Piano See am Potsdamer Platz mit Blick auf den Berliner Atrium Tower (Foto: C. Grosse)
Mitten im steinernen Herzen Berlins, umgeben von den aufragenden Fassaden des Potsdamer Platzes, liegt ein weltweit einzigartiges Pionierprojekt der nachhaltigen Stadtentwicklung. Der exakt 1,2 Hektar große Piano-See ist weit mehr als nur ein ästhetisches Gestaltungselement des Architekten Renzo Piano; er bildet das sichtbare Herzstück eines hochkomplexen, dezentralen Regenwassermanagements, das bereits im Jahr 1998 vom Atelier Herbert Dreisseitl realisiert wurde.
In Zeiten des fortschreitenden Klimawandels gilt diese Anlage als wegweisendes, globales Paradebeispiel für das moderne Prinzip der „Schwammstadt“. Das System entlastet die städtische Kanalisation nahezu vollständig, indem es 99 Prozent der lokalen Niederschlagsmengen komplett autark bewirtschaftet. Es leitet Niederschläge nicht als Abwasser ab, sondern hält, reinigt und nutzt sie als wertvolle Ressource direkt im Quartier.
Das Fundament auf den Dächern und die unterirdische Infrastruktur
Das Fundament dieses visionären Kreislaufs liegt hoch über den Köpfen der Passanten. Genau 40.000 Quadratmeter der umliegenden Dachflächen des Quartiers sind extensiv oder intensiv begrünte Gründächer. Bei Starkregen wirken sie wie gigantische Stoßdämpfer: Sie saugen die ersten Wassermassen auf, lassen einen Großteil direkt verdunsten und bremsen den Abfluss in die Tiefe drastisch ab.
Was die Dächer nicht halten können, stürzt durch die Fallrohre in eine gewaltige, unterirdische Infrastruktur. Ein komplexes Netzwerk aus insgesamt fünf miteinander verbundenen Zisternen, aufgeteilt in einen Hauptspeicher und vier Nebenzisternen, die als kommunizierende Röhren agieren, erstreckt sich unter den Straßen des Viertels. Um wertvollen Raum zu sparen, nutzen die Tanks die statischen Hohlräume der Tiefgaragen und Kellergeschosse. Die zwei größten Technikzentralen liegen dabei im Untergeschoss des ehemaligen debis-Hauses (dem heutigen Atrium Tower) sowie direkt unter dem Marlene-Dietrich-Platz.
Mit einem reinen Retentionsvolumen von 2.550 bis 2.600 Kubikmetern fangen diese zweigeschossigen, massiven Betonwände und -decken, die mit einer Spezialkunststoff-Schicht absolut wasserdicht versiegelt sind, das überschüssige Wasser auf. Ein Verbund aus 19 Hochleistungspumpen, automatischen Sandfiltern, Mikrosieben und mechanischen Filtern regelt im Hintergrund die präzise Verteilung des Wassers, während eine automatisierte Schlammabsaugung den Boden der Zisternen regelmäßig von schweren Sedimenten befreit.

Die dreistufige biologische Reinigung ohne Chemie
Das gesamte System funktioniert nach dem Prinzip einer dreistufigen, naturnahen Reinigungskaskade und verzichtet vollständig auf chemische Zusätze wie Chlor:
Stufe 1: Die erste mechanische Vorfilterung geschieht direkt beim Aufprall des Regens auf den 40.000 Quadratmetern Gründächern.
Stufe 2: In den dunklen, kalten Zisternen sinken feinste Schwebstoffe zu Boden (Sedimentation), während Mikroorganismen erste organische Verbindungen abbauen.
Stufe 3: Das Wasser wird kontinuierlich durch ein exakt 1.200 Quadratmeter großes, bepflanztes Reinigungsbiotop (Bodenfilter) gepumpt.
In diesem Bodenfilter durchströmt das Wasser vertikal und horizontal ein künstliches Bett aus Blähschiefer, Kies und Zeolith, welches Schadstoffe und insbesondere Phosphat physikalisch bindet.
Den eigentlichen biologischen Reinigungsprozess übernehmen Milliarden nützlicher Bakterien, die auf den Steinen und im dichten Schilfgürtel der Pflanzengattung Phragmites einen aktiven Biofilm bilden. Sie „atmen“ Schadstoffe weg, wandeln Ammonium in Nitrat um und senken den Phosphatgehalt extrem ab – auf einen Wert von unter 15 Mikrogramm pro Liter. Das Schilf wiederum nimmt diese Stoffe als körpereigenen Dünger auf und entzieht dem Kreislauf dauerhaft die Nährstoffe, wodurch Algenwuchs effektiv verhindert wird.
Das Ergebnis ist glasklares Wasser, das über künstliche Kaskaden und Flussläufe reich an Sauerstoff zurück in den Piano-See sprudelt, wo es durch die ständige Verdunstung der riesigen Wasserfläche spürbar das Mikroklima in den urbanen Steinschluchten kühlt.

Urbane Oase und intelligenter Starkregenschutz
Diese exzellente Wasserqualität hat das bis zu 1,80 Meter tiefe, künstliche Gewässer in eine lebendige urbane Oase verwandelt. Mittlerweile hat sich im Herzen der Metropole eine erstaunliche Biodiversität angesiedelt: Neben den dichten Schilf- und Uferzonen tummeln sich stattliche Bestände von Hechten, Amur-Karpfen, die als Grasfische den Pflanzenwuchs regulieren, sowie farbenprächtige Koi-Karpfen.
Wasservögel wie Enten und Teichhühner sowie diverse Libellenarten nutzen das Reinigungsbiotop als geschützte Brut- und Jagdreviere. Sogar mehrere ausgesetzte Schmuckschildkröten haben im Schilfgürtel eine dauerhafte Heimat gefunden.
Tritt ein extremes Unwetter auf, offenbart der See seine technische Genialität: Dank einer variablen Ufer- und Pufferhöhe kann sein Wasserspiegel gesteuert um bis zu 30 Zentimeter ansteigen. Dadurch verwandelt sich die Wasserfläche temporär in ein gigantisches Rückhaltebecken, das zusätzliche 3.500 Kubikmeter Flutwasser puffert und das Gesamtspeichervolumen des Systems, inklusive Zisternen, auf rund 3.850 Kubikmeter hochschraubt. Erst wenn alle unterirdischen und oberirdischen Kapazitäten restlos erschöpft sind, wird Wasser stark gedrosselt – auf maximal drei Liter pro Sekunde und Hektar, an das städtische Netz abgegeben, was urbane Sturzfluten im Viertel effektiv verhindert.

Wirtschaftlichkeit: Hohe Investitionen gegen enorme Kosteneinsparungen
Neben den ökologischen Effekten glänzt das System, das im Rahmen des Gesamtbauprojekts Ende der 1990er-Jahre mit einer Millioneninvestition für hochkomplexe Tiefbauarbeiten, doppelte Rohrleitungen und Pumpstationen errichtet wurde, mit massiven wirtschaftlichen Vorteilen. Der größte finanzielle Hebel ist die Einsparung bei der Niederschlagswassergebühr.
In Berlin kostet das Einleiten von Regenwasser in die Kanalisation für versiegelte Flächen aktuell 1,809 Euro pro Quadratmeter und Jahr. Da das Quartier, dank der dezentralen Entwässerung für die 40.000 Quadratmeter Dachfläche sowie die riesigen Platzflächen kein Regenwasser in die Kanalisation abgibt, spart das Centermanagement hierdurch jährlich hohe fünf- bis sechsstellige Beträge an städtischen Abwassergebühren ein.
Das Konzept besticht des Weiteren durch massive Trinkwassereinsparung. Durch den geschlossenen Kreislauf spart das Quartier jährlich rund 20.000 Kubikmeter – also 20 Millionen Liter – kostbares, teures Stadttrinkwasser ein. Dieses aufbereitete Regenwasser (Grauwasser) speist im gesamten Viertel die Toilettenspülungen der Bürokomplexe, dient als Löschwasserreserve und bewässert die großflächigen Grünanlagen.
Grüne Oase mit hoher Rendite: Wie der Piano-See Immobilienwerte und Ökonomie vereint
Der Piano-See zieht als grüne Oase Millionen von Touristen und Besuchern an. Diese enorme Steigerung der Aufenthaltsqualität erhöht den Miet- und Immobilienwert der umliegenden Büro- und Geschäftsgebäude erheblich. Den enormen Einsparungen stehen laufende Betriebskosten für den Pumpenstrom, die mechanische Filterwartung und den jährlichen Schilfrückschnitt gegenüber. Da sich der biologische Bodenfilter jedoch weitgehend selbst regeneriert und extrem langlebig ist, amortisieren sich diese laufenden Kosten im Vergleich zu klassischen Kanallösungen langfristig vollständig.
Die visionäre Anlage am Potsdamer Platz beweist damit seit über zwei Jahrzehnten eindrucksvoll, dass moderne Großquartiere ökonomische Effizienz, extreme Wetterresilienz und den Schutz natürlicher Ressourcen perfekt miteinander in Einklang bringen können.
