Minister für Verteidigung Boris Pistorius (Foto: C. Grosse)
Die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung (BKHS) ruft mit ihrer seit 2021 etablierten jährlichen Vortragsreihe das Erbe ihres prominenten Namensgebers in Erinnerung. Hierbei wird regelmäßig ein Vordenker unserer Zeit auf die Bühne gebeten, der die drängenden Fragen von heute beleuchtet. Die Reihe bringt Vordenker aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Sie dient als öffentliches Forum, um die zeitlosen, Schmidts Wirken prägenden Leitgedanken aufzugreifen und intensiv über Themen wie Menschenrechte, Demokratieerhalt und Globalisierung zu debattieren.
Als Gastredner für das Jahr 2026 konnte in der renommierten Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), Verteidigungsminister Boris Pistorius gewonnen werden.
Willkommensrede
Vor hochkarätigem Publikum eröffnete Finanzminister a.D. Peer Steinbrück den Abend und begrüßte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius als Hauptredner. Steinbrück mahnte in seiner Begrüßung einen nüchternen Realismus an: Angesichts globaler Umbrüche stehe die Europäische Union vor einer existenziellen Bewährungsprobe. Im Fokus der Debatte stehen die rasant gestiegenen Anforderungen an die Sicherheitspolitik und die drohende Handlungsunfähigkeit der EU auf der internationalen Bühne. Es gelte nun, strategische Schwächen offen zu analysieren und Europa wieder zu einem handlungsfähigen Akteur in einer multipolaren Weltordnung zu machen.
Die Helmut Schmidt Lecture thematisiert die aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen und zieht dabei Parallelen zwischen Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und dessen Amtsvorläufer Helmut Schmidt, insbesondere in Bezug auf die Entschlossenheit in Krisenzeiten und die Notwendigkeit militärischer Stärke. Angesichts globaler Bedrohungen durch Russland, China und die USA sowie der „doppelten Zeitenwende“ wird eine umfassende Sicherheitsstrategie und eine Stärkung der europäischen Handlungsfähigkeit gefordert, die wirtschaftliche und technologische Souveränität einschließt.
Boris Pistorius wird als führungsstarker, pragmatischer und unerschrockener Politiker porträtiert, der Probleme ungeschminkt anspricht und sich Herausforderungen pflichtbewusst stellt. Parallelen zu Helmut Schmidt zeigen sich in ihrem gemeinsamen Amtsverständnis, der Überzeugung von der Notwendigkeit militärischer Stärke zur Friedenssicherung und der Verankerung der Bundeswehr als demokratische Parlamentsarmee.

Das Erbe der Standhaftigkeit
Vor rund 250 geladenen Gästen – darunter der ehemalige Ressortchef Rudolf Scharping als auch der ehemalige DDR Außenminister Markus Meckel – würdigte Pistorius den einstigen Kanzler als persönliches Leitbild. Schmidt bewies in Epochen wie dem Kalten Krieg den Mut zu unpopulären Schritten, wie der Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses. Auch die Modernisierung der Bundeswehr und die Etablierung der Inneren Führung gehen auf sein Konto. Der entscheidende Unterschied zu heute: Damals waren die geopolitischen Fronten unmissverständlich abgesteckt.
Wehrhaftigkeit als neues Credo
Pistorius nutzte die Bühne für ein Plädoyer zur Stärkung der eigenen Resilienz. In einer zunehmend unberechenbaren Welt müssten Freiheit und Demokratie radikaler verteidigt werden als je zuvor. Die Formel des Ministers: Abschreckung funktioniert nur durch reale militärische Kraft. Das jüngst geschaffene finanzielle Fundament der Truppe untermauerte er mit seinem bekannten Leitsatz, dass die aktuelle Bedrohungslage stets Vorrang vor Haushaltsfragen haben müsse. Zitat: „Bedrohungslage geht vor Kassenlage“. Ziel sei es, nachfolgenden Generationen ein Leben in Sicherheit zu garantieren – eine Pflicht, die die gesamte Gesellschaft fordert.
Vom Schutzempfänger zum Sicherheitsgaranten
Als „Kind des Kalten Krieges“ erinnerte sich der Minister an die eigene Jugend in Osnabrück, die durch die Präsenz britischer Soldaten geschützt war. Heute dreht Deutschland diese Dynamik um. Das beste Beispiel ist die dauerhafte Stationierung einer Bundeswehr-Brigade in Litauen – ein Novum in der Geschichte der Republik. Pistorius war am selben Tag noch vor Ort, um die Großübung Freedom Shield 2026 der Panzerbrigade 45 zu besuchen. Die Soldatinnen und Soldaten spiegelten ihm dabei eine enorme Dankbarkeit und tiefes Vertrauen der litauischen Bevölkerung.
Achse Paris-Berlin: Kooperation trotz Turbulenzen
Anknüpfend an Schmidts legendäre Partnerschaft mit dem damaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing, betonte Pistorius die Relevanz des deutsch-französischen Verhältnisses. Jüngste Reibungen beim Rüstungsprojekt FCAS bedeuteten keineswegs das Ende der Zusammenarbeit oder gar eine Krise der Freundschaft. Beide Nationen sondieren bereits neue Gemeinschaftsprojekte, die vermutlich beim deutsch-französischen Ministerrat im kommenden Juli konkretisiert werden.

Fazit:
Angesichts einer sich dramatisch verändernden Weltordnung fordert Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius ein radikales Umdenken: Getreu dem Credo „Bedrohungslage geht vor Kassenlage“ müsse Europa massiv in seine militärische Abschreckung und die Verteidigung der Demokratie investieren, was erhebliche finanzielle Anstrengungen, weit über das bisherige Sondervermögen, hinaus erfordert. Um hybriden Bedrohungen und dem schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt wirksam zu begegnen, setzt Pistorius auf globale Allianzen und eine wehrhafte Infrastruktur im Geiste Helmut Schmidts.
Den Abschluss des Abends bildete eine Podiumsdiskussion unter der Moderation von Melanie Amann (Funke Zentralredaktion). An der Runde nahm auch die Politologin Dr. Thu Nguyen vom Jacques Delors Centre in Berlin teil.
