Stand von Uzbekistan Railways auf der InnoTrans 2026 (Foto: B. Aslanov, Botschaft der Republik Usbekistan)
Mit einer Rekordfracht im Rücken und Milliardeninvestitionen in transnationale Schienenkorridore drängt Usbekistan auf den europäischen Markt. Auf der InnoTrans 2026 in Berlin feierte das Land seine Messepremiere als eigenständiger Aussteller. Dahinter steht eine staatlich verordnete Digitalisierungs- und Expansionswelle, die den zentralasiatischen Binnenstaat bis zum Jahr 2030 zu einer unumgänglichen Drehscheibe im eurasischen Transitverkehr transformieren soll.
Die usbekische Eisenbahnindustrie hat sich, erstmals mit eigenen Ständen, auf der internationalen Verkehrstechnologiemesse InnoTrans in Berlin präsentiert. Während die staatliche Aktiengesellschaft „Uzbekistan Railways“ (O‘zbekiston Temir Yo‘llari) die Leitmesse in den Vorjahren lediglich für Delegationsgespräche nutzte, trat das Land dieses Jahr als aktiver Aussteller auf. Ziel des Messeauftritts im dicht besetzten Feld von 3.170 Ausstellern aus 59 Ländern war es, im Inland produzierte Güterwagen auf dem internationalen Markt zu positionieren, Logistikkooperationen auszuweiten und westeuropäische Technologiepartnerschaften zu knüpfen.
Rekordtonnage und internationale Transportkorridore
Die Präsenz in Berlin unterstreicht die wachsende Bedeutung des zentralasiatischen Binnenstaates als kontinentaler Logistikknotenpunkt zwischen Europa und China. Die strategische Neuausrichtung des Sektors spiegelt sich in harten Kennzahlen wider: Uzbekistan Railways transportierte im vergangenen Jahr eine Rekordmenge von 106,4 Millionen Tonnen Fracht. Für das laufende Jahr wird eine weitere Steigerung des Gütervolumens im Binnen- und Transitverkehr um über 20 Prozent prognostiziert. Um diese Ströme zu bewältigen, setzt das Land auf eine Doppelstrategie aus nationaler Modernisierung und neuen transnationalen Korridoren im Schienenverkehr.
Transnationale Schienenprojekte verkürzen Transportzeiten nach Europa
Das trinationale Infrastrukturprojekt der Schienenstrecke China–Kirgisistan–Usbekistan (CKU) befindet sich nach dem offiziellen Baustart in der aktiven Umsetzung. Das Gesamtvolumen dieser Schienentrasse wird auf rund 4,7 Milliarden US-Dollar beziffert, wovon die Volksrepublik China etwa die Hälfte über langfristige Kredite bereitstellt. Die technisch hochkomplexe, 523 Kilometer lange Strecke umgeht russisches Staatsgebiet vollständig und verkürzt die reine Transportzeit von China nach Europa um schätzungsweise sieben bis zehn Tage. Die finale Fertigstellung ist für den Zeitraum zwischen 2029 und 2030 geplant.
Parallel dazu treibt Usbekistan den strategischen Ausbau des sogenannten Mittleren Korridors massiv voran. Die Republik leitet den Güterverkehr gezielt über Turkmenistan und das Kaspische Meer in Richtung Aserbaidschan, Georgien und die Türkei, um einen direkten, vom Norden unabhängigen Schienenweg nach Europa zu etablieren. Bis April hat die Regierung zudem den offiziellen Auftrag erteilt, regelmäßige Frachtverbindungen über diese Route gezielt nach Ost- und Zentraleuropa auszuweiten, wobei insbesondere Logistiklinien nach Polen und Litauen im Fokus stehen.
| Schienennetz Usbekistan | |
| Aktuelles Frachtaufkommen (Jahr): | 106,4 Millionen Tonnen |
| Elektrifizierungsgrad (2026): | Über 51 % (Ziel bis 2030: 65 %) |
| Investitionsvolumen CKU-Bahn: | 4,7 Milliarden US-Dollar |
| Transportzeit-Ersparnis nach Europa: | 7 bis 10 Tage via CKU-Korridor |
| Flottenzuwachs (Südkorea-Import): | 8 neue HGV-Züge (Hyundai Rotem) |
Südkoreanische Züge für den anspruchsvollen Passagierverkehr
Ein zentraler Pfeiler der nationalen Eisenbahnstrategie bleibt der konsequente Ausbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs, der mittlerweile mehr als zehn Städte des Landes miteinander verbindet. Jüngster Meilenstein der Netzerweiterung ist die Inbetriebnahme einer Schnellfahrstrecke zwischen der Hauptstadt Taschkent und der ostusbekischen Metropole Andijon im Ferganatal, welche die Reisezeit auf rund vier Stunden verkürzt. Zudem wurde unlängst die Elektrifizierung der strategisch wichtigen Tourismusstrecke Buchara–Urganch–Chiva vollständig abgeschlossen, wodurch der Elektrifizierungsgrad des Gesamtnetzes auf über 51 Prozent stieg.
Um den stark steigenden Passagierzahlen gerecht zu werden, investiert Uzbekistan Railways massiv in den Rollmaterial-Fuhrpark. Das Land hat im Rahmen eines historischen Abkommens die ersten Hochgeschwindigkeitszüge aus Südkorea (Typ Hyundai Rotem EMU-250) importiert und im Sommer erfolgreich auf der 1.200 Kilometer langen Strecke nach Chiva in Betrieb genommen. Dies stellt den ersten erfolgreichen Exportauftrag Südkoreas für Hochgeschwindigkeitszüge überhaupt dar. Bei den jüngsten Verhandlungen in Seoul wurde nun eine Absichtserklärung über den Kauf von acht weiteren dieser modernen Züge vereinbart. Diese Tranche verfügt über modifizierte, leistungsstarke Antriebseinheiten, die speziell für die Durchquerung der topografisch anspruchsvollen usbekischen Gebirgspässe (wie den Kamchik-Pass) ausgelegt sind.

Internationale Kooperationen und Privatisierungsschritte
Am Rande der Messe, unter anderem im Rahmen des von der Europäischen Kommission organisierten Dialogpanels „Global Gateway“, vereinbarte die usbekische Delegation, unter der Leitung des Ersten stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Aktiengesellschaft „Uzbekistan Railways“, Hikmatulla Rakhmetov, engere Kooperationen mit internationalen Partnern. Bei einem Treffen mit der Führung der türkischen Staatsbahn-Tochter TCDD Taşımacılık, stand die Optimierung des Güterverkehrs auf der Route Türkei–Aserbaidschan–Georgien–Usbekistan im Mittelpunkt. Zudem wurden strategische Kontakte zur polnischen Eisenbahn PKP sowie zu Vertretern von EU-Institutionen geknüpft. Flankiert werden diese Bemühungen von der usbekischen Botschaft in Berlin, die deutsche und usbekische Unternehmen bei gemeinsamen Projekten unterstützen will. Parallel dazu verhandelt das Staatsunternehmen derzeit über die direkte Beteiligung an Infrastrukturprojekten in Serbien.
Neben dem Staatskonzern stellte auch das private usbekische Automatisierungs- und Signaltechnik-Unternehmen Mikroelektronika Plyus GmbH in Berlin aus. Das Unternehmen präsentierte Dienstleistungen in den Bereichen Entwicklung und Herstellung moderner elektronischer Geräte für den Schienenverkehr, Steuerungssysteme und Software. Dieser Auftritt signalisiert den Erfolg der eingeleiteten usbekischen Bahnreform, die den Sektor durch die Umwandlung von Uzbekistan Railways in eine Holdinggesellschaft mit sechs eigenständigen Teilbereichen zunehmend für privates Kapital und Public-Private-Partnerships (PPP) öffnet.

Ausblick: Die nationale Agenda „Usbekistan-2030“
Der Messeauftritt in Berlin fügt sich nahtlos in ein übergeordnetes staatliches Großprojekt: Im Rahmen der nationalen „Strategie Usbekistan-2030“ hat Präsident Shavkat Mirziyoyev eine weitreichende Reformagenda für den Verkehrssektor dekretiert. Usbekistan pflegt Pläne, bis 2030 rund 9,1 Milliarden US-Dollar an Investitionen gezielt in die Transport- und Logistikinfrastruktur zu lenken. Das erklärte Ziel des Präsidenten ist es, das Volumen der gesamten Transportdienstleistungen im Land, bis zum Ende des Jahrzehnts zu verdoppeln, und den Export von Logistikleistungen auf 5,7 Milliarden US-Dollar pro Jahr zu steigern.
Das transafghanische Großprojekt zum Arabischen Meer
Ergänzend zu den Ost-West-Achsen forciert die Regierung in Taschkent den Ausbau einer strategischen Nord-Süd-Verbindung. Unter dem Projektnamen Trans-Afghanische Eisenbahn treibt Usbekistan, gemeinsam mit Afghanistan und Pakistan, die Planung einer rund 600 Kilometer langen Schienentrasse voran. Das mit bis zu sieben Milliarden US-Dollar veranschlagte Großprojekt soll von der usbekischen Grenzstadt Termez über Kabul bis zum pakistanischen Schienennetz verlaufen.
Ziel dieses korridorübergreifenden Vorhabens ist es, zentralasiatischen Exporten den direkten Zugang zu den pakistanischen Tiefseehäfen Karachi und Gwadar am Arabischen Meer zu eröffnen, wodurch sich Transportkosten um schätzungsweise 45 Prozent reduzieren lassen. Nach der Ratifizierung des Rahmens für die Machbarkeitsstudie durch Präsident Mirziyoyev Anfang 2026 gilt das Projekt als dritter zentraler Pfeiler, um Usbekistans geografische Isolation im globalen Frachtverkehr endgültig zu durchbrechen.

Etablierung maritimer Brückenköpfe an drei Meeren
Um die inhärenten geografischen Nachteile eines doppelten Binnenstaates (Double Landlocked Country) strategisch zu kompensieren, sieht die präsidentielle Agenda eine offensive Expansion an wichtigen internationalen Seehäfen vor. Usbekistan baut zu diesem Zweck derzeit eigene Logistikzentren und eigenständige Terminals in den georgischen Schwarzmeerhäfen Poti und Anaklia auf. Parallel dazu entstehen neue logistische Stützpunkte in den strategisch wichtigen Kaspischen Häfen Aktau in Kasachstan sowie Turkmenbashi in Turkmenistan, um die Anbindung an den Mittleren Korridor langfristig abzusichern.
Verdopplung des nationalen Fahrgastsaufkommens
Im Inland soll parallel dazu die Attraktivität des Schienenpersonenverkehrs massiv gesteigert werden. Die Regierung plant, die Zahl der jährlichen Passagiere auf den Hochgeschwindigkeitsstrecken von aktuell 1,3 Millionen auf rund 3,25 Millionen Fahrgäste mehr als zu verdoppeln. Als technologisches Fundament für dieses Wachstum dient die großflächige Netzelektrifizierung, deren Zielwert für das Jahr 2030 auf 65 Prozent des Gesamtnetzes festgesetzt wurde.

Digitale Offensive gegen die Schattenwirtschaft
Ein weiterer wesentlicher Fokus der präsidentiellen Vorgaben liegt auf der umfassenden technologischen Modernisierung des Schienengüterverkehrs. Durch die vollständige Digitalisierung des Sektors, mittels KI-integrierter Systeme und lückenlosem Echtzeit-Tracking, sollen die Frachtlaufzeiten im gesamten Netz halbiert werden. Diese Transparenzoffensive im Transportwesen dient laut Regierungsangaben auch direkt dazu, die bisher hohe informelle Schattenwirtschaft im nationalen Transportsektor, die derzeit noch bei rund 42 Prozent liegt, drastisch einzudämmen.
Fazit: Vom postsowjetischen Schienennetz zum globalen Express-Glied
Das InnoTrans-Debüt in Berlin markiert für Usbekistan den symbolischen Wendepunkt von einem isolierten, regionalen Schienennetz hin zu einem hochmodernen und digitalisierten Akteur in der globalen Logistikkette. Durch die strategische Verknüpfung von milliardenschweren, kontinentalen Neubauprojekten wie der CKU-Trasse und der konsequenten Modernisierung des inländischen Hochgeschwindigkeitsnetzes positioniert sich das Land als stabilisierende Brücke zwischen China und Europa.
Der beschleunigte Import von internationalem Know-how und modernstem Rollmaterial zeigt, dass die Regierung in Taschkent den Faktor Zeit als entscheidende Währung im globalen Frachtwettbewerb verstanden hat. Der Blick der usbekischen Planer richtet sich bereits nach vorne: Der nächste Meilenstein im asiatischen Raum ist fest anvisiert – die erste asiatische Tochtermesse „InnoTrans Asia“, auf der Usbekistan im September nächsten Jahres in Singapur sein logistisches Netzwerk weiter ausrollen will.
