Verleihung des Publizistik-Preises der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung an Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, mit Bundeskanzler Friedrich Merz (Foto: C. Grosse)
Ein exklusiver Blick hinter die Kulissen der Hayek-Konferenz in Berlin: Warum das Vertrauen in dezentrale Märkte und freies Wissen die stärkste Waffe gegen den globalen Dirigismus ist und wie Bundeskanzler Friedrich Merz die wirtschaftspolitischen Leitlinien seiner Regierung neu zementiert.
Im exklusiven Kreis des Berliner Hotels Adlon Kempinski trafen sich Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, um über die drängenden Fragen der Wettbewerbsfähigkeit und des freien Wissens im Zeitalter der künstlichen Intelligenz zu debattieren. Der Rahmen der Fachkonferenz der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung unter dem prägnanten Leitmotiv „Ordnung aus Freiheit“ bot die perfekte Bühne für einen tiefen wirtschaftspolitischen Schlagabtausch, der die Bruchlinien und hoffnungsvollen Ansätze der deutschen Wirtschaftslandschaft offenlegte. Die hochkarätige Besetzung machte deutlich, wie intensiv hinter den Kulissen um den richtigen Kurs für den Standort Deutschland gerungen wird.
Der ordnungspolitische Kompass in stürmischen Zeiten
Den Auftakt gestaltete Jens Weidmann, der als Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung die Leitlinien des Tages skizzierte. Weidmann erinnerte in gewohnt präziser Manier daran, dass Ordnung und Freiheit keine Gegensätze, sondern die zwei Seiten derselben Medaille des Wohlstands sind. Ihm folgte Wolfgang Kubicki, der mit gewohnter rhetorischer Schärfe die liberale Position untermauerte und die fundamentale Notwendigkeit von Deregulierung und Marktoffenheit betonte. Die Stimmung im Saal war von Beginn an elektrisierend, geprägt von der Gewissheit, dass Deutschland an einem wirtschaftlichen Wendepunkt steht.
Im anschließenden Interview, klug und investigativ geführt von Julia Löhr, der Ressortleiterin Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wurden die theoretischen Grundlagen schnell mit der harten Realität abgeglichen. Löhr verstand es meisterhaft, die Kernfragen der deutschen Standortattraktivität herauszuarbeiten und den Finger in die Wunden von Bürokratie und Investitionsstau zu legen.

Henning Vöpel, Vorstand der Stiftung Ordnungspolitik und Direktor des Centrums für Europäische Politik, Christiane Vorspel, Mitglied des Vorstands / Chief Operating Officer der Commerzbank AG (Foto: C. Grosse)
Digitale Disruption und das Fundament der Staatsmodernisierung
Die erste Podiumsdiskussion, moderiert von Michael Best, wagte den Spagat zwischen Philosophie, Bankenwelt und Technologie. Jacob Burda beleuchtete die philosophische Dimension des digitalen Wandels, während Tech-Expertin Nicole Büttner von Merantix Momentum leidenschaftlich für den massiven Einsatz und die wirtschaftlichen Chancen von KI plädierte. Als Unternehmerin und ehemalige FDP-Generalsekretärin brachte Büttner eine doppelte Perspektive ein, die wirtschaftliche Dynamik mit politischer Gestaltungslogik verband. Dem gegenüber stand der dezidierte Gegenentwurf aus der Politik: Die aus Franken stammende Bundestagsabgeordnete Rebecca Lenhard, Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen für Digitales und Staatsmodernisierung, plädierte vehement für eine umfassende und staatlich priorisierte Bildungsoffensive als Fundament der digitalen Transformation.
Im Zentrum der Debatte stand die drängende Frage europäischer Souveränität angesichts der erdrückenden Macht globaler High-Tech-Konzerne. Zwar herrschte auf dem Podium Konsens darüber, dass eine vollständige technologische Unabhängigkeit, angesichts des massiven Vorsprungs außereuropäischer Tech-Giganten utopisch ist. Dennoch wurden konkrete Hebel diskutiert, um die europäische Handlungsfähigkeit auszubauen. Einig war man sich, dass Europas große Chance in der Stärkung der exzellenten Grundlagenforschungsinstitute liegt, um Innovationen von Beginn an auf eigenem Boden zu züchten. Flankiert werden müsse dies durch einen robusten rechtlichen Rahmen. Boris Paal von der TU München analysierte die rechtlichen Herausforderungen im Spannungsfeld von IT-Sicherheit und Urheberrecht im KI-Zeitalter. Es gelte, so der Tenor, Monopole wirksam einzuengen, ohne durch Überregulierung neue Innovationsbremsen zu schaffen. Henning Vöpel vom Zentrum für Europäische Politik, und Christiane Vorspel von der Commerzbank, brachten dazu die makroökonomische und praxisnahe Bankenperspektive ein und verdeutlichten, dass digitale Souveränität letztlich eine Frage funktionierender, offene Kapitalmärkte ist.

Intellektuelles Vergnügen und das Wagnis der Freiheit
Der politische und inhaltliche Höhepunkt des Tages gehörte Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Keynote das Kernthema der Konferenz mit maximalem Nachdruck auflud. Merz outete sich vor den geladenen Gästen als glühender Anhänger des liberalen Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek und bezeichnete die Auseinandersetzung mit dessen Werken als echtes „intellektuelles Vergnügen“.
Seine Rede war ein flammendes Plädoyer für den Dezentralismus. Da kein Staat das notwendige Wissen zentral sammeln und die richtigen Lösungen im Voraus ermitteln könne, brauche es zwingend offene Märkte und unternehmerische Freiheit. Nur so könnten sich Innovationen von unten nach oben entwickeln. In einem rhetorischen Vorstoß griff er das historische CDU-Motto „Freiheit statt Sozialismus“ von 1976 auf, und reaktivierte es als „Instrument der gedanklichen Klarheit“ für die aktuellen politischen Realitäten. Wer in diesen Tagen in die Stadt Berlin hineinhöre, so der Kanzler pointiert, erkenne schnell, dass dies nach wie vor die zentrale Fragestellung unserer Zeit sei. Für diese klaren Worte erntete Merz im vollbesetzten Saal des Adlon spürbare Zustimmung und anerkennenden Beifall aus dem Publikum.
Kurswechsel in der Handelspolitik und Energiewende
Gleichzeitig zog Merz klare Grenzen gegen den grassierenden globalen „Zeitgeist der Abschottung“ und brach eine Lanze für den freien Welthandel. Die Rolle des Staates definierte er strikt ordnungspolitisch: Der Staat solle keinen dirigistischen Interventionismus betreiben, sondern Eigentumsrechte sichern, Regeln durchsetzen und fairen Wettbewerb garantieren. Eine strategische Ausnahme machte er jedoch deutlich im Hinblick auf die Minderung wirtschaftlicher Risiken: Angesichts geopolitischer Krisen forderte er den Aufbau strategischer Rohstoffvorräte auf EU-Ebene sowie eine Stärkung der Kreislaufwirtschaft, um die europäische Resilienz zu sichern. Auch für die Energiewende kündigte er einen Kurswechsel an: Seine Regierung wolle die Energiewende nicht stoppen, aber den Ausbau der erneuerbaren Energien einem echten marktwirtschaftlichen Wettbewerb aussetzen.

Das Diktat der Dezentralität gegen den Staatsdirigismus
Besonders viel Aufmerksamkeit im Saal erregte Merz mit einem zweimal vorgetragenen Zitat aus Hayeks Spätwerk „Die verhängnisvolle Anmaßung“. Der Kanzler unterstrich damit ein zutiefst liberales Credo: Er würde lieber ohne Eigentum in einem Land leben, in dem viele andere etwas besitzen, als dort leben zu müssen, wo alles Eigentum Kollektiveigentum sei.
Hinter diesem Buchtitel verbirgt sich Hayeks fundamentale Kritik an jeglicher Form von Staatsdirigismus. Hayek argumentierte, dass das für eine Wirtschaft notwendige Wissen niemals an einer zentralen Stelle, etwa in einem Ministerium, gebündelt werden kann. Es ist dezentral auf Millionen Köpfe verteilt. Wenn Politiker nun glauben, von oben herab Märkte lenken, Technologien vorschreiben oder Preise diktieren zu können, ist dies laut Hayek eine „Anmaßung“, die historisch stets „verhängnisvoll“ in Ineffizienz und dem Verlust persönlicher Freiheiten endete.
Merz nutzte diese ordnungspolitische Steilvorlage, um die Brücke ins Hier und Jetzt zu schlagen: Nicht der Staat soll in der Transformation vorgeben, welche Technologie die richtige ist, das müssen die Unternehmer, Forscher und der Wettbewerb auf den Märkten selbst herausfinden. Zum Abschluss mahnte der Kanzler an, dass es in Deutschland wieder an einer „Großzügigkeit im Miteinander“ fehle und fügte mit Blick auf die Verteilungsdebatten hinzu, dass es keinen Taschenrechner gebe, der absolute Gerechtigkeit vorrechnen könne.
Wirtschaftsdenker im Fokus: Wer war Friedrich August von Hayek?
- Der Freiheitsphilosoph: Der österreichische Ökonom (1899–1992) gilt als einer der bedeutendsten Denker des Liberalismus und erhielt 1974 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
- Das Markt-Netzwerk: Seine Kernthese besagt, dass der freie Markt wie ein riesiges, dezentrales Informationsnetzwerk funktioniert. Preise sind die Signale, die dieses verstreute Wissen transportieren.
- Gegen den Staatsdirigismus: Hayek war der größte intellektuelle Gegenspieler von John Maynard Keynes. Während Keynes staatliche Eingriffe in Krisen forderte, warnte Hayek davor, dass staatliche Planung unweigerlich in Unfreiheit und Ineffizienz führt.
- Die Stiftung: Die 1999 gegründete Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung fördert genau diese Prinzipien einer freien Wirtschaft und Gesellschaft und verleiht regelmäßig ihren renommierten Publizistik-Preis.
Die Ehre des freien Wissens als System des Vertrauens
Genau an dieser Schnittstelle offenbarte die Konferenz ihre intellektuelle Eleganz. Denn was Hayek einst für die Wirtschaft beschrieb, dass Märkte als dezentrale Informationsnetzwerke funktionieren, weil kein Planer allwissend ist, bildet die exakte theoretische Blaupause für das Lebenswerk des diesjährigen Preisträgers.
Die Verleihung des Publizistik-Preises an Wikipedia-Gründer Jimmy Wales war somit kein thematischer Bruch, sondern die logische Fortsetzung der Hayek’schen Lehre im digitalen Raum. Wikipedia ist die gelebte „Ordnung aus Freiheit“: Ein globales Wissensnetzwerk, das ohne zentrale Redaktion auskommt und stattdessen auf das verstreute Wissen von Millionen Individuen vertraut.
Per Videoschalte würdigte der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel in einer tiefgründigen Laudatio dieses monumentale Werk. Der feierliche Höhepunkt der Ehrung manifestierte sich in der anschließenden Übergabe auf der Bühne: Bundeskanzler Friedrich Merz und der Kuratoriumsvorsitzende Jens Weidmann reichten Jimmy Wales gemeinsam die Auszeichnung. Wales selbst schlug in seinen Dankesworten die Brücke zur Gegenwart. Im Zeitalter von KI-generierten Inhalten und grassierenden Deepfakes dürfe Vertrauen kein bloßer Slogan sein, sondern müsse als System gelebt werden. Wikipedia zeige eindrucksvoll, dass offene Zusammenarbeit nach klaren Regeln der Verifizierung funktioniert, und gerade heute, wo Algorithmen das Monopol auf Information anstreben, eine fundamentale und unverzichtbare Säule für eine freie Gesellschaft bildet.

Der lebendige Clash der ökonomischen Denkschulen
Zum Abschluss der Konferenz flogen auf dem Podium noch einmal die intellektuellen Fetzen, im besten, wissenschaftlichen Sinne. Unter der Moderation von Sascha Hingst entbrannte eine hochgradig lebendige und kontroverse Debatte, die die tiefen wirtschaftspolitischen Gräben in Deutschland perfekt abbildete. Der renommierte Ökonom Peter Bofinger vertrat mit Nachdruck eine keynesianisch geprägte Sichtweise. Er argumentierte, dass der Staat in Krisenzeiten aktiv investieren und lenken müsse, um die Wirtschaft zu stabilisieren und die Transformation zu finanzieren, eine strikte Absage an die reine Hayek’schen Lehre.
Clemens Christmann vom Hayek-Club Frankfurt hielt vehement dagegen und forderte ein striktes Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes und die Entlastung der Bürger und Unternehmen von staatlichen Zugriffen. Udo Di Fabio, der ehemalige Richter des Bundesverfassungsgerichts, erdete die ökonomische Debatte mit der verfassungsrechtlichen Realität. Er mahnte an, dass der Staat zwar die normativen Grundlagen und den Schutz der Freiheit garantieren müsse, sich aber hüten sollte, die Eigentumsrechte und den Wettbewerb durch übermäßige Regulierung auszuhöhlen. Es war ein faszinierender Schlagabtausch, der den Gästen im Adlon bis zur letzten Minute vor Augen führte, dass die Suche nach dem richtigen wirtschaftlichen Kompass für Deutschland präsenter und umstrittener ist denn je.
Ausblick: Der Mut zur offenen Zukunft
Die Konferenz im Adlon hat eindrucksvoll gezeigt, vor welcher Weichenstellung die deutsche Wirtschaft steht. Die drängenden Transformationen unserer Zeit lassen sich nicht am Reißbrett planen. Ob Europa im globalen Tech-Wettlauf besteht und seine ökonomische Stärke zurückgewinnt, wird sich an der Frage entscheiden, ob politischer Dirigismus, oder das Hayek’sche Wagnis der Freiheit, den Ton angibt. Ein „System des Vertrauens“ und die Kraft offener Märkte bleiben das verlässlichste Fundament, um echte Ordnung aus der Dynamik des Fortschritts entstehen zu lassen.
