Ulrich Siegmund (AfD Sachsen-Anhalt) (Foto: © Ulrich Siegmund)
Montag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Eine Republik mit Bauchschmerzen
Am Montag, den 7. September 2026, nach der Wahl in Sachsen-Anhalt herrscht im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin eine Atmosphäre, die zugleich elektrisiert und irritiert. Ulrich Siegmund, Tino Chrupalla und Alice Weidel sitzen gemeinsam auf dem Podium. Siegmund, irgendwie Typ Strahlemann und Schwiegersohn, grinst wie ein Honigpferd. Er hat die Wahl zwar nicht mit einer absoluten Mehrheit aber Haushoch gewonnen. Der Griff nach der Macht ist drei Sitze im Landtag in Magdeburg entfernt. Er schickt sich an, den Wahlverlierer Sven Schulze (CDU) als Ministerpräsident zu beerben. Dramatisch waren die Verluste für die Partei des einst beliebten Landesvaters Reiner Haseloff, der das Amt erst ende Januar an Schulze übergeben hatte. Für den Quedlinburger Schulze zu wenig Zeit um sich als Landesvater zu entfalten. Gegenüber dem Strahlemann Siegmund wirkte Schulze hofft wie eine Spaßbremse.
Die AfD hat ein historisches Wahlergebnis erzielt, und Ulrich Siegmund, der Fraktionsvorsitzende aus Magdeburg, tritt vor die Hauptstadtpresse mit einer Mischung aus Triumph, Angriffslust und kalkulierter Provokation. „Wir haben es auch dank Ihnen geschafft“ ruft er den Medienvertretern vor ihm zu, es wirkt wie ein Schlag ins Gesicht der anwesenden Journalistinnen und Journalisten. Es ist ein Satz, der die Stimmung dieses Wahlabends einfängt: ein politischer Aufbruch, gespeist aus Frust, Enttäuschung und dem Gefühl, dass die etablierten Parteien den Kontakt zur Bevölkerung verloren haben und mit ihnen auch gleich die Vertreter der sogenannten Hauptstadtmedien. Da sieht er die Berichterstattung zur AfD mehr als Wahlhilfe und Werbung, auch wie das eine Woche vor der Landtagswahl veröffentlichte SPIEGEL-Cover mit seinem konterfrei.
Siegmund selbst ist ein Symbol dieses Aufbruchs. Geboren 1990 in Havelberg, ausgebildet als Gesundheits- und Krankenpfleger, stieg er früh in die Politik ein und wurde 2016 erstmals in den Landtag gewählt. Sein beruflicher Hintergrund dient ihm bis heute als Authentizitätsanker. Er spricht gern davon, die Sorgen der Menschen „aus der Praxis“ zu kennen. In den vergangenen Jahren hat er sich vom sozialpolitisch argumentierenden Nachwuchspolitiker zum strategischen Kopf der AfD Sachsen-Anhalt entwickelt. Er ist jung, rhetorisch geschult, medienkritisch und in der Lage, die Stimmung eines Landes zu kanalisieren, das sich abgehängt fühlt. Sein Aufstieg ist eng verbunden mit einer Region, die seit Jahrzehnten mit Strukturwandel, Abwanderung und Perspektivlosigkeit ringt.
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist ein politisches Beben. Die AfD erreicht 43,8 Prozent und wird mit großem Abstand stärkste Kraft. Die CDU stürzt auf ihr schlechtestes Ergebnis im Land, die Linke verliert weiter an Boden, die SPD bleibt stabil auf niedrigen Niveau bei 9%, die FDP scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde. Das BSW zieht mit 5,3% und 5 Sitzen knapp in den Landtag ein, verändert die politische Landschaft, aber bremst die AfD nicht. Im Gegenteil: Die Fragmentierung der Parteien stärkt die AfD zusätzlich. In vielen Gemeinden, besonders im ländlichen Raum, erreicht sie absolute Mehrheiten. Selbst in den Städten Magdeburg und Halle liegt sie vorn. Die Frage, die nun im Raum steht, lautet: Kann Ulrich Siegmund Ministerpräsident werden? Die Antwort ist kompliziert. Die AfD bräuchte Koalitionspartner, doch keine andere Partei will mit ihr zusammenarbeiten. Dennoch ist die Frage nicht mehr theoretisch. Siegmund selbst vermeidet klare Aussagen, doch sein Auftreten zeigt, dass er sich längst als Regierungschef sieht – oder zumindest als jemand, der die politische Agenda des Landes bestimmt.
Der Erfolg der AfD ist das Ergebnis eines langen Prozesses. Viele Ostdeutsche fühlen sich von den Altparteien nicht mehr vertreten, dazu kommt ein Kanzler der der unbeliebteste seit Gründung der Bundesrepublik ist, Merz, auch Vorsitzender der CDU, und seine Partei beharrt auf die Brandmauer zur AfD auch nach der Wahl, über die Brandklasse wurde nie gesprochen. An der Mauer wird gezündelt, es ist nur eine Frage der Zeit bis sie fällt, in den Städten, Gemeinden und Kreise ist die Brandmauer kein Thema, hier kommen oft Nachbarn und Freunde zusammen um das Beste für ihre Heimat zu erreichen, da spielen Parteibücher keine Rolle mehr. Aber CDU, SPD und Grüne haben in den Augen vieler Bürger den Kontakt zu den Lebensrealitäten verloren und die Linke, als Nachfolgepartei der PDS und SED, klassisch die Partei für den Osten hat ihren Fokus ebenfalls verloren.
Steigende Preise, stagnierende Löhne, unsichere Zukunftsperspektiven und eine ausgedünnte Infrastruktur prägen den Alltag. Die Linke, einst die Protestpartei des Ostens, hat diesen Status verloren. Sie hat sich in Themen verstrickt, die viele Menschen als westdeutsch und akademisch empfinden. Das BSW fängt einen Teil der Enttäuschten auf, doch es verhindert den AfD-Aufstieg nicht. Die AfD profitiert von einem Vakuum, das die anderen Parteien nicht mehr füllen können.
Corona und der Ukraine-Krieg haben diesen Prozess beschleunigt. Die Pandemie erzeugte Misstrauen gegenüber staatlichen Maßnahmen, Frust über Lockdowns und das Gefühl von Bevormundung. Der Ukraine-Krieg führte zu Energiekrisen, Preissteigerungen und Unsicherheit über Deutschlands Rolle. In Teilen Ostdeutschlands existiert zudem eine historisch gewachsene Russland-Nähe, die die AfD geschickt bedient. Siegmund und andere AfD-Politiker verbinden diese Positionen mit dem Gefühl, dass Berlin und Brüssel die ostdeutsche Perspektive ignorierten. Die AfD präsentiert sich als Gegenentwurf zu einer Politik, die viele Menschen als abgehoben empfinden.

Die Medien spielen in diesem Konflikt eine besondere Rolle. Die AfD behauptet seit Jahren, sie werde anders behandelt als andere Parteien. Siegmunds Pressekonferenz ist dafür exemplarisch. Sein Dank an die Presse ist kein Dank, sondern ein Vorwurf. Er meint, die Berichterstattung habe der AfD geholfen, weil sie die Partei dämonisiert und damit mobilisiert habe. Das Spiegel-Cover „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ wird von ihm als unbeabsichtigte Wahlkampfhilfe dargestellt. Die AfD inszeniert sich als Opfer einer angeblich verzerrten Berichterstattung und nutzt diese Erzählung als Mobilisierungsinstrument.
Dass die AfD in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, spielt für viele Wähler keine Rolle. Sie wählen nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Protest, Frust und dem Gefühl, dass „nichts besser wird“. In dieser Stimmung gedeiht die AfD. Sachsen-Anhalt ist eines der strukturschwächsten Bundesländer. Abwanderung, fehlende Industrie, geringe Löhne und ausgedünnte Infrastruktur prägen das Bild. In dieser Leere wächst der Wunsch nach Veränderung – und die AfD bietet diese Veränderung an, zumindest rhetorisch.
Der Wahlsieg der AfD hat internationale Aufmerksamkeit ausgelöst. Elon Musk gratulierte öffentlich und sprach von einem „Signal für Europa“. Donald Trump lobte das Ergebnis als „Beweis dafür, dass die Menschen genug haben von globalistischen Eliten“. Diese Gratulationen sind politisch brisant, denn sie zeigen, wie sehr die AfD inzwischen Teil eines internationalen Netzwerks populistischer Bewegungen geworden ist. Für Siegmund sind solche Worte Rückenwind. Sie passen zu seinem Bild eines politischen Aufbruchs, der weit über Sachsen-Anhalt hinausreicht.
Am Ende dieses Montags im Haus der Bundespressekonferenz bleibt ein Eindruck: Die AfD ist nicht nur eine Partei, sie ist ein Symptom. Siegmund ist nicht die Ursache des politischen Wandels, sondern sein Produkt. Sein Aufstieg zeigt, wie tief der Riss zwischen Politik und Bevölkerung geworden ist. Sachsen-Anhalt steht exemplarisch für einen Osten, der sich neu sortiert – und der die Republik vor eine Frage stellt, die nicht mehr ignoriert werden kann: Was passiert, wenn eine große Zahl von Menschen das Vertrauen in die politische Mitte verliert und sich einer Partei zuwendet, die den demokratischen Konsens herausfordert?
Spontan mobilisierten sich die Menschen um gegen die AfD und den Antifaschismus der Rechtsextremen zu protestieren, in Magdeburg, Halle/S, Dessau und überall in Deutschland. Am Brandenburger Tor in Berlin, wo am 20. September gewählt wird, auf der Straße des 17. Junis waren es gut 14.000 am Dienstag Abend. Ihr Motto „Wehret den Anfängen“ und beschützt die Demokratie. Zumindest eines ist sicher, die Bundesrepublik ist besser vor einer Übernahme geschützt als es die Weimarer Republik war. Die Väter des Grundgesetzes hatten aus der Geschichte gelernt. Aber um die Bildung steht es im Jahr 36 der Wiedervereinigung nicht gut. Der 6. September war wieder eine Zeitenwende, nie zuvor war eine gesichert rechtsextremistische Partei in der Bundesrepublik so stark aus Wahlen hervorgegangen. Die AfD hat auf den letzten Metern noch eine Reihe von Nichtwählern mobilisiert, das Briefwahlergebnis sah deutlich entspannter aus. Text mit KI-Hilfe
