Kasachische Delegation mit Kanat Bozumbayev, stellvertretender Premierminister der Republik Kasachstan, sowie S.E. Nurlan Onzhanov, Botschafter der Republik Kasachstan und Teilnehmern aus Industrieverbänden (Foto: Botschaft der Republik Kasachstan)
Zentralasien positioniert sich neu als globaler Logistik- und Industrie-Hub: Auf einer hochkarätigen Roadshow in Berlin präsentierte der stellvertretende Premierminister der Republik Kasachstan, Kanat Bozumbayev, in Begleitung von Botschafter S.E. Dr. Nurlan Onzhanov, den visionären Masterplan für Alatau City. Vor Vertretern der deutschen Wirtschaft wurden die weitreichenden Sondergesetze der geplanten 88.000 Hektar großen Megacity erörtert. NewsMark begleitete die exklusive Veranstaltung im Konferenzsaal vor Ort.
Exklusiv-Bericht (Teil 1) von unserem NewsMark-Zentralasienexperten Christian Grosse
Strategischer Dialog und ein neuer Partner auf Augenhöhe
Die Relevanz, die der deutsche Industrie- und Verbandsektor der wirtschaftlichen Entwicklung Zentralasiens beimisst, spiegelte sich bereits im hochkarätig besetzten Auftakt der Berliner Roadshow wider. Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), eröffnete die Veranstaltung und unterstrich in seinem Grußwort das tiefgreifende strategische Interesse deutscher Unternehmen an einer substanziellen Ausweitung des bilateralen Dialogs. Niedermark hob das immense Potenzial der eurasischen Kooperation hervor und betonte einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Kasachstan habe sich in der Wahrnehmung der deutschen Industrie längst von einem reinen Importeur und Exporteur von Rohstoffen zu einem technologisch anspruchsvollen Partner entwickelt. Das Ziel der deutschen Wirtschaft bestehe daher dezidiert darin, die Zusammenarbeit in den Bereichen der industriellen Wertschöpfung zu vertiefen, die Lieferketten enger miteinander zu verschränken und die technologische Kooperation im Zuge dieses zukunftsweisenden Megaprojekts massiv zu intensivieren.
Wer den Ausführungen Niedermarks im Saal folgte, spürte, dass der ausgeprägte, pragmatische „Can-Do-Spirit“, der die wirtschaftliche und administrative Dynamik in Kasachstan aktuell prägt, auch für Europa als Vorbild dienen kann. Großprojekte und infrastrukturelle Meilensteine werden dort mit einer bemerkenswerten Entschlossenheit und Umsetzungsgeschwindigkeit realisiert. In diesem Zusammenhang merkte Niedermark vor den Augen der geladenen Gäste kritisch an, dass dieser dynamische „Can-Do-Spirit“ in Deutschland mittlerweile verloren gegangen zu sein scheint. Er betonte, dass die deutsche Wirtschaft angesichts eigener langwieriger Planungs- und Genehmigungsprozesse hoffentlich tatkräftig an dem Projekt mitwirken und von Kasachstans modernem Innovations- und Umsetzungstempo lernen kann.
Das Konzept aus der Hand der kasachischen Staatsführung
Unter der professionellen Moderation von Jens Böhlmann, Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft, entwickelte sich eine strukturierte Präsentation, die uns im Saal ein prägnantes, visuelles Bild dieses Vorhabens vermittelte. Nach einem kompakten Konzeptfilm ergriff der stellvertretende Premierminister Kanat Bozumbayev das Wort. Bozumbayev legte den Fokus in seinen Ausführungen auf die strategische Tragweite des Projekts und das verfassungsmäßig abgesicherte Sonderrechtsregime, das ausländischen Akteuren beispiellose Spielräume gewährt. Im Anschluss skizzierte Alisher Abdykadyrov, CEO der Alatau City Authority, wie die 88.000 Hektar große Sonderwirtschaftszone über globale Partnerships schrittweise zu einem international vernetzten Industrie-, Tech- und Innovations-Hub geformt werden soll.

Das städtebauliche Konzept basiert nicht auf isolierten Ideen, sondern auf einem weltweiten „Best-Practice-Scouting“. Erfolgreiche urbane Strukturen wurden global analysiert und als Referenzwerte herangezogen. Bei der stadtplanerischen Konzeption dienten weltbekannte Metropolen als direkte Vorbilder. Für die wirtschaftliche und administrative Dynamik sowie die Integration von globalem Kapital wurden die bewährten Erfolgsmodelle von Singapur und Dubai adaptiert. Dan Ringelstein, Director of Master Planning and Urban Design beim weltweit renommierten Ingenieur- und Planungsbüro Arup, demonstrierte eindrucksvoll, wie die Synthese aus globalen Konzepten und regionalen Bedürfnissen gelingt. Ringelstein verdeutlichte, dass Arup für die stadtplanerische Strukturierung europäische Modelle wie Luxemburg oder Valencia intensiv analysiert hat. Durch dieses gezielte Screening internationaler Metropolen wurden bewährte Systeme der Verkehrsführung, der urbanen Dichte und der Lebensqualität auf den Masterplan von Alatau City übertragen.
Makroökonomische Kennzahlen und wirtschaftlicher Strukturwandel
Dieses ambitionierte Megaprojekt bettet sich in ein stabiles makroökonomisches Fundament ein, das den Investoren als verlässliche Orientierung dient. Zur Einordnung der nationalen Dynamik wurden im Rahmen der Roadshow die folgenden Kernindikatoren präsentiert:
| Makroökonomischer Indikator | Wert / Ausprägung | Details & Relevanz |
| Bruttoinlandsprodukt (nominal) | ca. 397,9 Mrd. USD | Aktuelle Prognose des IWF |
| Wirtschaftswachstum (Real-GDP) | +4,2 % | In den ersten 9 Monaten; getrieben durch +5,4 % im Nicht-Rohstoffsektor |
| Strukturwandel der Wirtschaft | 7,8 % vs. 14,1 % | Anteil der Ölproduktion sank auf 7,8 %; verarbeitendes Gewerbe stieg auf 14,1 % |
| Investitionsklima | ca. 35,7 Mrd. USD | Bruttoanlageinvestitionen stiegen um 7 % (private Investitionen um +18,2 %) |
| Finanzielle Puffer | 66,2 Mrd. & 66,7 Mrd. USD | Gold-/Devisenreserven bei 66,2 Mrd. USD; Nationalfonds bei 66,7 Mrd. USD |
Dieses positive Investitionsumfeld stützt das Vorhaben direkt, indem es privaten und transnationalen Geldgebern langfristige Planungssicherheit bietet und den Wandel, weg von einer reinen Rohstoffwirtschaft hin zu einem High-Tech-Standort, untermauert.
Das wirtschaftliche Kraftfeld Almaty und die vier thematischen Distrikte
Ein elementares Argument für die Standortwahl ist die unmittelbare Nachbarschaft zum wirtschaftlichen Kraftzentrum des Landes. Die geplante Megacity entsteht im direkten Einzugsgebiet von Almaty, was eine enorme ökonomische Hebelwirkung entfaltet. Almaty ist mit über 2,3 Millionen Einwohnern das unbestrittene wirtschaftliche und finanzielle Herz des Landes. Die herausragende Stellung der Region zeigt sich am Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf, das in Almaty bei rund 30.000 US-Dollar liegt. Dieser Wert stellt im Vergleich zu anderen Regionen Kasachstans eine absolute Spitzenposition dar und unterstreicht die enorme kaufkräftige und wirtschaftliche Dynamik, die Alatau City von Beginn an als stabiler Katalysator zur Verfügung steht.

Gleichzeitig stößt Almaty durch sein rasantes Wachstum zunehmend an seine Kapazitätsgrenzen. Alatau City ist daher explizit als komplementäre Entlastungsstadt konzipiert, die den enormen Wachstumsdruck auffängt. Durch den direkten Anschluss an die Autobahn A3 Richtung China bietet sie ideale Bedingungen für flächenintensive Industrie- und Logistikansiedlungen. Hierbei greifen bereits fortschrittliche, volldigitalisierte Sino-Kasachische Zollkooperationen an den Grenzstationen, sowie Abkommen zur gegenseitigen Visafreiheit, welche den grenzüberschreitenden Geschäfts- und Warenverkehr drastisch beschleunigen. Die parallele Einbindung an die Große Ringstraße von Almaty stellt zudem eine nahtlose logistische Vernetzung sicher.
Die funktionale Aufteilung der 88.000 Hektar großen Stadt trägt dieser Symbiose durch die folgenden vier komplementären, thematischen Distrikte Rechnung:
1) Der Gate District grenzt direkt an den nördlichen Rand von Almaty an und dient als fließender Übergang sowie als das künftige Finanz- und Business-Zentrum. Die geplante Verlängerung der U-Bahn-Linie Almatys sowie ein neues 76 Kilometer langes Stadtbahnsystem (LRT) werden die beiden Zentren physisch zusammenschweißen.
2) Der Growing District bildet die industrielle und logistische Basis für exportorientierten Handel. Er setzt auf hochmoderne, automatisierte Fertigungslinien in Bereichen wie dem Maschinenbau. Deutsche Industrieausrüster sind hierbei als Partner gefragt, um die Fabriken der neuen Generation von Beginn an CO₂-neutral, hochgradig energieeffizient und ressourcenschonend zu gestalten.
3) Der Golden District ist als Innovations-, Bildungs- und Gesundheitszentrum konzipiert. Hier entsteht neben einem regionalen Life-Science-Hub und modernen Laborkapazitäten auch eine klinische Spitzenversorgung, unterstützt durch Partnerships mit transnationalen Pharmakonzernen.
4) Der Green District schließt den Masterplan als dedizierter Tourismus- und Erholungscluster ab. Gelegen am landschaftlich prägenden Kaptschagai-Stausee, fokussiert sich dieser Distrikt vollständig auf die Erlebnisökonomie. Durch die Ansiedlung von ganzjährigen Resorts, Freizeitparks und hochkarätigen Unterhaltungsangeboten wird er zu einem Magneten für nationale und internationale Besucher geformt. Hand in Hand mit dieser Entwicklung besitzt eine zukunftsfähige Wasser- und Umwelttechnologie höchste Priorität: Geschlossene Wasserkreisläufe, modernste Klärsysteme und smarte Durchflusssteuerungen von Arup sichern die langfristige ökologische Nachhaltigkeit der gesamten Region.

Die transeurasische Landbrücke und soziale Generationenplanung
Ein weiterer Treiber für das gigantische Ausmaß des Projekts ist die strategische Lage Kasachstans im globalen Handel. Für die Volksrepublik China und den gesamten asiatischen Kontinent fungiert das Land als das unverzichtbare Nadelöhr nach Westen. Bereits heute laufen rund 72 Prozent des landbasierten chinesischen Transitverkehrs in Richtung Europa über kasachisches Staatsgebiet. Diese eurasische Landbrücke gewinnt durch den forcierten Ausbau der Transkaspischen Internationalen Transportroute, besser bekannt als der Mittlere Korridor, eine immense geoökonomische Tragweite.
Dieses Schienen- und Handelsnetz wird geopolitisch sowie finanziell massiv durch die „Global Gateway“-Initiative der Europäischen Union und G7-Infrastrukturprogramme flankiert, um krisenfeste Alternativen für den interkontinentalen Güterverkehr zu etablieren. Um den transkaspischen Flaschenhals über das Meer nachhaltig zu weiten, investiert Kasachstan parallel massiv in die Kapazitätserweiterung seiner strategischen Tiefseehäfen Aktau und Kuryk. Alatau City fungiert in diesem Gefüge als das zentrale, kontinentale Hinterland-Drehkreuz (Dry Port), das an diesem logistischen Scheitelpunkt positioniert ist, um diese künftigen Warenströme direkt zu absorbieren.
Das städtebauliche Fundament ruht dabei auf einer tiefgreifenden, vorausschauenden Nachhaltigkeitsstrategie für die bis zu zwei Millionen künftigen Einwohner. Um eine hohe Lebensqualität zu gewährleisten, wird der Ausbau der sozialen Infrastruktur parallel zur industriellen Entwicklung vorangetrieben. Ein kritischer Erfolgsfaktor ist hierbei die Fachkräftesicherung nach dem deutschen Modell der dualen Ausbildung, das die berufliche Bildung vor Ort systematisch an die Anforderungen der High-Tech-Unternehmen anpassen soll. Im Golden District werden zudem internationale Universitäten, Forschungscluster und wissenschaftliche Institute angesiedelt. Hierfür wurden bereits weitreichende Kooperationsverträge mit britischen Bildungseinrichtungen geschlossen, um eine Ausbildung auf globalem Spitzenniveau direkt vor Ort zu verankern.

Bilateraler Wirtschaftsdialog und Brückenstrategie
Den inhaltlichen und strategischen Schlusspunkt der Roadshow bildete ein offener Dialog zur Industrie-, Infrastruktur- und Innovationsstadt, der von Peter Tils, dem ehemaligen Co-Vorsitzenden des Deutsch-Kasachischen Wirtschaftsrates, geleitet wurde. In dieser moderierten Diskussionsrunde traten die kasachische Delegation und die Vertreter der deutschen Wirtschaft in den direkten Austausch über konkrete Einstiegsszenarien, Technologiepartnerschaften und transnationale Lieferketten.
Die persönliche Begleitung durch Botschafter Nurlan Onzhanov über die gesamte Dauer der Roadshow hinweg unterstrich die hohe außenwirtschaftliche Priorität des Vorhabens. Im Dialog mit dem innovationsgetriebenen deutschen Mittelstand wurde deutlich, dass Kasachstan Alatau City nicht als isoliertes Infrastrukturprojekt versteht, sondern als integralen Bestandteil einer kontinentalen Brückenstrategie, um das Land dauerhaft als führenden, digital vernetzten Logistik- und Industrie-Hub zwischen Europa und Asien zu verankern.
Fazit und Ausblick: Brückenschlag in einer neuen geoökonomischen Realität
Aus analytischer Sicht markiert der Masterplan für Alatau City weit mehr als den Entwurf einer neuen Metropole: Er ist die logische Antwort Kasachstans auf die tektonischen Verschiebungen im globalen Welthandel. In einer Ära, in der europäische, und insbesondere deutsche Unternehmen, ihre Lieferketten diversifizieren und krisenfester aufstellen müssen, bietet der beschleunigte Ausbau des Mittleren Korridors ein strategisches Zeitfenster. Dass dieses logistische Großvorhaben durch Initiativen wie das „Global Gateway“-Programm der EU flankiert wird, unterstreicht die enorme geoökonomische Relevanz, die Brüssel und Berlin Zentralasien mittlerweile beimessen.
Für die deutsche Industrie birgt dieses Megaprojekt ein zweifaches Potenzial. Einerseits bietet sich für Maschinenbauer, Spezialisten der Wasserwirtschaft und Anbieter im Bereich der beruflichen Bildung ein hochattraktives, langfristiges Betätigungsfeld auf einem stabilisierten Silbertablett. Andererseits ist das in Berlin demonstrierte Umsetzungstempo ein unübersehbarer Weckruf für Europa. Wenn die Verwirklichung kontinentaler Infrastrukturen in Zentralasien mit einem ausgeprägten Pragmatismus vorangetrieben wird, während der Westen in langwierigen Planungsverfahren verharrt, verschiebt sich die globale Umsetzungsdynamik spürbar nach Osten. Ob Alatau City die ehrgeizigen Meilensteine in der prognostizierten Geschwindigkeit erreicht, wird sich zeigen, doch der Grundstein für einen neuen, verlässlichen eurasischen Korridor auf Augenhöhe ist unumkehrbar gelegt.
Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie morgen exklusiv in NewsMark den zweiten Teil unserer Reportage aus Berlin: Wie Alatau City mit volldigitalem Grunderwerb via Bitcoin, autonomen Flugtaxis und einem eigenen Common-Law-Gericht die globale Finanz- und Rechtsarchitektur revolutionieren will.
