Eingangsbereich der Botschaft von Belgien in der Bundesrepublik Deutschland (Foto: C. Grosse)
Anlässlich des 25 – jährigen Bestehens der Botschaft des Königreichs Belgien in Berlin, lud S.E. Piet Heirbaut, Botschafter des Königreichs Belgien, zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Bauen im Bestand“ ein.
Eingeladen waren die Architektin Elisabeth Rüthnick von „SSP Rüthnick Architekten“ und Frederick Vaes von „Artwork Frederich Vaes“. Beide Architekten berichteten vom Umbau von jeweils zwei Objekten in Berlin. Elisabeth Rüthnick berichtete über den Umbau der Botschaft des Königreichs Belgien. Frederick Vaes stellte die besonderen Herausforderungen des Umbaus des „Bikini Berlin“ dar.
Eine kurze Geschichte der diplomatischen Beziehungen
Die frühesten diplomatischen Beziehungen zwischen Belgien und Preußen reichen bis in das frühe 19. Jahrhundert zurück. Sie wurden während der Weltkriege unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterhielt Belgien eine Militärmission in Berlin für den Zeitraum von 1946 bis 1951. Danach nahm die belgische Regierung die diplomatischen Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland nach 1951, durch die belgische Botschaft in Bonn, erneut auf. Die Militärmission wurde in das Generalkonsulat Belgiens in West – Berlin umgewandelt.
1973 erfolgte die diplomatische Anerkennung der DDR sowie die Eröffnung der Belgischen Botschaft in Berlin – Pankow. Die Konsularabteilung war zuständig für alle deutschen Bundesländer. Bis 2015 war für die Länder Nordrhein – Westfalen, Rheinland – Pfalz und Saarland das belgische Konsulat in Köln zuständig.
Bauen im Bestand statt Abriss und Neubau
Bauen im Bestand umfasst alle baulichen Maßnahmen an bereits errichteten Gebäuden, anstatt neu zu bauen. Es zielt darauf ab, bestehende Bausubstanz zu erhalten, energetisch zu modernisieren oder neuen Nutzungsanforderungen anzupassen. Gerade in der heutigen Zeit der Wohnungsknappheit spielt dieses Thema eine immer wichtigere Rolle.
Typische Maßnahmen sind Umbauten, Sanierungen und Erweiterungen. Diese Form des Bauens rückt durch den Ressourcen- und Klimaschutz immer stärker in den Fokus. In Ihren Ausführungen stellte Rüthnick dar, dass vor 25 Jahren viele Begrifflichkeiten und Gesetzesvorgaben noch gar nicht existierten.
Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören u.a. die Sanierung und Modernisierung. Damit verbunden sind energetische Aufwertungen, wie z.B. Dämmung und Heizungsanlagen, aber auch technische Anpassungen. Beim Umbau und der Umnutzung muss auf die Raumstruktur geachtet werden, wie etwa die Umwandlung eines alten Plattenbaugebäudes in eine Botschaft. Durch die Erweiterungen und Aufstockung wird neuer Wohnraum geschaffen, verbunden mit zusätzlichen Dachausbauten oder Anbauten.
Besondere Herausforderungen sind bei der Bestandsaufnahme zu meistern. Der tatsächliche Zustand des Gebäudes weicht oft von den ursprünglichen Plänen ab. Nicht zu vergessen die strengen Vorgaben und Auflagen aus dem Baurecht. Alte Gebäude müssen an heutige Brandschutz-, Schallschutz- und Energievorgaben angepasst werden. Bei historischen Gebäuden greifen zudem die strengen Auflagen des Denkmalschutzes.
Die Botschaft des Königreichs Belgien befindet sich in Berlin-Mitte am Gendarmenmarkt. Es ist das einzige Botschaftsgebäude in Berlin, das in einem ehemaligen staatlichen Gebäude der ehemaligen DDR untergebracht ist. Vor der deutschen Wiedervereinigung gab es diese Botschaft noch nicht.

Botschaftsgebäude nach dem Umbau (re.: Botschaft von Belgien) Foto: Elisabeth Rüthnick (SSP Rüthnick Architekten)
Von Mendelsohn – Bartholdy bis zur Staatssicherheit
Der belgische Staat hatte das Grundstück 1913 erworben und für eine Repräsentanz genutzt. Auf diesem befand sich das Wohnhaus von Ernst Mendelsskohn – Bartholdy. Es wurde 1883/84 nach Plänen der Architekten Victor von Wielzen, Heino Schmieden und Rudolf Speer erbaut.
1938 wurde auch das Nachbargrundstück, Jägerstraße 52, mit dem Wohn- und Geschäftshaus der Bank Mendelssohn & Co., erworben. Dies wurde 1873/74 von Martin Gropius und Heino Schmieden erbaut.
Beide Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Bis zur staatlichen Enteignung 1966 blieben die Grundstücke ungenutzt. Im gleichen Jahr hat die damalige DDR Regierung auf der Freifläche der Otto – Nuschke – Straße einen fünfgeschossigen Plattenbau errichtet, der vom Ministerium für Staatssicherheit bis zur Wiedervereinigung genutzt wurde.
Von 1990 bis 1998 hat die Berliner Senatsverwaltung das Gebäude als Gesundheitsamt des Bezirks Mitte genutzt. Mit dem Umzug der deutschen Regierung von Bonn nach Berlin bekundete die belgische Regierung 1993 ihr Interesse, beide Grundstücke erneut zu kaufen, was im gleichen Jahr umgesetzt wurde.
Mit dem Auszug des Gesundheitsamts wurde ein Architekturwettbewerb für den Umbau des Gebäudes, mit Erhalt der Plattenbausubstanz, ausgeschrieben. Den Architekturwettbewerb entschied das Berliner Architektenbüro „Rüthnick Architekten“ unter Leitung von Elisabeth Rüthnick. Der Umbau erfolgte 2000/01 und kostete etwa 7,5 Millionen Euro. Im Innenraum wurde zudem ein Garten angelegt. Die Gartengestaltung übernahm der Garten- und Landschaftsarchitekt Benoit Fondu aus Antwerpen.

Die Gebäudearchitektur – Besonderheiten
Für das Botschaftsgebäude wurde die Stahlbetonkonstruktion des Bauskeletts aus dem Plattenbau übernommen. Durch kleinere Umgestaltungen mittels Aufbrüchen wurde es dem neuen Gebäudekonzept angepasst. Die Fassade erhielt zur Straßenseite einen anthrazitfarbenen Putz mit Fenstern, die in hellgrauen und hervorstehenden Rahmenelementen eingesetzt sind.
Die Fensterreihen sind der Plattenbauweise nachempfunden. Sie zeigen zugleich die räumliche Aufteilung der Innenräume des Gebäudes. Dabei ist vor allem der Bereich des Konferenzraumes von außen durch breitere Fensterreihen erkennbar. Die Hausmeisterwohnung, im dritten Obergeschoss, erhielt einen Balkon.
Ein besonderes Merkmal wurde auf das Erdgeschoss mit dem Eingangsbereich gelegt. Die Fassade wurde vollständig aufgebrochen. Hinter einer doppelreihigen, und zum Eingang hin, bis in das zweite Geschoss, wurde eine Reihe aus kräftig orangefarbenen Säulen zurückgesetzt. Der Eingangsbereich ist über eine Treppe, sowie über eine Rampe für Rollstuhlfahrer, erreichbar. Durch die doppelgeschossige Glasfront im Eingangsbereich wirkt der Eingangsbereich freundlich, hell, einladend und transparent. Ein direkter Blick wird in den Garten hinter dem Gebäude ermöglicht.
Der besondere Akzent – Orangefarbene Säulen
Auf der Hofseite ist das Gebäude heller und offen gestaltet. Der Fassadenputz hat einen warmen, champagnerfarben Anstrich erhalten. Die beiden untersten Geschosse stellen eine durchgehende Glasfront bis zum Veranstaltungssaal dar. Insgesamt ist Glas ein wichtiges Element in der Gesamtgestaltung, so, dass das Gebäude sehr großzügig wirkt.
Im Garten des Grundstücks entstand als Neubau ein Veranstaltungssaal für etwa 100 Gäste mit ovaler Grundfläche und Verbindungsgang zum Hauptgebäude. Das Gebäude ist, wie die Säulen im Eingangsbereich, in einem hellen Orangeton gehalten. Es besitzt eine Glasfront mit schmaler Terrasse an der Ostseite, die sich zum Gartenbereich öffnet. Das Dach des kleinen Gebäudes ist begrünt. Unter dem Hof befindet sich eine Tiefgarage für 13 Fahrzeuge.
Innenraumgestaltung und funktionelle Gliederung
Die Innenräume sind über zwei Treppenhäuser und einen Aufzug erreichbar. Das Erdgeschoss und die darüber liegende Etage werden durch das große Foyer des Gebäudes geprägt, das sich von der Straßenseite bis zum Hof erstreckt.
Im Gebäudebereich rechts vom Eingang sind die Räume des belgischen Konsulats untergebracht, der linke Gebäudeteil beherbergt die Botschaftsräume. Dabei befindet sich der doppelgeschossige Konferenzraum im ersten und zweiten Obergeschoss. In diesen ragt im zweiten Geschoss das Botschafterbüro mit einer verglasten Wand hinein. Im dritten Obergeschoss sind die Presse- und Informationsabteilung untergebracht.
Das vierte und fünfte Obergeschoss beherbergt die Büros der belgischen Länder- und Regionalvertretungen. Dies sind die Vertretungen der flämischen Regierung, der französischen und deutschsprachigen Gemeinschaften, der Wallonischen Region sowie der Region Brüssel – Hauptstadt.

Foto: C. Grosse)
Kunst, Interieur, Innenausstattung-ein Dreiklang an Kreativität
Kunst nimmt in der Botschaft eine wichtige Position ein. Zentrale Kunstwerke sind im Foyer und den Besucherbereichen zu bewundern. Im Eingangsbereich befindet sich das Werk“ Essential Shadows“ von Thierry Renard, eine mehrteilige Glasschiene, in die drei handschriftliche Auszüge der Verfassung in den drei amtlichen Sprachen Belgiens eingraviert sind, und die erst durch den Schattenwurf auf der dahinter liegenden Wand sichtbar werden.
Ebenfalls von Renard stammt die große Milchglasscheibe namens „To keep them from falling“ an der gegenüberliegenden Wand. Sie ist von einem dreifarbigen Band in den Farben Schwarz, gelb und rot umwickelt, die die Beständigkeit im Land symbolisieren und zugleich an alte offizielle Dokumente und Urkunden erinnern soll.
Ebenfalls im Foyer befindet sich als historisches Dokument das Messingschild des im Zweiten Weltkrieg zerstörten alten Botschaftsgebäudes mit Einschusslöchern aus dem Krieg. Dies wurde von den DDR-Behörden nach dem Krieg sichergestellt und dem Sohn des letzten belgischen Botschafters, nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen, geschenkt. Dieser übergab es bei der Eröffnung des neuen Botschaftsgebäudes an die heutige Repräsentanz.
Die Schachtwand des Aufzugs wurde von dem Künstler Jean Francoise Octave mit 16 ausgeschnittenen, farbigen Bildern gestaltet, die der Betrachter erst bei Nutzung des Aufzugs vom Keller bis in die fünfte Etage betrachten kann. Es handelt sich dabei um typische belgische Gegenstände und Personen, darunter etwa das Atomium als Wahrzeichen Brüssels, ein Bierglas, den Sänger Jaques Brel und den Schriftsteller Georges Simenon.
Der große Sitzungssaal enthält unter anderem Karten aus Brüssel während der Frühen Neuzeit, sowie ein Porträtgemälde des ersten Königs von Belgien, Leopold I. Außerdem befindet sich neben dem, in den Raum ragenden Botschafterbüro, ein großer Wandteppich aus dem späten 16. Jahrhundert. Auch der offizielle Speiseraum, sowie die Büros der Vertretungen und des Botschafters, sind mit unterschiedlichen Kunstwerken ausgestattet. Das Mobiliarkonzept wurde durch das Planungsbüro AMS Interieur Design entwickelt.
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die heutige Botschaft des Königreichs Belgien eine gelungene Symbiose aus Geschichte und Moderne ist.
