Ende 2025 stellt Girl (mitte, zwischen Randolf Duda und Christian Grosse) das EXPO-Projekt im randu- Küchenstudio vor (Foto: Wachsmuth)
Berlin steht an einem dieser seltenen Momente, in denen eine Stadt spürt, dass sich ein Fenster öffnet – und genauso schnell wieder schließen kann. Für die Zukunft der Stadt kann dies entscheidend sein, so wie das Fenster, das sich am 9. November 1989 öffnete und nicht nur die Stadt, sondern das Land veränderte zum Positiven. Hätten die Akteure die Chance nicht ergriffen, in diesem Fall der damalige Regierende Bürgermeister Walter Momper und Bundeskanzler Helmut Kohl, das Thema Wiedervereinigung wäre uns entglitten und der Westteil weiterhin eine Stadt in Insellage. Für Berlin geht es nicht nur um ein kulturelles Ereignis – sondern um einen potenziellen wirtschaftlichen Impuls von über 20 Milliarden Euro.
Ganz Berlin ist eine EXPO
„Ganz Berlin ist eine EXPO“, lautet das Motto der Initiative Global Goals für Berlin. Der Verein geführt vom ehemaligen Berliner IHK-Präsidenten Daniel-Jan Girl hat sich zum Ziel gesetzt, die EXPO 2035 in Berlin zu veranstalten. Das Fenster ist geöffnet, die Stadt muss mitteilen, dass sie die EXPO 2035 will, um dann innerhalb eines halben Jahres das Konzept nachreichen. „Ja zur EXPO“ hat der Verein nun in der Stadt plakatiert und auf einen Bus das längste JA geschrieben, Berlin kann das, die Wirtschaft will. Der Senat auch. Global Goals brachte erst kürzlich Unterstützer-Briefe für die EXPO ins Rote Rathaus.
Die Chancen für Berlin stehen gut, sehr gut. Weltweit gibt es bislang nur wenige ernsthafte Bewerber – ein Vorteil, den Berlin nutzen muss. Die letzte EXPO fand 2025 in Osaka in Japan statt und auch davor war Europa nur noch selten Austragungsort, zuletzt 2015 in Mailand. Berlin war noch nie Austragungsort einer EXPO, 1879 verhinderte der Kaiser die EXPO, die Wirtschaft bestand auf die Schau und so kam es zur Berliner Gewerbeausstellung und der Premiere der ersten elektrisch betriebenen Lokomotive der Firma Siemens, 1896 fand dann eine zweite Gewerbeausstellung mit immerhin 7 Millionen Besuchern statt. Die Interbau Berlin 1957 war nur eine „Internationale Bauausstellung“ und zielte auf den Wiederaufbau des kriegszerstörten Hansa-Viertels ab. Die EXPO 2000 in Hannover war die einzige echte Weltausstellung in Deutschland, bisher.
Berlin kann groß, es muss sich nur trauen, Berlin ist groß und gehört in Europa zu den drei wichtigsten Destinationen und Start-Up-Standorten neben London und Paris. Global Goals hat sich bei seiner ersten Präsentation Edgar von Hirschhausen als prominenten Unterstützer geholt, weil es in Berlin um Nachhaltigkeit, um Zukunft und um eine grüne Stadt geht. Die 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen stehen im Zentrum des Konzepts, die Global Goals. Plakate und Infozentren zeugen von dem Willen zur EXPO. Überall in der Stadt stehen bunte Klaviere, die Passanten zum Musizieren einladen, siebzehn an der Zahl, eines für jedes Ziel. Es sind kleine, poetische Interventionen, die zeigen sollen, was möglich wäre, wenn Berlin sich traut, die EXPO 2035 wirklich zu wollen.
Doch während die Wirtschaft, angeführt durch die IHK, längst im Angriffsmodus war, wirkte der Senat, als würde er noch immer zwischen Ja, Nein und Naja pendeln. Und nun kommt internationaler Druck dazu: US Präsident Donald Trump hat angekündigt, die EXPO 2035 nach Miami zu holen. Berlin hat damit vielleicht weniger Zeit als gedacht – das Bewerbungsfenster ist noch bis Jahresende geöffnet.
Ein Konzept, das größer ist als ein Gelände
Die EXPO Initiative setzt nicht auf ein klassisches Messegelände, sondern auf ein dezentrales Modell: ein Hauptareal von rund 100 bis 150 Hektar plus dutzende „KiezLabs“ in der ganzen Stadt. Berlin soll sechs Monate lang zu einem Labor für Nachhaltigkeit, Innovation und urbane Zukunft werden.
Der Businessplan, der in der Wirtschaft kursiert, ist ambitioniert – aber nicht unrealistisch. Er sieht eine weitgehend privatwirtschaftliche Finanzierung vor – ein entscheidender Punkt, um politische Widerstände zu reduzieren. Er kalkuliert mit 2,1 Milliarden Euro Einnahmen und 2,1 Milliarden Euro Ausgaben, bis zu 30 Millionen Besuchern und einem möglichen gesamtwirtschaftlichen Effekt von bis zu 22 Milliarden Euro.
Daniel-Jan Girl, führender Kopf hinter der Initiative, formuliert es so: „Ich empfinde Berlin schon täglich als Weltausstellung. Aber wir merken, dass bestimmte Dinge noch nicht optimal laufen – und irgendwas brauchen wir, was uns zusammenbringt.“
Sein Argument: Die EXPO sei kein Prestigeprojekt, sondern ein Modernisierungsschub. Ein Anlass, um Infrastruktur zu beschleunigen, Genehmigungen zu vereinfachen, Innovationen sichtbar zu machen – und Berlin international neu zu positionieren.
Der Senat zwischen Olympia und EXPO
Während die Wirtschaft – von der IHK bis zu großen Verbänden – klar für die EXPO trommelt, wirkt der Senat gespalten. Kai Wegner hat die EXPO mehrfach als „große Chance“ bezeichnet, gleichzeitig aber Olympia als Priorität ausgerufen. Wegner will Olympia 2036, 2040 oder 2044 in Deutschland. Und die Welt, so Wegner beim Küchen-Studio-Dialog von Newsmark und dem Liberalen Mittelstand Berlin, würde es nicht verstehen, wenn Deutschland eine andere Stadt als Berlin ins Rennen schickt. Fördermittel auf der Bundesebene wird es wohl geben. Ob aber TXL (der ehemalige Flughafen Tegel) mit seiner Urban Tech Republik endlich an die U-Bahn angeschlossen wird, ist nicht sicher. Die Tunnel am Bahnhof Jungfernheide und Jakob-Kaiser-Platz sind seit den 1980er Jahren bereit. Die neue alte Idee einer Magnetbahn in Berlin, immerhin gab es sie kurz vor dem Mauerfall schon zwischen Gleisdreieck und Kemper Platz, die das Gelände in Tegel mit Spandau verbindet, wäre mit einer EXPO-Finanzierung auch gesichert.
Aber die Standortfrage ist noch nicht geklärt, sieht das Team um Girl den alten Flughafen als erste Wahl, lehnt der Senat diesen ab. Tegel? „Geht nicht“, sagt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und brachte die Gründe im Küchen-Studio-Dialog vor. Er will sich als Macher zeigen und mit der Entwicklung des Geländes nicht weitere zehn Jahre warten müssen. Entscheidend ist aber in diesem Fall der Bund, der auf die weitere Nutzung seiner Flächen in Tegel drängt, es gab eine Zeitenwende und die Bundeswehr bleibt und damit gibt es Sicherheitsaspekte. Alternative Schönefeld? „Vielleicht.“ Brandenburg? „Muss man reden.“ Wegner sagt längst ja zur EXPO, hat mit seinem Brandenburger Amtskollegen Woidke bereits über Schönefeld gesprochen.
So wie das Olympiakonzept ganz Ost-Deutschland einbindet, so ist es auch bei der EXPO. Ein Ausstellungsgelände am BER wäre genial, dehnt aber die EXPO verständlicherweise auf ganz Brandenburg aus. Standorte in Cottbus, Eberswalde oder der Optikstadt Rathenow könnten in das Konzept der EXPO in der Metropolenregion Berlin-Brandenburg kommen. Entscheidend wird sein, ob die Flächen in Tegel oder am BER rechtzeitig planungsrechtlich gesichert werden können.
Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey wirbt schon länger offensiv für die EXPO und betont, dass Olympia und EXPO sich nicht ausschließen. Im Gegenteil: Beide Projekte könnten voneinander profitieren – wenn man sie strategisch denkt. Das Unterstreicht auch Global Goals.
Miami macht Tempo
Dass US-Präsident Donald Trump öffentlich erklärt hat, Miami ins Rennen schicken zu wollen, verändert die Lage. Die USA haben Erfahrung mit Mega Events, verfügen über enorme Sponsorenkraft – und Trump weiß, wie man internationale Aufmerksamkeit erzeugt.
Für Berlin bedeutet das: Zögern ist keine Option mehr. Das Bewerbungsfenster für 2035 ist enger als gedacht, und wer jetzt nicht liefert, ist raus, so Global Goals. Der Senat ist entspannter, man hat bereits mit dem EXPO-Komitee in Berlin Kontakt aufgenommen, der Zeitplan steht. Die EXPO wird von 65% der Bevölkerung und der Wirtschaft gewollt. Auch durch die Parteien gibt es eine breite Zustimmung. Der Berliner IHK-Präsident Sebastian Stietzel spricht von einem „Innovations- und Investitionsbooster“ für die Hauptstadtregion. Die EXPO ist kein Projekt, das man „mal schauen“ kann. Sie verlangt ein klares politisches Kommittent – und sie bekommt es im Einklang mit Brandenburg.
Olympia – Konkurrenz oder Chance?
Parallel dazu läuft ein zweiter Prozess, der Berlin ebenfalls verändern könnte: die Olympia-Bewerbung. Der Prozess des DOSB (Deutscher Olympischer Sport Bund) für die deutsche Olympia Bewerbung. Berlin ist im Rennen, ebenso München und das Ruhrgebiet um Köln. Nur für Hamburg ist das Rennen nach einem negativen Votum der Bevölkerung vorbei. Die möglichen Jahre: 2036, 2040 oder 2044. Inzwischen hat auch Bundespräsident Steinmeyer seine ursprüngliche Ablehnung vor allem für den Termin 2036 in eine gespannte Zustimmung verwandelt.
Die Debatte wird oft als Entweder-Oder geführt. Doch das greift zu kurz. Olympia und die Paralympics sind ein sportliches Großereignis mit globaler Strahlkraft – aber zeitlich auch sehr begrenzt.
Die EXPO hingegen ist ein sechsmonatiges Innovations- und Wirtschaftsfestival, das langfristige Effekte erzeugt. Das Berlin sich gerne kleiner macht als es ist, vermutlich ein Fehler. Berlin kann Großveranstaltungen, verfügt über eine ausgezeichnete Infrastruktur und wie auch in München, das 1972 die Spiele hatte, sind in Berlin auch ausreichend Sportstätten und Austragungsorte für Olympia bereits vorhanden und nicht alle gehen auf die Olympiade 1936 zurück. Die Stadt würde die gesamten ostdeutschen Bundesländer mit einbeziehen. Aber die Stadt muss sich hier dem nationalen Wettkampf stellen und vor allem die zugezogene Bullerbü-Fraktion verkennt oft die Chance und wünscht sich die Ruhe des Dorflebens in einer der lebendigsten Metropolen der Welt.
Die Frage ist also nicht: Olympia oder EXPO? Sondern: Wie nutzt Berlin beide Chancen, ohne sich zu verzetteln? Die Stadt kann beides, das steht für Wegner inzwischen fest und auch Girl und sein EXPO-Team stehen Olympia positiv gegenüber und sehen vor allem die gemeinsamen Synergien für Innovation und Infrastruktur.
Was auf dem Spiel steht
Berlin hat die seltene Möglichkeit, sich neu zu erfinden – nicht als Hauptstadt des Provisorischen, sondern als Hauptstadt der Zukunft. Die EXPO wäre ein Katalysator für Infrastruktur, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und internationale Sichtbarkeit.
Doch dafür braucht es Mut. Und Mut ist in der Berliner Politik nicht immer die stärkste Währung. Der Berliner bleibt gerne in seinem Kiez, was nicht verwunderlich ist, die Stadt mit ihren Bezirken ist doch gleich ein Dutzend Großstädte. Und noch hat jeder Berliner Bezirk mehr Einwohner als Potsdam, die Landeshauptstadt ist die größte Stadt im umgebenden Brandenburg. Das auch von EXPO und Olympia in seinem Herzen profitiert.
Die Initiative hat geliefert: Konzept, Zahlen, Kampagne, öffentliche Aktionen. Die Wirtschaft steht bereit. Die internationale Konkurrenz formiert sich. Berlin-Brandenburg ist am Zug.
Berlin muss sich trauen – und zwar sofort
Die EXPO 2035 ist kein Selbstläufer. Sie ist eine historische Chance. Eine, die Berlin nicht oft bekommt.
Wenn die Stadt will, muss sie handeln: Bewerbung einreichen, Standort festlegen, politisches Kommittent zeigen.
Denn eines ist klar: Wer zögert, verliert. Und wer mutig ist, gewinnt eine Weltausstellung und Olympia. Berlin kann beides, will es die Stadt? Sicher auch und für eine deutsche Olympia-Bewerbung, auf der nicht Berlin steht, wäre weltweit kaum Verständnis im Spiel.
Wer jetzt handelt, sichert Berlin nicht nur ein globales Ereignis – sondern einen der größten wirtschaftlichen Modernisierungsschübe seit der Wiedervereinigung. | Autor: Jörg Wachsmuth

