Diskussionsforum mit Moderator Volker Wieprecht, IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner und Prof. Dr. Bernhard Boockmann ( IAW) (Foto: C. Grosse)
Milliardenpotenziale auf der Straße, Blockade in den Amtsstuben: Auf dem Zukunftsforum 2026 im Ludwig-Erhard-Haus hat die Berliner Wirtschaft den chronischen Krisenmodus der Politik für beendet erklärt. Angesichts der exklusiven IAW-Wachstumsstudie fordern Verbände und Top-Unternehmer radikale Reformen statt planwirtschaftlicher Experimente, um Berlins ungenutzte PS endlich freizusetzen. Ein progressiver Weckruf für die Spree-Metropole, der im Vorfeld der bevorstehenden Abgeordnetenhauswahl im anschließenden Programmpunkt mündete: einem knallharten Kreuzfeuer für die Spitzenkandidaten in der Wahlarena der Wirtschaft.
Schluss mit dem chronischen Krisenmodus, her mit einer echten Wachstumsagenda: Am 2. September 2026 wurde das vollbesetzte Ludwig-Erhard-Haus zur Arena für die wirtschaftliche Zukunft der Hauptstadt. Auf dem Zukunftsforum 2026: “ Weltmetropole Berlin – Mit Wirtschaftswachstum in die 2030er Jahre“, ging es um nichts Weniger als eine Radikalkur für den kränkelnden Standort. Im Angesicht der bevorstehenden Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus stand eine fundamentale Frage im Raum: Schafft Berlin endlich den Sprung zur globalen Metropole oder blockiert sich die Stadt weiterhin selbst? Die Wirtschaft fordert unmissverständlich Antworten darauf, wie das Land Investitionen entfesseln, die lähmende Bürokratie zertrümmern und die Hauptstadt für internationale Fachkräfte attraktiv machen will.
Das Milliarden-Versprechen: Berlins ungenutzte PS
Die theoretische Basis für den notwendigen Befreiungsschlag lieferte die exklusiv präsentierte IAW-Studie „Strategie für eine starke Wirtschaftsmetropole“. Die Zahlen des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung sind ein verkapptes Sündenregister der aktuellen Landespolitik: Würde Berlin die bürokratischen Hürden nur um die Hälfte senken, die Stauzeiten halbieren und beim Risikokapital für Deep-Tech-Start-ups auf das Niveau von Paris aufschließen, stünde der Stadt ein Boom in Milliardenhöhe bevor. Zehntausende neue Arbeitsplätze könnten entstehen.
Vom Tempelhofer Feld bis zur EXPO 2035: Tabubrüche mit Zugkraft
Doch die Realität sieht anders aus: Der Wirtschaftsverkehr steckt im Dauerstau, während ideologische Debatten den Fluss der Stadt blockieren. Die Forderungen des Forums sind daher radikal pragmatisch: Ein absoluter Vorrang für den Wirtschaftsverkehr, der Bau von 20.000 Wohnungen pro Jahr durch beschleunigte Verfahren – explizit auch auf dem Tempelhofer Feld – und ein striktes Tabu für planwirtschaftliche Enteignungsphantasien.
Stattdessen müssen bestehende Gewerbeflächen wie ein Heiligtum vor der Umwandlung geschützt und der Flughafen BER endlich konsequent an das internationale Langstreckennetz angebunden werden. Um den nötigen Investitionsdruck zu erzeugen, fordern die Akteure eine Vision mit Zugkraft: Die Bewerbung für die Weltausstellung EXPO 2035.

INFOBOX: Das Milliarden-Versprechen für Berlin
Die wissenschaftliche Basis: Die hier aufgeführten Berechnungen basieren auf der exklusiven Wachstumsstudie „Strategie für eine starke Wirtschaftsmetropole“, die vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) Tübingen, im Auftrag der IHK Berlin, erarbeitet und auf dem Zukunftsforum 2026 vorgestellt wurde. Mittels mathematischer Simulationen wurden acht zentrale Hebel untersucht, die das ungenutzte Potenzial der Hauptstadt beziffern.
Die drei größten Hebel für zusätzliche Wertschöpfung:
- 4,13 Milliarden Euro
Die Stellschraube: Senkung der Vakanzzeiten unbesetzter Stellen um lediglich 10 Prozent durch optimierte Vermittlung und schnellere Verwaltungsprozesse.
- 3,22 Milliarden Euro
Die Stellschraube: Anbindung von sieben zusätzlichen Langstreckendestinationen am Flughafen BER. Nebeneffekt: Entstehung von über 21.000 neuen Arbeitsplätzen
- Auf 2,7 Milliarden Euro
Die Stellschraube: Erhöhung des jährlichen Volumens an Risikokapital (Venture Capital) im Deep-Tech-Sektor, um mit der Weltmetropole Paris gleichzuziehen (Ausgangswert 2025: ca. 461 Millionen Euro).
Die politischen Zielgrößen der Wirtschaft:
- 50 % bürokratische Belastungen für ansässige Unternehmen.
- Halbierung der Stauzeiten im täglichen Berliner Wirtschaftsverkehr.
- 20.000 zusätzliche Neubauwohnungen pro Jahr durch beschleunigte Verfahren.
- 20 % gesteuerte Zuwanderung internationaler Fachkräfte.
- Halbierung der Schulabgänger-Quote im unproduktiven Übergangssystem, um das Matching auf dem Ausbildungsmarkt zu retten.10,6 % Arbeitslosenquote in Berlin (Stand: August 2026) – diesen kritischen Wert will die Wirtschaft durch die Aktivierung der IAW-Hebel drastisch senken.
Behörden-Blues: Wenn Verwaltung zum Standortrisiko wird
Das größte Wachstumshemmnis Berlins sitzt in den Amtsstuben. Die Panel-Diskussionen machten unmissverständlich klar, dass langwierige Genehmigungsprozesse und dysfunktionale Behördenstrukturen zu einem handfesten Standortrisiko mutiert sind. Die Wirtschaft verlangt hier kein zaghaftes Nachbessern, sondern eine digitale Revolution: Eine flächendeckende Automatisierung der Verwaltung und eine gesetzlich verankerte Halbierung aller behördlichen Bearbeitungszeiten.
Wie das in der Praxis aussehen kann, bewies das Projekt KI-InnoX auf der Konferenz. Die Botschaft: Die Technologie für blitzschnelle Antragsverfahren mittels künstlicher Intelligenz ist längst da – die Politik muss sie nur endlich von der Leine lassen.

Frontalangriff auf die Wirtschaft: Der Streit um die Ausbildungsabgabe
Beim Thema Arbeitsmarkt kochten die Emotionen im Saal endgültig hoch. Dass Berlin trotz Fachkräftemangels mit einer komplizierten Arbeitslosenquote kämpft, liegt vor allem an den starren Strukturen. Umso schärfer fiel der Protest der versammelten Unternehmerschaft gegen das politische Lieblingsprojekt der vergangenen Legislaturperiode aus: die geplante Berliner Ausbildungsplatzabgabe. Das Urteil des Forums war vernichtend. Diese Strafsteuer für nicht-ausbildende Betriebe ist ein klassischer politischer Irrweg, der die Unternehmen in konjunkturell ohnehin rauen Zeiten mitten ins Gesicht trifft.
Schluss mit dem Misstrauensvotum: Betriebe fordern Welcome Center statt Strafsteuern
Das Problem ist schließlich nicht der mangelnde Wille der Betriebe – die Berliner Wirtschaft hat zuletzt über tausend neue Lehrstellen aus dem Boden gestampft. Das Problem ist das totale Staatsversagen bei der Bildung: Ein Drittel aller Plätze bleibt leer, weil die Bewerber schlicht nicht ausbildungsfähig sind oder das Matching kollabiert. Die Wirtschaft fordert daher ein Ende des politischen Misstrauensvotums. Statt neuer Zwangsabgaben braucht Berlin eine radikale Beschleunigung der bürokratischen Visa- und Anerkennungsprozesse für ausländische Fachkräfte sowie ein echtes, funktionierendes Welcome Center in der Verwaltung.

Die prägenden Köpfe auf dem Podium
Die Dynamik und intellektuelle Tiefe der Debatten spiegelte sich vor allem in der hochkarätigen Besetzung des Podiums wider, das durch den bekannten rbb-Journalisten Volker Wieprecht mit gewohnter Präzision moderiert wurde. Den Auftakt machte IHK-Präsident Sebastian Stietzel, der in seiner Eröffnungsrede die unbedingte Notwendigkeit von Investitionssicherheit und unternehmerischer Freiheit in den Mittelpunkt stellte und gleichzeitig die geplante Ausbildungsabgabe scharf angriff.
Wertvolle globale Benchmarks steuerte Dr. Tim Moonen, Co-Founder von The Business of Cities, bei, der aufzeigte, wie internationale Weltmetropolen im harten Standortwettbewerb agieren. Die wissenschaftliche Fundierung übernahmen Prof. Dr. Bernhard Boockmann vom IAW und IHK-Hauptgeschäftsführerin Manja Schreiner, die gemeinsam die mathematisch simulierten Hebel der neuen Wachstumsstrategie präsentierten.
Wie sich diese Standortfaktoren konkret auf global agierende Konzerne auswirken, beleuchteten Marie-Anne Popp (CFO bei Delivery Hero SE) und Dr. Bettina von Streit (Standortleiterin der Bayer AG Berlin) im packenden Talk „Why Berlin?“. Flankiert wurden die Diskussionen im Panel „Innovation und Verwaltung“ durch den Investor Thomas Heilmann und Bettine Schmitz (Auxxo Female Catalyst Fund), die tiefe Einblicke in das Start-up-Ökosystem gaben und drastische Entlastungen für Wagniskapital einforderten.

Fazit: Kein Erkenntnisproblem, sondern ein Mutproblem
Das Zukunftsforum 2026 hat bewiesen: Die Berliner Wirtschaft hat die Hausaufgaben für das nächste Jahrzehnt gemacht und die Konzepte geliefert. Berlin hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein massives Umsetzungsproblem. Das theoretische Milliardenwachstum der IAW-Studie liegt greifbar auf dem Tisch. Ob es Realität wird, entscheidet sich an der Wahlurne.
Die kommende Landesregierung wird sich ab dem ersten Tag daran messen lassen müssen, ob sie den Mut aufbringt, die bürokratischen Bremsen zu lösen, auf planwirtschaftliche Experimente zu verzichten und privaten Investitionen den roten Teppich auszurollen. Die Schonfrist für Berlin ist abgelaufen.
Ausblick: Die Spitzenkandidaten im Kreuzfeuer
Der eigentliche Showdown folgte ab 16:30 Uhr in der „Wahlarena der Wirtschaft“. Auf gemeinsame Einladung der vier großen Säulen der Berliner Wirtschaft – der Handwerkskammer Berlin, des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI), der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) und der IHK Berlin – mussten die Spitzenkandidaten der Parteien die Karten auf den Tisch legen.
Stefan Evers (CDU), Steffen Krach (SPD), Werner Graf (Bündnis 90/Die Grünen), Elif Eralp (Die Linke) und Dr. Kristin Brinker (AfD) sahen sich im Live-Stream mit den knallharten Realitäten und Forderungen der Unternehmer konfrontiert. Es wurde ein intensiver Schlagabtausch, der die tiefen ideologischen Gräben in der Berliner Landespolitik offenlegte.
Für Berlin beginnt nun eine entscheidende Phase. Die kommende Landesregierung wird sich direkt daran messen lassen müssen, ob sie den notwendigen politischen Willen aufbringt, um die bürokratischen Bremsen zu lösen und das theoretische Milliardenwachstum der IAW-Studie in die reale Wirtschaftspraxis der 2030er Jahre zu übersetzen.
