Modellprojekt Hegelplatz in Berlin-Mitte für eine klimaresiliente Schwammstadt (Foto: C. Grosse)
Berlin baut um: Angesichts historischer Hitzerekorde und plötzlicher, schwerer Unwetter setzt die deutsche Hauptstadt konsequent auf das stadtplanerische Konzept der Schwammstadt. Ziel dieses evolutionären Megaprojekts ist es, den durch jahrzehntelange Betonversiegelung gestörten natürlichen Wasserkreislauf radikal wiederherzustellen. Statt Regenwasser, wie bisher ungenutzt und rasch über die Kanalisation abzuleiten, agiert die Metropole künftig wie ein riesiger Schwamm: Sie saugt Niederschläge direkt vor Ort auf, speichert sie und gibt sie bei Hitze zur Kühlung wieder ab.
Die fundamentale Dringlichkeit: Klimawandel in der Metropole
Die klimatischen Herausforderungen für Berlin verschärfen sich rasant. Das herkömmliche Prinzip der „glorifizierten Dachrinne“ – Wasser aufzufangen und sofort unter die Erde in die Kanalisation abzuführen – stößt an seine Belastungsgrenzen.
Bei extremen Unwettern droht dem Abwassersystem der Kollaps.
Berlins überlaufende Kanalisation: Ein toxischer Cocktail für die Spree und Havel
Wenn das Berliner Kanalsystem bei Starkregen überläuft, fließt ein hochgradig toxischer Cocktail ungeklärt in Spree und Havel. Diese sogenannten Mischwasserentlastungen transportieren fäkale Krankheitserreger wie E. coli-Bakterien sowie Toilettenabfälle und Hygieneartikel direkt in die urbanen Gewässer. Hinzu kommen extreme Mengen an Stickstoff und Phosphor, die zu rasanter Überdüngung und fatalem Sauerstoffmangel führen, was regelmäßig massives Fischsterben auslöst.
Gleichzeitig spült das Regenwasser den giftigen Dreck der Straße mit: Reifenabrieb, Mikroplastik, krebserregende Rußpartikel, Motoröle sowie Schwermetalle wie Zink und Kupfer von Bremsbelägen. Völlig ungefiltert gelangen so auch hochkonzentrierte Haushaltschemikalien und schwer abbaubare Medikamentenrückstände wie Antibiotika oder Hormone in das sensible Ökosystem der Stadt.
Die Schwammstadt verhindert unkontrollierte Sturzfluten und Schäden im urbanen Raum.
Beton- und Asphaltflächen speichern am Tag die Hitze. Pflanzliche Verdunstung hingegen wirkt wie eine natürliche Klimaanlage und senkt den gesundheitsgefährdenden Hitzestress in dicht besiedelten Kiezen spürbar.
Der Werkzeugkasten der wasserresistenten Stadtentwicklung
Berlin gewinnt sein Trinkwasser zu 100 Prozent aus lokalem Grundwasser. Durch langanhaltende Dürreperioden sinken die Pegel. Das gezielte Versickernlassen vor Ort speist die lebenswichtigen Reservoirs nachhaltig.
Um Berlin klimaresilient umzubauen, greift die Stadtplanung auf eine Vielzahl ineinandergreifender architektonischer und landschaftlicher Maßnahmen zurück. Dazu gehören Dach- und Fassadenbegrünung. Moderne Retention-Gründächer fangen bis zu 50 Prozent des jährlichen Niederschlags ab. Sie speichern das Wasser wie ein Schwamm und kühlen durch kontinuierliche Verdunstung das Gebäude und die Umgebung.
Auch die gezielte Entsiegelung gehört zu den Maßnahmen. Starre Asphalt- und Betonflächen werden sukzessive aufgebrochen. Durchlässige Oberflächenbeläge erlauben dem Wasser, direkt ins Erdreich einzudringen.

Spezielle Baumrigolen und Versickerungsmulden:
Unter den Stadtbäumen ersetzen unterirdische Kiesbettungen (Rigolen) die klassischen Gullys. Sie sammeln enorme Wassermengen, führen sie verzögert dem Grundwasser zu oder versorgen das Stadtgrün in Trockenzeiten.
Überschüssiges Wasser, das nicht sofort versickert, wird über Gefälle in neugeschaffene, urbane Biotope geleitet, wo es schadlos stehen bleiben und verdunsten kann.
Rigolen: das unsichtbare Rückgrat der Schwammstadt.
Technisch betrachtet handelt es sich bei Rigolen um unterirdische Pufferspeicher, die stoßartig anfallendes Regenwasser aufnehmen, zwischenspeichern und verzögert an das umliegende Erdreich abgeben. Sie entlasten die Kanalisation und speisen gezielt das Grundwasser.
In der modernen Baupraxis unterscheidet man zwei technische Hauptformen. Zum einen die klassische Kiesrigole (Rohr – Rigole): Ein tief ausgehobener Graben wird mit grobkörnigem Kies oder Schotter aufgefüllt. Inmitten dieser Packung liegt ein geschlitztes oder perforiertes Sickerrohr. Das Wasser fließt in das Rohr ein, verteilt sich über die Perforation und füllt die Hohlräume zwischen den Steinen.
Da Kies ein geringes Porenvolumen von nur etwa 30 bis 35 Prozent aufweist, bedeutet dies: Für 1.000 Liter Speichervolumen müssen rund drei Kubikmeter Kies bewegt und verbaut werden.
Zum anderen die moderne Kunststoff-Blockrigole (Füllkörper-Rigole). Anstelle von Kies kommen modulare, wabenartige Gitterboxen aus recyceltem Kunststoff zum Einsatz (z. B. Polypropylen). Diese Boxen werden wie Legosteine im Untergrund zusammengesteckt. Das gesamte System wird zwingend mit einem Geotextil (Filtervlies) umschlossen. Das Vlies lässt Wasser passieren, verhindert aber, dass feine Sand- und Bodenteilchen die Anlage mit der Zeit zuschlämmen.
Der Vorteil der Füllkörper-Rigolen ist der, dass diese ein Speicher–Hohlraumvolumen von bis zu 95 Prozent erreichen. Sie benötigen bei gleicher Kapazität nur ein Drittel des Platzes einer Kiesrigole, was sie ideal für den engen städtischen Untergrund macht.

Politische Weichenstellungen und gesetzliche Vorgaben
Der Wandel geschieht nicht nur auf freiwilliger Basis, sondern wird politisch und gesetzlich streng forciert. Die Basis bildet das Berliner Klimaanpassungsgesetz, welches vorschreibt, dass Regenwasser auf versiegelten Flächen vorrangig direkt vor Ort gehalten werden muss.
Für Neubauprojekte gelten bereits strikte gesetzliche Auflagen, die eine Einleitung von Regenwasser in die Kanalisation auf ein absolutes Minimum begrenzen.
Um die Verwaltung, private Bauherren und Planer gleichermaßen zu unterstützen, riefen der Senat und die Berliner Wasserbetriebe die „Berliner Regenwasseragentur“ ins Leben. Diese treibt dezentrale Lösungen voran und kartiert systematisch das Abkopplungspotenzial landeseigener Flächen vom städtischen Kanalnetz.
Zukunftsprojekt Schumacher Quartier (TXL): Berlins Leuchtturm der Schwammstadt
Das Schwammstadt-Prinzip ist längst keine reine Theorie mehr, sondern wird in wegweisenden Projekten real gelebt: Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel entsteht das derzeit wichtigste Referenzprojekt für wassersensible Stadtentwicklung. Das gesamte Quartier verzichtet bewusst auf konventionelle Ableitungen. Ein hochkomplexes Kaskadensystem aus intensiv begrünten Wiesen, Retentionsdächern und Wasserspeichern sorgt dafür, dass kein einziger Tropfen wertvollen Regenwassers im Abwasserkanal verloren geht.
Wohnquartiere an der südlichen Stadtgrenze:
Bei neuen Wohnungsbauprojekten steuert die Verkehrs- und Umweltverwaltung gezielt nach. Straßen erhalten integrierte Promenaden mit Baumrigolen. Bei extremen Wetterlagen fließt das Wasser in kniehohe, künstlich angelegte Feuchtbiotope ab. Dazu gehört das Quartier „52“ NORD“ in Berlin-Grünau“ und „Hugos Wohngärten“ in Berlin-Britz / Neukölln.

Urbane Bildungsstätten:
Dass der Umbau auch im Kleinen funktioniert, beweist der vom Wettbewerb REGENIAL! ausgezeichnete, wassersensible Umbau des Schulhofs der Grundschule St. Ursula in Berlin-Zehlendorf, der exemplarisch zeigt, wie grauer Asphalt in lebendige, wasseraufnahmefähige Mikro-Grün-Infrastrukturen verwandelt werden kann.
Praxisbeispiel Gendarmenmarkt: Schwammstadt im Denkmalschutz
Dass das Schwammstadt-Konzept selbst auf hochfrequentierten, historischen Prachtplätzen funktioniert, beweist die Klimaanpassung des Gendarmenmarktes. Der geschichtsträchtige Platz im Herzen Berlins verbindet den Deutschen Dom, den Französischen Dom und das Konzerthaus. Bei seiner umfassenden Sanierung, die im März 2025 abgeschlossen wurde, stand die Stadtplanung vor einem immensen Dilemma.
Die bauliche Herausforderung und eine technische Ingenieursleistung
Aus Denkmalschutzgründen, sowie für die Nutzung als barrierefreier Festplatz – z. B. für das Classic Open Air oder den Weihnachtsmarkt – war eine klassische Schwammstadt-Maßnahme, wie Entsiegelung oder großflächige Begrünung, absolut ausgeschlossen. Der Platz benötigt eine hochgradig belastbare, geschlossene Oberfläche aus Granit- und Basaltplatten. Gleichzeitig führten Starkregenereignisse auf den 14.000 Quadratmetern zuvor regelmäßig zu massiven Überflutungen.
Die Planer von Rehwaldt Landschaftsarchitekten und BBS Landscape Engineering verlagerten den „Schwamm“ vollständig unter die Erde. Zum Einsatz kam ein hochmodernes, dezentrales Entwässerungssystem was unsichtbar in die Stadtlandschaft integriert wurde.
Das Oberflächenwasser wird über filigrane Kastenrinnen aufgefangen, die optisch exakt nach dem historischen Guss-Vorbild der Denkmalpflege gestaltet wurden. Direkt unter dem Pflaster wurden sechs extrem flache Blockrigolen (ACO Stormbrixx) mit einer Gesamtkapazität von 510 Kubikmetern (510.000 Liter) installiert. Bezogen auf die Platzgröße fängt das System extreme Regenmengen von rund 36 Litern pro Quadratmeter ab.

Gendarmenmarkt: internationale Blaupause
Da Berlin einen sehr hohen Grundwasserspiegel besitzt, durfte nicht tief gegraben werden. Die gewählten Kunststoffrigolen haben eine minimale Bauhöhe von gerade einmal 61 Zentimetern. Dadurch wird der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand zum echten Grundwasser exakt eingehalten.
Bevor das gesammelte Regenwasser in die tieferen Bodenschichten absickert, passiert es spezielle integrierte Substratfilter. Diese reinigen das Wasser zuverlässig von Schmutz und städtischen Umweltstoffen.
Der Gendarmenmarkt gilt laut der Berliner Regenwasseragentur heute als internationale Blaupause. Er beweist eindrucksvoll, dass modernste Klimaresistenz, historische Ästhetik und intensive urbane Event-Nutzung kein Widerspruch sein müssen.
Klimaresistente Mitte: Das Rathaus- und Marx-Engels-Forum als Schwammstadt
Ein weiteres Leuchtturmprojekt von besonderer Bedeutung für die Mitte Berlins ist das historische Areal zwischen Rotem Rathaus und Fernsehturm. Es wird bis Ende 2027 zum zentralen Schwammstadt-Leuchtturmprojekt umgebaut. Die landeseigene Grün Berlin GmbH koppelt die 7,2 Hektar große Fläche vollständig vom städtischen Kanalnetz ab. Rund 5.000 Quadratmeter Asphalt werden entsiegelt und in grüne Oasen verwandelt.
Ein neu angelegter, 870 Quadratmeter großer Versickerungsbereich fängt Niederschläge direkt vor Ort auf, reinigt sie biologisch und speist sie in den Kreislauf ein. Das schützt die Berliner Innenstadt vor Sturzfluten bei Starkregen und kühlt das überhitzte Stadtzentrum im Sommer effektiv ab.

Herausforderungen: Ein Jahrhundertprojekt für den Bestand
Obwohl Berlin bundesweit als ambitionierter Vorreiter gilt, steht der eigentliche Kraftakt noch bevor. Während der klimaangepasste Bau auf der grünen Wiese im Neubau technisch leicht planbar ist, erweist sich der Umbau historisch gewachsener Innenstadtbezirke als mühsam, zeitintensiv und extrem kostenintensiv.
Bislang weisen beispielsweise nur etwa vier Prozent der Berliner Dächer eine Bepflanzung auf. Oft fehlen verlässliche Statikdaten älterer Altbauten, um schwere, wassergesättigte Gründächer nachträglich zu installieren.
Experten der Regenwasseragentur betonen daher unmissverständlich: Der vollständige, klimagerechte Stadtumbau der Metropole wird keine Frage von Jahren, sondern eine Generationenaufgabe für die kommenden Jahrzehnte sein. Dennoch führt an dieser Transformation kein Weg vorbei, wenn Berlin auch im späten 21. Jahrhundert eine lebenswerte, gesunde und krisenfeste Heimat für Millionen Menschen bleiben soll.
