65 Jahre Anwerbeabkommen Deutschland-Türkei 1961 bis heute (KI-Bild)
Von der Anwerbung zur Einwanderungsgeschichte. Eine Bilanz von Wirtschaftswunder, Integration und deutscher Realität.
Als die Bundesrepublik Deutschland am 30. Oktober 1961 das Anwerbeabkommen mit der Türkei unterzeichnete, ahnte kaum jemand, welche Folgen diese nüchterne Verwaltungsvereinbarung für die Zukunft des Landes haben würde. Was als Antwort auf einen akuten Arbeitskräftemangel gedacht war, wurde zu einer der prägendsten gesellschaftlichen Entwicklungen der Nachkriegsgeschichte. Aus sogenannten Gastarbeitern wurden Nachbarn, Unternehmer, Fachkräfte, Künstler, Politiker, Wissenschaftler und Familien. Aus einem zeitlich begrenzten Arbeitseinsatz wurde Heimat.
Heute, 65 Jahre später, ist die Geschichte der türkeistämmigen Bevölkerung untrennbar mit der Geschichte Deutschlands verbunden. Besonders in Berlin, dessen Wirtschaft und Gesellschaft von Migration geprägt wurden, wäre die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte ohne die Leistungen türkischer Einwanderer kaum vorstellbar.
Die Suche nach Arbeitskräften im Wirtschaftswunderland
Ende der 1950er Jahre befand sich Westdeutschland auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders. Fabriken produzierten auf Hochtouren, Wohnraum wurde gebaut, die Stahl- und Kohleindustrie expandierte. Doch die Erfolgsgeschichte hatte einen Haken: Es fehlten Arbeitskräfte. Im Jahr 1960 standen knapp 488.000 offene Stellen lediglich rund 153.000 Arbeitslosen gegenüber. Die Vollbeschäftigung war nahezu erreicht.
Bereits zuvor hatte die Bundesrepublik Anwerbeabkommen mit Italien, Spanien und Griechenland geschlossen. Dennoch blieb der Bedarf hoch. Gleichzeitig verlor Westdeutschland mit dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 eine wichtige Quelle an Arbeitskräften aus Ostdeutschland. Die Bundesregierung suchte deshalb weitere Partnerstaaten. Die Türkei bot sich an.
Am 30. Oktober 1961 wurde die „Regelung der Vermittlung türkischer Arbeitnehmer nach der Bundesrepublik Deutschland“ unterzeichnet. Die ersten Arbeiter trafen wenige Wochen später in Deutschland ein.
Eine Beziehung mit langer Vorgeschichte
Das deutsch-türkische Verhältnis begann jedoch nicht 1961. Bereits im Deutschen Kaiserreich bestanden enge Beziehungen zum Osmanischen Reich. Deutsche Ingenieure, Offiziere und Unternehmer waren am Ausbau osmanischer Infrastruktur beteiligt. Symbolisch steht dafür bis heute die Bagdadbahn, eines der größten internationalen Infrastrukturprojekte seiner Zeit.
Im Ersten Weltkrieg standen das Deutsche Reich und das Osmanische Reich als Verbündete auf derselben Seite. Nach Gründung der Republik Türkei durch Mustafa Kemal Atatürk wurden die Beziehungen fortgeführt. Deutschland entwickelte sich zu einem wichtigen Handelspartner, während die Türkei als NATO-Mitglied eine zentrale strategische Rolle an der Südostflanke des westlichen Bündnisses spielte. Diese politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen bildeten einen wichtigen Hintergrund für das Anwerbeabkommen.
Das Prinzip der Rückkehr funktionierte nicht
Ursprünglich war nicht vorgesehen, dass die angeworbenen Arbeitskräfte dauerhaft bleiben sollten. Das sogenannte Rotationsprinzip sah Aufenthalte von maximal zwei Jahren vor. Danach sollten die Beschäftigten zurückkehren und durch neue Arbeitskräfte ersetzt werden.
Die Realität sah anders aus.
Unternehmen investierten Zeit und Geld in die Einarbeitung ihrer Beschäftigten. Ständige Wechsel erwiesen sich als kostspielig. Deshalb wurde die Begrenzung bereits 1964 aufgehoben. Gleichzeitig entstanden erste Möglichkeiten für den Familiennachzug. Viele Männer, die zunächst allein gekommen waren, holten ihre Ehefrauen und Kinder nach Deutschland.
Aus einer Arbeitsmigration wurde eine Einwanderungsgeschichte.

Die Zahlen hinter einer historischen Bewegung
Bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen rund 867.000 türkische Arbeitsmigranten in die Bundesrepublik Deutschland. Etwa 500.000 kehrten wieder in die Türkei zurück, während Hunderttausende blieben und den Grundstein für die heutige Community legten.
Nach aktuellen Schätzungen leben heute rund 3,1 Millionen Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte in Deutschland. Etwa 1,7 Millionen besitzen inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit.
Damit stellen Menschen mit türkischen Wurzeln eine der größten Einwanderungsgruppen des Landes dar. Ihre Geschichte ist längst Teil der deutschen Geschichte geworden.
Berlin und die türkische Erfolgsgeschichte
Kaum eine Stadt steht so sehr für diese Entwicklung wie Berlin.
West-Berlin war in den 1960er und 1970er Jahren ein Sonderfall. Die eingeschlossene Frontstadt benötigte Arbeitskräfte für Industrie, Handwerk, Dienstleistungen und den öffentlichen Sektor. Tausende türkische Arbeitnehmer fanden hier Beschäftigung und bauten sich eine neue Existenz auf.
Aus Arbeiterwohnheimen wurden Familienwohnungen. Aus kleinen Lebensmittelgeschäften entstanden Handelsunternehmen. Aus Werkstätten wurden mittelständische Betriebe.
Heute prägen türkischstämmige Unternehmerinnen und Unternehmer zahlreiche Branchen Berlins. Vom Einzelhandel über Gastronomie, Logistik und Handwerk bis zu Technologie, Medien und Beratungsdienstleistungen ist ihr Beitrag ein bedeutender Wirtschaftsfaktor der Hauptstadt.
Stadtteile wie Kreuzberg, Neukölln oder Wedding gelten längst nicht mehr nur als klassische Einwanderungsviertel. Sie sind Zentren kultureller Vielfalt, wirtschaftlicher Dynamik und urbaner Innovation.
Wirtschaftskraft der zweiten, dritten und vierten Generation
Die Geschichte der türkischen Migration endete nicht in den Werkshallen der 1960er Jahre.
Während die erste Generation maßgeblich am wirtschaftlichen Aufbau beteiligt war, prägen heute deren Kinder und Enkel die Wissensgesellschaft. Sie arbeiten als Ärztinnen und Ärzte, Ingenieurinnen und Ingenieure, Juristen, Wissenschaftlerinnen, Handwerksmeister, Start-up-Gründer und Führungskräfte.
Viele Familien haben einen bemerkenswerten sozialen Aufstieg erlebt. Bildung wurde zur Brücke zwischen Herkunft und Zukunft. Die Frage lautet heute für die meisten Nachkommen der Gastarbeiter nicht mehr, ob sie dazugehören, sondern wie sie ihre vielfältigen kulturellen Wurzeln mit einer selbstverständlichen deutschen Identität verbinden.

Bleiben oder Gehen?
Die berühmte Frage der ersten Generation lautete jahrzehntelang: „Bleiben wir oder gehen wir zurück?“
Viele behielten zunächst ihre Häuser und Grundstücke in Anatolien. Manche verbrachten Jahrzehnte zwischen zwei Welten. Die Hoffnung auf die Rückkehr blieb oft lebendig.
Doch die Kinder gingen in Deutschland zur Schule. Die Enkel wurden hier geboren. Freundschaften, Unternehmen, Karrieren und Familien entstanden in Deutschland.
Die Antwort entwickelte sich daher langsam, aber eindeutig:
Deutschland wurde Heimat.
Das bedeutet nicht, dass die Verbindung zur Türkei verschwand. Im Gegenteil. Viele Familien leben bis heute transnational zwischen Berlin, Köln oder Hamburg auf der einen Seite und Istanbul, Izmir oder Ankara auf der anderen. Doch Heimat kann inzwischen beides sein: Erinnerung und Gegenwart.
Integration als gemeinsame Leistung
Die Geschichte der türkischen Migration ist weder ausschließlich eine Erfolgsgeschichte noch eine Geschichte des Scheiterns. Sie ist vor allem eine Geschichte von Anpassung, Leistung, Konflikten und Fortschritt.
Millionen Menschen mussten eine neue Sprache lernen, kulturelle Unterschiede bewältigen und gesellschaftliche Hürden überwinden. Gleichzeitig musste auch Deutschland lernen, sich als Einwanderungsland zu verstehen.
Der Schriftsteller Max Frisch brachte die Entwicklung bereits in den 1960er Jahren auf den Punkt:
„Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen.“
Dieser Satz beschreibt bis heute die eigentliche Lehre des Anwerbeabkommens. Hinter jeder statistischen Größe standen Menschen mit Hoffnungen, Familien, Talenten und Zukunftsplänen.
Daten, Vielfalt und moderne Erfolgsgeschichten
Dass die türkischstämmige Community heute nicht mehr nur als Einwanderergeschichte, sondern als Teil einer modernen deutschen Erfolgsgeschichte wahrgenommen wird, zeigt sich auch in der Berliner Unternehmenslandschaft. Unternehmen wie die Berliner Marktforschungsagentur Data 4U stehen exemplarisch für eine Generation von Unternehmerinnen und Unternehmern, die kulturelle Vielfalt, wirtschaftliche Kompetenz und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden. Die Arbeit von Inhaberin Umut Karakaş untersucht und verdeutlicht dabei, wie sehr migrantisch geprägte Biografien inzwischen zum selbstverständlichen Bestandteil des Wirtschaftsstandorts Berlin und Deutschlands geworden sind.
Fazit
Vor 65 Jahren suchte Deutschland Arbeitskräfte. Gefunden hat das Land weit mehr.
Die Männer und Frauen, die ab 1961 aus der Türkei in die Bundesrepublik kamen, halfen beim Aufbau von Fabriken, Verkehrsnetzen und Unternehmen. Ihre Kinder und Enkel gestalten heute Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Politik.
Das Anwerbeabkommen war ursprünglich ein arbeitsmarktpolitisches Instrument. Rückblickend markiert es jedoch einen Wendepunkt der deutschen Gesellschaftsgeschichte. Aus Gastarbeitern wurden Bürger. Aus Fremde wurde Heimat.
Und so erzählt die Geschichte des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens letztlich auch die Geschichte eines modernen Deutschlands: vielfältig, wirtschaftlich stark und geprägt von Menschen, die einst kamen, um zu arbeiten, und blieben, um mitzubauen.
Der Artikel wurde in Text und Bild mit Hilfe von einer KI erstellt
