Oberirdische Atomexplosion in Semipalatinsk (Foto: Gov.kz - Embassy of the Republic of Kazakhstan in the Hellenic Republic)
Wie Kasachstan vom Schauplatz des sowjetischen Atomprogramms zum internationalen Vorreiter der nuklearen Abrüstung wurde
Am 29. August 1991 beendete Kasachstan ein dunkles Kapitel des Kalten Krieges. Mit der Schließung des berüchtigten Atomwaffentestgeländes Semipalatinsk setzte die damalige Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik ein Zeichen, dessen Bedeutung weit über die Grenzen des Landes hinausreichen sollte.
Heute ist der 29. August international mit der Geschichte der nuklearen Abrüstung verbunden. Die Vereinten Nationen erklärten den Tag im Jahr 2009 auf Initiative Kasachstans zum „Internationalen Tag gegen Nuklearversuche“, ausdrücklich in Erinnerung an die Schließung des Semipalatinsker Testgeländes am 29. August 1991.
Doch um die Bedeutung dieser Entscheidung zu verstehen, muss man zunächst an den Ort zurückkehren, der über Jahrzehnte zu einem Symbol des nuklearen Wettrüstens wurde.
Das sowjetische Polygon in der kasachischen Steppe
Das als „Polygon“ bekannte Atomwaffentestgelände Semipalatinsk im Nordosten Kasachstans war das wichtigste sowjetische Testgebiet für Nuklearwaffen. Das Gelände erstreckte sich über rund 18.500 Quadratkilometer. Es umfasste verschiedene Testareale, darunter Gebiete für oberirdische und atmosphärische Versuche sowie unterirdische Anlagen in den Regionen Balapan und Degelen.
Zwischen 1949 und 1989 führte die Sowjetunion hier insgesamt 456 nukleare Tests durch. Davon entfielen 116 auf atmosphärische beziehungsweise oberirdische Tests und 340 auf unterirdische Explosionen. Der erste sowjetische Atomtest fand hier am 29. August 1949 statt, exakt 42 Jahre vor der Schließung des Testgeländes. Der letzte Atomtest wurde 1989 durchgeführt.
Die verheerenden Folgen der Atomtests
Die Auswirkungen der jahrzehntelangen Tests auf die Bevölkerung waren gravierend. Nach kasachischen Angaben waren mehr als 1,5 Millionen Menschen von den Folgen der nuklearen Explosionen betroffen.
Die gesundheitlichen und ökologischen Folgen reichen weit über das Ende der Tests hinaus. Erkrankungen, Strahlenbelastung und die langfristige Veränderung der Umwelt wurden zu einem bleibenden Teil der Geschichte der Region. Semipalatinsk wurde damit zu einem der eindringlichsten Beispiele dafür, dass die Folgen eines nuklearen Wettrüstens nicht mit dem Ende einer Explosion verschwinden. Sie können Generationen überdauern.
Nevada-Semipalatinsk: Der Protest der Bevölkerung

Die spätere Schließung des Testgeländes war jedoch nicht allein das Ergebnis staatlicher Entscheidungen. Eine entscheidende Rolle spielte die wachsende gesellschaftliche Opposition gegen die Atomtests. Im Februar 1989 entstand unter Führung des bekannten kasachischen Dichters und Aktivisten Olzhas Suleimenov die Anti-Atom-Bewegung „Nevada-Semipalatinsk“.
Die Bewegung entwickelte eine außergewöhnliche gesellschaftliche Dynamik. Menschen aus unterschiedlichen Teilen Kasachstans schlossen sich dem Protest an. Wissenschaftler, Künstler, Intellektuelle, Ärzte und Umweltaktivisten wurden Teil einer Bewegung, die den bis dahin weitgehend abgeschirmten Charakter des sowjetischen Atomprogramms zunehmend öffentlich infrage stellte. Der Widerstand gegen die Tests wurde zu einem Ausdruck eines wachsenden gesellschaftlichen Selbstbewusstseins. Und dieser Druck hatte konkrete politische Folgen.

Der historische Erlass vom 29. August 1991
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein historisches Dokument besondere Bedeutung: der Erlass Nr. 409 „Über die Schließung des Semipalatinsker Atomwaffentestgeländes“ vom 29. August 1991.
Das Originaldokument trägt noch die Bezeichnung der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik und ist in Alma-Ata, dem damaligen Regierungssitz und der damaligen Hauptstadt, datiert. Unterzeichnet wurde es vom damaligen Präsidenten der Kasachischen SSR, Nursultan Nasarbajew. Der Wortlaut ist bemerkenswert deutlich. Der Erlass verweist auf die seit 1949 durchgeführten Atomtests und deren Folgen für die Gesundheit und das Leben der Bevölkerung. Gleichzeitig wird ausdrücklich auf die Forderungen der Bevölkerung der Republik Bezug genommen. Dann folgt die entscheidende Anordnung:
Das Semipalatinsker Atomwaffentestgelände wird geschlossen.
Damit wurde eine Entscheidung getroffen, deren politische Tragweite kaum überschätzt werden kann. Denn Kasachstan war zu diesem Zeitpunkt noch keine unabhängige Republik. Die staatliche Unabhängigkeit sollte erst am 16. Dezember 1991 erklärt werden. Die Schließung des Polygons war deshalb zugleich ein frühes Zeichen eines eigenen politischen Weges Kasachstans.
Mehr als die Schließung eines Testgeländes
Besonders interessant ist, dass der Erlass nicht lediglich die Einstellung der Atomtests anordnete. Er formulierte auch eine Verantwortung gegenüber den Menschen und Regionen, die von den Tests betroffen waren. Vorgesehen wurde ein Programm zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der angrenzenden Gebiete der damaligen Regionen Semey, Karaganda und Pawlodar. Die Lebensbedingungen der Bevölkerung und ihre medizinische Versorgung sollten verbessert werden.
Auch die Frage von Entschädigungszahlungen an betroffene Bürger wurde ausdrücklich angesprochen. Damit dokumentiert der Erlass einen wichtigen Gedanken: Die Schließung des Testgeländes sollte nicht das Ende der staatlichen Verantwortung bedeuten.
Noch bemerkenswerter ist ein weiterer Punkt des Dokuments. Das bisherige Testgelände sollte in ein wissenschaftliches Forschungszentrum umgewandelt werden. Aus einem Ort, an dem jahrzehntelang Atomwaffen getestet worden waren, sollte damit ein Ort wissenschaftlicher Forschung werden.
Diese Entwicklung wurde nach der Unabhängigkeit weitergeführt. 1992 entstand das Nationale Nukleare Zentrum Kasachstans, das unter anderem bei der Beseitigung der Hinterlassenschaften der sowjetischen Nuklearinfrastruktur, und bei der wissenschaftlichen Nutzung nuklearer Technologien eine Rolle übernahm.

Kasachstan erbt das nukleare Arsenal der Sowjetunion
Nur wenige Monate nach der Schließung des Testgeländes zerfiel die Sowjetunion. Das nun unabhängige Kasachstan erbte damit ein gewaltiges nukleares Arsenal. Auf seinem Territorium befanden sich 1.410 strategische Nuklearsprengköpfe sowie umfangreiche Trägersysteme.
Dazu gehörten 1047 Interkontinentalraketen des Typs SS-18 und strategische Bomber vom Typ Tu-95MS. Damit verfügte das junge Kasachstan nach dem Zerfall der Sowjetunion über eines der größten Nukleararsenale der Welt. Es hätte seine neue geopolitische Position als nukleare Macht nutzen können. Doch die politische Führung entschied sich für einen anderen Weg.
Der Weg zur vollständigen Denuklearisierung
Der Weg zur vollständigen Denuklearisierung beruhte auf mehreren internationalen Vereinbarungen. Den Ausgangspunkt bildete der START-I-Vertrag, der im Juli 1991 zwischen den USA und der Sowjetunion unterzeichnet worden war. Nach dem Zerfall der Sowjetunion musste anschließend geregelt werden, wie mit den strategischen Waffen auf dem Territorium der neuen unabhängigen Staaten umzugehen war.
Am 23. Mai 1992 wurde deshalb das Lissabonner Protokoll unterzeichnet. Kasachstan, Belarus und die Ukraine verpflichteten sich darin, gemeinsam mit Russland, zur Umsetzung der START-I-Verpflichtungen. Kasachstan entschied sich anschließend, die auf seinem Territorium verbliebenen Nuklearwaffen vollständig abzubauen und dem Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV/NPT) als Nichtkernwaffenstaat beizutreten. Damit vollzog das Land einen Schritt, der in der Geschichte der internationalen Sicherheitspolitik bis heute als außergewöhnlich gilt.
Das Budapester Memorandum – Sicherheitszusagen für den jungen Staat
Der freiwillige Verzicht auf ein solches Arsenal stellte das junge Land zugleich vor erhebliche sicherheitspolitische Fragen. Im Dezember 1994 unterzeichneten Kasachstan, Russland, die USA und Großbritannien das Budapester Memorandum. Darin bekräftigten die USA, Russland und Großbritannien ihre Verpflichtungen, die Unabhängigkeit, Souveränität und bestehenden Grenzen Kasachstans zu respektieren. Für Kasachstan war dieses politische Sicherheitsarrangement ein wichtiger Bestandteil des Rahmens, in dem die vollständige Aufgabe des nuklearen Erbes vollzogen wurde.

Der physische Abzug der Atomwaffen
Nun begann die praktische Umsetzung. Die strategischen Nuklearsprengköpfe wurden demontiert beziehungsweise aus Kasachstan abgezogen. Die SS-18-Raketen wurden nach Russland überführt und dort zerstört. Auch die strategischen Bomber wurden entweder nach Russland überführt oder demontiert.
Bis 1996 war Kasachstan frei von einsatzbereiten strategischen Nuklearwaffen. Die Abrüstung war damit nicht nur eine politische Erklärung. Sie wurde physisch umgesetzt.
Das Polygon wird unbrauchbar gemacht
Parallel dazu musste verhindert werden, dass das ehemalige Testgelände irgendwann erneut für nukleare Zwecke genutzt werden konnte. Bohrlöcher, Tunnel und andere Teile der Testinfrastruktur wurden deshalb schrittweise gesichert und unbrauchbar gemacht.
Diese Aufgabe war technisch außerordentlich komplex. Denn nach dem Zerfall der Sowjetunion waren nicht nur Anlagen und Tunnel zurückgeblieben. Auch radioaktive und spaltbare Materialien mussten gesichert werden. Damit begann ein weiteres, lange Zeit weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte Semipalatinsks.

„Plutonium Mountain“ – ein jahrzehntelanges Geheimprojekt
In den unterirdischen Anlagen befanden sich nach dem sowjetischen Abzug noch Materialien, die aus Sicht der internationalen Nichtverbreitungspolitik ein erhebliches Risiko darstellten. Kasachstan, Russland und die USA arbeiteten deshalb über Jahre bei der Sicherung dieses Materials zusammen.
Die geheime Operation, die später unter dem Namen „Project Sapphire“ beziehungsweise „Plutonium Mountain“ bekannt wurde, erstreckte sich über viele Jahre. Spezialisten sicherten verbliebene Materialien mit aufwendigen technischen Verfahren und machten sie für eine missbräuchliche Nutzung unzugänglich.
2012 wurde der Abschluss der langjährigen Sicherungsarbeiten offiziell verkündet. Auch dieses Kapitel zeigt, dass die Entscheidung von 1991 weitreichende Konsequenzen hatte: Die Schließung des Testgeländes war erst der Beginn eines jahrzehntelangen Prozesses der Sicherung, Beseitigung und internationalen Zusammenarbeit.
Internationale Zusammenarbeit trotz geopolitischer Gegensätze
Die Geschichte Semipalatinsks zeigt zugleich, dass nukleare Sicherheit eine Aufgabe ist, die nationale Grenzen überschreitet. Kasachstan, Russland und die Vereinigten Staaten arbeiteten trotz ihrer unterschiedlichen politischen Interessen bei der Sicherung des nuklearen Erbes zusammen.
Gerade diese Zusammenarbeit macht die Geschichte des Polygons auch aus heutiger Sicht relevant. Sie zeigt, dass bei Fragen, die die Sicherheit ganzer Regionen und letztlich der internationalen Gemeinschaft betreffen, Kooperation möglich ist – selbst wenn die politischen Beziehungen ansonsten von erheblichen Spannungen geprägt sind.
Vom nationalen Trauma zur internationalen Verantwortung
Die Geschichte Semipalatinsks endet deshalb nicht mit dem Erlass vom 29. August 1991. Sie reicht bis in die heutige internationale Sicherheitspolitik hinein. Kasachstan entwickelte aus seiner historischen Erfahrung eine außenpolitische Position, die stark von nuklearer Abrüstung, Nichtverbreitung und internationaler Zusammenarbeit geprägt ist.
Die Vereinten Nationen haben diese Rolle ausdrücklich gewürdigt. Am 2. Dezember 2009 verabschiedete die Generalversammlung einstimmig die Resolution 64/35 und erklärte den 29. August zum Internationalen Tag gegen Nuklearversuche.
Damit wurde aus einem kasachischen historischen Gedenktag ein weltweites Symbol. Ein Symbol für die Opfer. Ein Symbol gegen die Fortsetzung nuklearer Tests. Und ein Symbol für die politische Entscheidung, dass Sicherheit nicht zwangsläufig auf nuklearer Abschreckung beruhen muss.
Ein Dokument, das Geschichte sichtbar macht

Heute, 35 Jahre nach der Schließung, erhält der Erlass vom 29. August 1991 eine besondere Bedeutung. Das Originaldokument wirkt auf den ersten Blick nüchtern und bürokratisch. Doch hinter seinen wenigen Seiten steht eine historische Entscheidung. Ein Staat, der wenige Monate später seine Unabhängigkeit erklären sollte, begann bereits vor diesem Schritt, sich von einem der größten Hinterlassenschaften der sowjetischen Militärmacht zu lösen.
Kasachstan hätte nach 1991 den Weg einer neuen Nuklearmacht einschlagen können. Es entschied sich dagegen. Der 29. August 1991 war deshalb nicht nur das Ende eines Atomtestgeländes. Er war der Beginn eines politischen Weges, der Kasachstan bis heute prägt.
Der 29. August – ein Symbol für die Welt
Dass ausgerechnet der 29. August heute weltweit an die Gefahren nuklearer Tests erinnert, ist kein Zufall. Am selben Tag, an dem 1949 der erste sowjetische Atomtest in Semipalatinsk stattfand, wurde 42 Jahre später das Testgelände geschlossen. Dazwischen liegen vier Jahrzehnte nuklearen Wettrüstens, unzählige menschliche Schicksale und eine der schwersten Hinterlassenschaften des Kalten Krieges. Heute steht dieses Datum für etwas anderes: für die Möglichkeit politischer Entscheidungen gegen die Logik des Wettrüstens.
Am 29. August 1991 schloss Kasachstan nicht nur ein Testgelände. Es begann damit, ein neues Kapitel seiner eigenen Geschichte zu schreiben.Und dieses Kapitel ist noch lange nicht abgeschlossen.
