Weltsaal im Auswärtigen Amt (Foto: C. Grosse)
Am 17. Juni 2026 fand das 35. Deutsch-Polnische Forum im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in Berlin statt. Es markierte als bilaterales Großevent das 35-jährige Jubiläum des Nachbarschaftsvertrags von 1991. Unter dem Leitmotto „Nachbarschaft im Wandel“ diskutierten 700 geladene Gäste aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft über Wege aus geopolitischen Krisen und trieben die strategische Neuausrichtung Europas voran. Organisiert wurde die Jubiläumskonferenz von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SdpZ) in Kooperation mit den jeweiligen Außenministerien und mit Unterstützung der Berliner Senatskanzlei.
Das Forum umfasste hochrangige politische Absprachen, als auch die feierliche Verleihung bilateraler Preise sowie die Rückgabe historischer Kulturgüter an Polen.
EU-Reformen, militärische Sicherheit und Geopolitik
Das politische Kernstück bildete das bilaterale Treffen zwischen Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) und seinem polnischen Amtskollegen Radosław Sikorski. In seiner programmatischen Ansprache zog Wadephul historische Verbindungslinien und plädierte nachdrücklich für eine grundlegende Reform der EU-Entscheidungsprozesse: Angesichts tiefgreifender geopolitischer Veränderungen forderte er die Einführung von Mehrheitsentscheidungen in der EU-Außenpolitik, um die europäische Handlungsfähigkeit in Sicherheitsfragen vom Zwang zur Einstimmigkeit zu befreien.
Flankiert wurden diese diplomatischen Bemühungen von Beratungen zur Verteidigungskooperation an der NATO-Ostflanke sowie starken Impulsen zur Revitalisierung des Weimarer Dreiecks. Die Debatten machten deutlich, dass die trilaterale Achse zwischen Berlin, Warschau und Paris heute mehr denn je als zivilgesellschaftliche und politische Brücke fungieren muss.

Kulturdialog, Restitution und Erinnerungskultur
Ein historischer Meilenstein und emotionaler Höhepunkt des Forums war die feierliche Restitution bedeutender polnischer Kulturgüter, die während der nationalsozialistischen Besatzung entwendet worden waren. Außenminister Wadephul übergab symbolisch drei Objekte an die polnische Delegation.
„Gaude Mater Polonia“ – Ein Herzstück polnischer Geschichte
Bei dem restituierten Objekt handelt es sich um das Notenfragment der lateinischen Hymne Gaude Mater Polonia („Freue dich, Mutter Polens“). Das sechs Pergamentblätter umfassende Heft ist eines der ältesten Zeugnisse polnischer Musikgeschichte. Die Hymne wurde 1253 zur Heiligsprechung des Bischofs Stanislaus von Krakau verfasst und stieg im Spätmittelalter zur historischen Hymne des polnischen Königreichs auf, die Krönungen und Siege begleitete.
Das Fragment gehörte ursprünglich zur Bibliothek des Priesterseminars in Płock, die im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten systematisch geplündert wurde. Nach kriegsbedingten Umwegen identifizierte die Staatsbibliothek zu Berlin (SPK – Stiftung Preußischer Kulturbesitz) die Handschrift durch Provenienzforschung. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und SPK-Präsidentin Prof. Dr. Marion Ackermann übergaben das wertvolle Manuskript nun beim Forum an Polen – als Zeichen für ein neues Kapitel der gemeinsamen Erinnerungskultur.

Der Jagiellonen-Ring kehrt nach Polen zurück
Der historisch und juristisch hochgradig bedeutsame Jagiellonen-Ring ist ebenfalls offiziell an Polen zurückgegeben worden. Das aus dem 16. Jahrhundert stammende Schmuckstück aus Gelbgold ist mit einem 3,5 Karat schweren Diamanten besetzt und wird dem Besitz von König Sigismund I. dem Alten zugeschrieben. Vermutlich war er Teil der königlichen Schatulle der Fürstenfamilie Czartoryski. Kurz vor dem deutschen Überfall im Jahr 1939 evakuiert und versteckt, wurde der Ring von deutschen Truppen entdeckt und geplündert.
Nach dem Krieg verlor sich seine Spur, bis er 1963 durch eine Schenkung in den Besitz des Schmuckmuseums Pforzheim gelangte. Dort führten Recherchen polnischer Experten im Jahr 2006 zu seiner Entdeckung. Eine Kunsthistorikerin rekonstruierte schließlich den Weg des Rings, nachdem sie ihn auf einer Fotoausstellung in der Partnerstadt Tschenstochau wiedererkannt hatte. Nach langjährigen wissenschaftlichen Identitätszweifeln in Deutschland brachten neuere Gutachten und eine Stellungnahme des Nationalmuseums Krakau im Frühjahr 2026 endgültige Klarheit. Der Gemeinderat von Pforzheim stimmte der Restitution im Mai 2026 mit großer Mehrheit zu. Schließlich übergab Oberbürgermeister Peter Boch den Ring beim Forum in Berlin feierlich als „Zeichen des Respekts und der Freundschaft“ an die polnische Kulturministerin Marta Cienkowska.

Historisches NS-Raubgut restituiert: Elf Eisenbahnminiaturen kehren nach Warschau zurück
Beim dritten Objekt handelt es sich um elf historische Eisenbahnminiaturen und Zubehörteile aus den Beständen des Bundeseisenbahnvermögens (BEV), deren offizielle Übergabe nun durch das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) erfolgte. Damit schließt sich nach über 85 Jahren eine wichtige Lücke in der Dokumentation der polnischen Verkehrsgeschichte.
Die Exponate blicken auf eine präzise dokumentierte Raub- und Sammlungsgeschichte zurück. Ursprünglich gehörten die detaillierten Modelle zur permanenten Sammlung des Verkehrsmuseums Warschau, wo sie noch bis zum Sommer 1940 regulär ausgestellt waren. Während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg wurden die Miniaturen im September 1940 gezielt entwendet und in die Sammlung des damaligen Verkehrs- und Baumuseums Berlin eingegliedert.
Da die historischen Zugangsbücher des Berliner Museums den Transfer explizit vermerkten, blieb die genaue Herkunft über Jahrzehnte hinweg lückenlos nachvollziehbar. Später gelangten die Exponate in das heutige Deutsche Technikmuseum in Berlin, wo die eindeutige Herkunft bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Inventarisierung sofort auffiel. Seit dem Jahr 2003 waren alle elf Objekte offiziell in der deutschen Lost Art-Datenbank für kriegsbedingt verlagertes Kulturgut registriert, bevor sie nun erfolgreich mit den polnischen Beständen zusammengeführt werden konnten.

Deutsch-polnische Foren: Impulse für Innovation und strategische Zukunft
Am Nachmittag fanden parallel thematische Sitzungen statt. Im Wirtschaftsworkshop im Haus der deutschen Wirtschaft organisierte die Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) eine interaktive Wirtschaftssitzung, die sich mit den drängendsten Fragen der bilateralen Handelsbeziehungen in Zeiten geopolitscher Umbrüche befasste. Im Fokus stand die Frage, wie sich Deutschland und das wachstumsstarke Polen angesichts globaler Handelsumbrüche und transformativer Herausforderungen gemeinsam als europäische Innovationsführer positionieren können.
Weitere fachspezifische Foren gab es zu den übergeordneten Clustern Sicherheit und Verteidigung, Gesellschaft, Bildung und Kultur. In der Bildungssektion diskutierte beispielsweise die Deutsch-Polnische Schulbuchkommission über transnationale Geschichtsvermittlung und die Einbindung der Ukraine in europäische Bildungsprojekte.
Die nachfolgenden, vertiefenden Arbeitsgruppen legten den Fokus gezielt auf die strategische Zukunft. Gearbeitet wurde in den Clustern Jugend, Globale Politik, Erinnerungskultur, Europa sowie Sprache. Hier brachten unter anderem auch Vertreter der deutschen Minderheit in Polen ihre Impulse für das zukünftige Miteinander ein. Die Panels widmeten sich zudem der zukunftsorientierten, transnationalen Geschichtsvermittlung und dem Ausbau des Jugendaustauschs.
In enger Kooperation mit Thinktanks wie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) erarbeiteten die Teilnehmer Visionen für die europäische Integration. Ziel war es, dem Weimarer Dreieck aus den Communities heraus neue gesellschaftliche Impulse zu verleihen.
Die SdpZ hob nach der Veranstaltung explizit hervor, dass das Engagement der beteiligten Mitorganisatoren in den einzelnen Workshops maßgeblich dazu beigetragen hat, das Forum von einer rein diplomatischen Konferenz in einen lebendigen zivilgesellschaftlichen Austausch zu verwandeln.
Fazit und Ausblick
Das 35. Deutsch-Polnische Forum am 17. Juni 2026 markierte einen historischen Wendepunkt und setzte fundamentale Weichen für die Zukunft der bilateralen Beziehungen. Seine strategische Bedeutung lässt sich an vier zentralen Dynamiken festmachen, die eine neue Ära der Zusammenarbeit einläuten.
An vorderster Stelle steht die sicherheitspolitische Zeitenwende, die den Übergang von einer reinen Nachbarschaft zu einer existenziellen Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft an der NATO-Ostflanke besiegelt. Dieser Schulterschluss spiegelt sich auch auf europäischer Ebene wider: Ein gemeinsamer Vorstoß zur Einführung von Mehrheitsentscheidungen in der EU-Außenpolitik zeigt eindrucksvoll, dass beide Länder den Aufbruch von EU-Blockaden wagen und die europäische Handlungsfähigkeit künftig gemeinsam anführen wollen.
Gleichzeitig erweist sich diese Allianz als Katalysator für eine tiefergehende regionale Integration. Durch die enge Verzahnung von Politik und Zivilgesellschaft gelingt die Revitalisierung des Weimarer Dreiecks, wodurch das Bündnis mit Frankreich von einer theoretischen diplomatischen Achse zu einem praktischen Motor für Europas Zukunft heranreift. Getragen wird dieses politische Fundament von einer kulturellen Tiefenversöhnung; so räumte die feierliche Rückgabe hochkarätiger NS-Raubkunst, wie dem geschichtsträchtigen Jagiellonen-Ring, langjährige emotionale sowie bürokratische Stolpersteine endgültig aus dem Weg und ebnete den Pfad für eine gemeinsame, harmonische Zukunft.
Abschlussempfang im Roten Rathaus

Der festliche Abschlussempfang im Roten Rathaus bildete den stimmungsvollen Ausklang des Forums, bei dem der Berliner Regierende Bürgermeister Kai Wegner, die polnische Senatorin Halina Bieda und Staatssekretär Géza Andreas von Geyr die Gäste begrüßten. Zum formellen Abschluss zogen die SdpZ-Direktoren Cornelius Ochmann und Sebastian Płóciennik eine positive Bilanz der zehn Nachmittagsworkshops, während Staatssekretär von Geyr in seiner Rede ein zukunftsweisendes Ticket-Programm mit 60.000 Gratis-Bahntickets für den deutsch-polnischen Jugendaustausch hervorhob. Der verbleibende Abend bot den über 700 Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft und Kultur eine ideale Plattform, um die Ergebnisse des Tages zu reflektieren und neue bilaterale Netzwerke zu knüpfen.
