wie entstehen wieder bezahlbare Gewerbeflächen?
- Wie werden Corona-Rückforderungen gelöst?
- Wie werden zusätzliche Steuer- und Gebührenbelastungen vermieden?
Fazit: Ambitioniert, aber mit offenen Flanken
Das Berliner Sondierungspapier ist kein Programm des Verzichts. Es ist ein Programm des Aufbruchs.
Die Koalition setzt auf Wohnungsbau, Klimaschutz, Innovation, Digitalisierung und internationale Strahlkraft durch die EXPO 2035.
Gleichzeitig bleiben aus Sicht von Wirtschaft und Mittelstand entscheidende Baustellen offen.
Insbesondere die Themen Fernwärme, steigende Lebenshaltungskosten, Corona-Rückforderungen und die Frage nach der tatsächlichen Bezahlbarkeit der Hauptstadt sind bislang eher vertagt als gelöst.
Die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen werden deshalb nicht nur über die politische Zukunft Berlins entscheiden.
Sie werden zeigen müssen, ob aus dem Versprechen einer sozialen und innovativen Metropole tatsächlich eine Stadt wird, die sich Unternehmen, Familien und Mieter auch künftig leisten können.
