Eröffnungsrede Regierender Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner (Foto: C. Grosse)
Es war das gewohnt hochkarätige Klassentreffen der Berliner Wirtschaft: Rund 2.000 geladene Gäste aus Unternehmen, Politik, Kultur, Verwaltung und Zivilgesellschaft strömten in das Ludwig Erhard Haus und die eigens gesperrte Fasanenstraße. Das traditionelle Sommerfest der IHK Berlin bewies – trotz des zwischenzeitlichen Regens – auch in diesem Jahr: Es ist weit mehr als ein Networking-Event bei kühlen Getränken und Streetfood. Hier werden die drängendsten Fragen der Stadt ohne Filter verhandelt.
Die Stimmung auf der Festmeile spiegelte die aktuelle Realität der Berliner Betriebe wider: Auf der einen Seite steht der unbedingte Wille zur Innovation, auf der anderen Seite wächst der Frust über regulatorische Hürden und standortgefährdende Debatten.
Die Diagnose von Manja Schreiner: Zwischen „Langzeiterkrankung“ und Innovationskraft
Besonders aufmerksam wurden die Ausführungen von IHK – Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner verfolgt. Sie gilt als Brückenbauerin, die sowohl die administrative Sprache des Senats als auch die Nöte der Unternehmer versteht. In ihrem Beitrag zeichnete sie ein differenziertes Bild, das von drastischer Kritik, aber auch von unerschütterlichem Optimismus geprägt war.
Schreiner fand deutliche Worte für den Zustand des Wirtschaftsstandorts. Mit einem prägnanten Bild aus der Medizin warnte sie unmissverständlich: „Berlin ist langzeiterkrankt“ und verwies auf die konjunkturellen Sorgen der Unternehmer in der Stadt. Besonders der Bau, der Handel und das Gastgewerbe ächzen unter massiven Belastungen. Die Stimmung vieler Unternehmer befinde sich an einem kritischen Tiefpunkt.
Scharf kritisierte sie politische Vorhaben wie die geplante Ausbildungsplatzabgabe. Diese sei eine reine „Strafabgabe“, die der dualen Ausbildung nicht helfe, sondern ihr aktiv schade. Unternehmen bräuchten Erleichterungen statt neuer bürokratischer Fesseln.

Der optimistische Gegenpol: Weltmetropole und Zukunftsmut
Trotz der harten Mängelrüge ließ Schreiner keinen Zweifel daran, welches enorme Potenzial in der Stadt steckt, wenn man sie nur lässt. Ihr optimistisches Credo lautete: „Berlin ist Weltmetropole und Innovationsstandort“. Der Dienstleistungssektor erweist sich als starker Lichtblick. Unternehmen im Raum Berlin reagieren bereits proaktiv und mit enormer Agilität auf Megatrends wie Künstliche Intelligenz (KI) und den Wandel der Arbeitswelt.
Anstatt zu resignieren, verwies Schreiner auf die konkreten Lösungsansätze der IHK, wie etwa ein neues 10-Punkte-Papier zur Fachkräftesicherung. Berlin habe alle Trümpfe in der Hand – von der internationalen Talentgewinnung bis hin zu innovativen Konzepten für Beschäftigtenwohnen –, um die Krise als Sprungbrett zu nutzen.

Stietzel und Wegner: Schlagabtausch um die „Luft zum Atmen“
Ergänzt wurden diese Impulse durch den offiziellen Auftritt von IHK-Präsident Sebastian Stietzel. Er richtete eine flammende und zugleich mahnende Botschaft an die Politik und die geladenen Gäste. Abseits des Netzwerkens prägten vor allem seine deutlichen Worte zur aktuellen Wirtschaftspolitik den Abend. In seiner Begrüßungsrede zog Stietzel einen dynamischen Vergleich zur aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft, um die Rollenverteilung zwischen Staat und Unternehmen zu verdeutlichen.
Er erklärte, dass die Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer wie Spitzenfußballer auf dem Platz stünden, die Tore schießen, Arbeitsplätze sichern und den Laden am Laufen halten wollen. Die Politik hingegen dürfe sich nicht als übertrieben strenger Schiedsrichter inszenieren, der das Spiel durch permanente bürokratische Pfiffe und ständig neue, komplizierte Regeln blockiert. Vielmehr müsse der Senat als verlässlicher Platzwart agieren, der für einen optimalen, bespielbaren Rasen und stabile Rahmenbedingungen sorgt. Auf diesem metaphorischen Spielfeld forderte Stietzel vehement mehr politische „Luft zum Atmen“ für die Betriebe.
Stietzel kritisierte vor allem das novellierte Vergabegesetz, die Ausbildungsplatzabgabe sowie die anhaltenden Diskussionen um die Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen. Diese beschädigten das Vertrauen in die Rechtssicherheit und gehörten endgültig in die „Mottenkiste der Geschichte“. Solche staatlich erzwungenen Eigentümerwechsel und Enteignungsdebatten seien ein massives Foulspiel an der Rechtssicherheit, Gift für internationale Investoren und schadeten dem Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt.
Dennoch lobte er das faire Zusammenspiel bei der Berliner Verwaltungsreform, bei der die Politik ein echtes Versprechen eingelöst und im engen Dialog mit der Wirtschaft greifbare Fortschritte erzielt habe.

Gemeinsames Zusammenspiel: Wegners Steilpass für Berlins Unternehmer
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner nahm den Ball auf, nutzte sein traditionelles Grußwort für ein klares Bekenntnis zur lokalen Wirtschaft und betonte wie viel Politik und Wirtschaft eint. Vor den Gästen schlug er bewusst versöhnliche und partnerschaftliche Töne an, um den Sorgen der Unternehmer zu begegnen.
Wegner hob hervor, dass Berlin, trotz der unbestreitbar großen Herausforderungen, über einzigartige strukturelle Bedingungen verfüge. Seine zentrale Botschaft lautete, dass die Hauptstadt vor allem riesige Chancen besitze, die Politik und Wirtschaft nun gemeinsam und mutig ergreifen müssten.
Besonders im Bereich der technologischen und gesellschaftlichen Transformation sieht der Bürgermeister die Berliner Unternehmen stark aufgestellt. Er betonte, dass der Senat die Rahmenbedingungen so mitgestalten wolle, dass die in der Stadt entstehenden Innovationen nicht nur theoretisch entwickelt, sondern auch partnerschaftlich genutzt werden, um konkret Gutes für Berlin und seine Wirtschaft zu erreichen. Wegner ging zudem auf die bereits eingeleiteten Reformen des Senats ein und versicherte den Wirtschaftsvertretern, den eingeschlagenen Weg des engen Austauschs fortzusetzen, um Berlin Schritt für Schritt zu einem moderneren, krisenfesteren und investitionsfreundlicheren Standort weiterzuentwickeln.

Fazit des Abends
Das diesjährige Sommerfest zeigte eine Berliner Wirtschaft, die sich trotz rauer politischer und konjunktureller Winde nicht entmutigen lässt. Die Kernbotschaft, die von Manja Schreiner und der gesamten IHK Berlin ausging, war unmissverständlich: Die Diagnose für die Stadt mag stellenweise schmerzhaft sein, doch mit den richtigen, pragmatischen Weichenstellungen besitzt Berlin genügend Innovationskraft, um sich erfolgreich gesundzuschrumpfen und weiterzuwachsen.

Netzwerken bei Selleriedöner und Cocktails: Ein Abend im Zeichen der Zukunft
Abgerundet wurde der Abend durch Themenstände zur Olympia-Bewerbung und zur Weltausstellung Expo 2035. Das Event bot eine starke politische Plattform: Während intensiv für die Olympischen Spiele in Berlin geworben wurde, machte sich die Kammer parallel für die Expo stark – finanzielle Mittel für eine Bewerbungsgesellschaft sind bereits freigegeben. An den Ständen konnten die Gäste die Konzepte hautnah erleben und darüber diskutieren, wie diese Mega-Events als Innovationsmotor für die Stadt dienen können. Für das leibliche Wohl sorgte eine bunte Festmeile mit rund 12 Foodtrucks, die modernes Streetfood von Burgern über frische Pasta bis hin zu kreativem Selleriedöner anboten. Zudem luden über das Gelände verteilte Bars mit sommerlichen Cocktails, Wein und Bier dazu ein, in den offenen Lounges entspannt zu Netzwerken.
