Prosieben sat1 schaltet den Teletext ab (KI-Bild)
Von der Medienrevolution zum digitalen Relikt: Warum der Videotext verschwindet und weshalb sein Ende mehr ist als nur das Abschalten einiger Textseiten.
Wenn Anfang 2027 bei den Sendern von ProSiebenSat.1 die letzten Videotext-Seiten vom Bildschirm verschwinden, endet ein Kapitel deutscher Mediengeschichte. Was heute wie ein Relikt aus der Vor-Internet-Zeit erscheint, war über Jahrzehnte die schnellste digitale Informationsquelle im Wohnzimmer. Nachrichten, Wetterberichte, Börsenkurse, Sportergebnisse oder das Fernsehprogramm waren auf Knopfdruck abrufbar, lange bevor Smartphones und Suchmaschinen den Alltag eroberten.
Nach Angaben der Sendergruppe werden die Teletext-Angebote von ProSieben, Sat.1, Kabel Eins, sixx, Sat.1 Gold, ProSieben Maxx und Kabel Eins Doku Anfang 2027 eingestellt. Als Begründung verweist das Unternehmen auf die kaum noch vorhandene Nutzung. Das Interesse der Zuschauer gehe inzwischen „gegen Null“, die Informationsfunktion habe längst die Streaming-Plattform Joyn übernommen.
Bereits Anfang 2025 hatte die Sendergruppe ihr Angebot deutlich zurückgefahren. Nachrichten wurden gestrichen, Sportergebnisse auf externe Plattformen ausgelagert. Am Ende blieben vor allem Programminformationen übrig.
Eine britische Idee verändert das Fernsehen
Die Wurzeln des Teletexts reichen in die frühen 1970er Jahre zurück. Ingenieure der britischen BBC entwickelten mit „Ceefax“ ein Verfahren, mit dem freie Kapazitäten des Fernsehsignals genutzt werden konnten, um zusätzliche Informationen zu übertragen. 1974 entstand die erste Teletext-Spezifikation. Aus heutiger Sicht war das System eine Art Vorläufer des Internets auf dem Fernsehgerät.
Die Technik verbreitete sich rasch in Europa. In Deutschland begann die Videotext-Geschichte 1980 mit dem gemeinsamen Angebot von ARD und ZDF. Millionen Zuschauer erhielten erstmals die Möglichkeit, aktuelle Informationen unabhängig von festen Nachrichtensendungen abzurufen.
Ein Berliner Journalist wird zum Videotext-Pionier
Eng verbunden mit dieser Entwicklung ist der Berliner Journalist Alexander Kulpok. Der spätere Leiter der gemeinsamen ARD/ZDF-Videotext-Redaktion hatte sich zuvor bei der BBC in London mit dem neuen Medium beschäftigt und dessen Potenzial erkannt. Anschließend übernahmen ARD und ZDF seine Erfahrungen für den Aufbau des deutschen Angebots.
Kulpok gehörte über Jahrzehnte zu den bekanntesten Mediengesichtern Berlins. Beim damaligen Sender Freies Berlin moderierte er unter anderem die „Abendschau“, eines der prägenden Regionalmagazine der Stadt. Später führte er die Berliner Videotext-Redaktion und engagierte sich im Berufsverband der Journalistinnen und Journalisten. Anfang der 2000er Jahre stand er an der Spitze des Berliner Landesverbandes des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV).
Auch im Ruhestand blieb Kulpok der Berliner Medien- und Kulturszene verbunden. Regelmäßig organisiert er Gesprächsveranstaltungen und Zeitzeugenrunden mit Gästen aus Medien, Politik und Gesellschaft. Darüber hinaus veröffentlichte er mehrere Bücher, darunter Werke zur Geschichte des Sender Freies Berlin und zur Entwicklung der Medienlandschaft in der Hauptstadt.
Sat.1 schrieb Privatfernseh-Geschichte
Auch die privaten Fernsehsender erkannten früh die Bedeutung des Videotexts. Sat.1 startete seinen eigenen Teletext bereits 1988 und gehörte damit zu den Pionieren des deutschen Privatfernsehens. ProSieben folgte 1994. Über viele Jahre zählten die Textangebote zu den meistgenutzten Informationsdiensten im deutschen Fernsehen.
In Zeiten vor Smartphones waren Lottozahlen, Fußballergebnisse, Wetterdaten oder Einschaltquoten oft schneller verfügbar als über Zeitungen oder frühe Internetangebote. Der Videotext war für Millionen Menschen täglicher Begleiter.
Warum der Videotext heute überflüssig erscheint
Die Ursachen für das Ende sind offensichtlich. Was einst revolutionär war, wird heute von deutlich leistungsfähigeren Angeboten ersetzt.
Moderne Fernseher verfügen über elektronische Programmführer. Nachrichten, Börseninformationen und Wetterdaten sind jederzeit online verfügbar. Streamingdienste, Apps und Mediatheken liefern Inhalte in Echtzeit und in wesentlich umfangreicherer Form als die auf 40 Zeichen pro Zeile begrenzten Videotext-Seiten.
Für die Sender bedeutet dies, dass der Aufwand für Pflege und Betrieb der Angebote kaum noch durch die Nutzung gerechtfertigt werden kann.
Was sich für Zuschauer ändert
Für die Mehrheit der Fernsehzuschauer dürfte die Abschaltung kaum Auswirkungen haben. Eine Ausnahme bilden Nutzerinnen und Nutzer, die Untertitel bislang über den Videotext aktiviert haben.
Diese Funktion bleibt zwar erhalten, muss künftig aber direkt über die Menüs des Fernsehers oder Receivers eingeschaltet werden. Die Untertitel selbst verschwinden nicht, lediglich der bisherige technische Weg über den Videotext entfällt.
Andere Sender halten vorerst daran fest
Das Ende bei ProSiebenSat.1 bedeutet nicht automatisch das Aus des Videotexts in Deutschland. Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender investieren weiterhin in ihre Angebote.
Der ARD Text bietet nach wie vor aktuelle Nachrichten, Sport, Wirtschafts- und Kulturinformationen. Auch das ZDF betreibt seinen Dienst weiter, hat allerdings einzelne Bereiche wie Sportnachrichten und Börsenkurse bereits reduziert. Mehrere dritte Programme übernehmen inzwischen Inhalte des ARD-Textes anstelle eigener Angebote.
Der Trend ist dennoch eindeutig: Die Bedeutung des Videotexts nimmt seit Jahren ab.
Autorenkasten
Zwischen Schreibmaschine und Videotext
Der Verfasser dieses Beitrags gehörte ab 2004 als Beisitzer dem Vorstand des Berliner Landesverbandes des Deutschen Journalisten-Verbandes unter dem damaligen Vorsitzenden Alexander Kulpok an.
Aus dieser Zeit ist eine Anekdote in Erinnerung geblieben, die den Wandel der Medienwelt kaum besser illustrieren könnte.
Während Kulpok als einer der Pioniere des deutschen Videotexts gilt, soll er eingehende E-Mails noch Anfang der 2000er Jahre auf bemerkenswert analoge Weise beantwortet haben. Die Nachrichten wurden ausgedruckt, in eine elektrische Schreibmaschine eingespannt und dort beantwortet. Anschließend gingen die Antworten auf klassischem Postweg zurück an die Absender.
Ob Medienanekdote oder gelebte Arbeitsroutine: Die Geschichte steht sinnbildlich für eine Journalistengeneration, die die gesamte Entwicklung von Schreibmaschine, Fernschreiber und Videotext bis zum Internetzeitalter miterlebt und mitgestaltet hat.
Und vielleicht beschreibt genau das den Videotext am besten: Er war nie nur Technik. Er war die Brücke zwischen der analogen und der digitalen Medienwelt.
Infokasten: Meilensteine des Videotexts
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1974 | Erste Teletext-Spezifikation bei der BBC |
| Ende 1970er | Aufbau der deutschen Videotext-Redaktion |
| 1980 | Start des ARD/ZDF-Videotexts |
| 1988 | Sat.1 startet eigenen Teletext |
| 1994 | ProSieben führt Teletext ein |
| 2025 | ProSiebenSat.1 reduziert das Angebot deutlich |
| Anfang 2027 | Abschaltung bei ProSiebenSat.1 |
Quellen: heise online, WinFuture, Techbook, TV Wunschliste, ARD Text sowie biografische Informationen zu Alexander Kulpok. Der Artikel wurde in Bild und Text von KI unterstützt.
