Das ICC als TU-Ersatzbau (Fotomontage: J. Wachsmuth)
Wie der bauliche Verfall der Berliner Hochschulen den Innovationsstandort Deutschland gefährdet
Von Jörg Wachsmuth
Berlin nennt sich gern „Wissensmetropole“. Eine Stadt der Forschung, der Start-ups, der Zukunftsindustrien. Doch wer in diesen Tagen über den Campus der Technischen Universität Berlin geht, sieht ein anderes Bild: Eimer in Fluren, gesperrte Türen, Bauzäune, Warnschilder. Und seit dem 9. Mai 2026: ein komplett geschlossenes Hauptgebäude – das Herz einer Exzellenzuniversität, stillgelegt wie ein havariertes Kraftwerk. Seit der Gründung der Königlich Technische Hochschule zu Berlin 1879 war es ein Ort der Lehre, deren Tradition mit der Bauakademie bis auf das Jahr 1799 zurückreicht, die TU Berlin selbst wurde nach dem 2, Weltkrieg 1946 gegründet, jetzt ist sie vor allem ein Ort der Leere.
Die Sperrung ist mehr als ein Verwaltungsakt. Sie ist ein Menetekel. Ein Hinweis darauf, dass der Innovationsmotor Deutschlands ins Stottern geraten ist. Und dass die Hauptstadt, die sich gern als Labor der Zukunft inszeniert, ihre eigenen Grundlagen vernachlässigt hat. Die vor allem bei ausländischen Studenten bevorzugte Universität macht die Stadt nun global zum Gespött.
Ein Exzellenzcampus im Ausnahmezustand
Die TU Berlin steht für Robotik, KI, Verkehrsforschung, Energietechnik – und für eine lange Tradition ingenieurwissenschaftlicher Spitzenleistungen. Doch die Gebäude, in denen diese Forschung stattfinden soll, erzählen eine andere Geschichte.
Wasserschäden ziehen sich durch Wände und Decken. In sozialen Netzwerken kursieren Videos, die zeigen, wie in Büros von Lehrbeauftragten wasserfallartige Ströme aus der Decke schießen. In Laboren tropft es auf empfindliche Geräte. Brandschutztüren schließen nicht mehr. Elektrik ist feucht. Fluchtwege sind blockiert.
Der Sanierungsstau der TU Berlin: 2,4 Milliarden Euro. Eine Zahl, die man eher mit Großflughäfen verbindet als mit Hochschulen.

Die gesperrten Gebäude – und was sie für die Lehre bedeuten
Die Sperrung des Hauptgebäudes ist nur der sichtbarste Teil eines viel größeren Problems. Absperrbänder haben die Türgriffe verschlungen um ihr öffnen zu verhindern. Überall hängen auffällige DIN A4-Zettel mit der Schließungsanordnung vom 8. Mai, einmal in deutsch und einmal in englisch. Ein kopierter Zettel des Studikollektiv Berlin ruft zum wehren gegen Gebäudesperrungen wegen Kürzungen und Sparpolitik auf.

Hauptgebäude – das Herz steht still
Seit dem 9. Mai 2026 ist das Hauptgebäude der TU Berlin geschlossen. Nach einer Besichtigung am Vortag, wurde es von der Feuerwehr kurzfristig gesperrt. Der Brandschutz war nicht mehr gewährleistet, feuchte Wände konnten Kurzschlüsse verursachen und Brandschutztüren schlossen nicht mehr richtig. Es ist nun vollständig auf unbestimmte Zeit geschlossen. Betroffen sind: Das Audimax, zentrale Hörsäle, der Lichthof im Altbauteil, Büros von Professorinnen und Professoren, Verwaltung und Teile der Mensa. Ganz verwaist ist das Gebäude nicht. Ich betrete den Haupteingang durch die ganz rechte Tür. Sie ist offen. Von außen habe ich auch eine Person beim Fensterputzen beobachtet. Gitter zwängen mich auf den Weg zum Pförtnerfenster. Ich begrüße den älteren Herren der dort sitzt mit den worten: „Ich dachte das Haus ist gesperrt“ – „Ja“, antwortet dieser, wir müssen aber hier bleiben, das ist die Brand- und Sicherheitszentrale für den gesamten Campus Charlottenburg. Und allein sei er nicht, sie dürfen sich hier zu zweit langweilen. Sonst ist das Gebäude leer, aber voller noch nicht geräumter Büros. Die Mitarbeiter dürfen dort hin, nach der Terminanmeldung und nur für einen bestimmten Zeitraum wird mir erklärt, Im Falle eines Falles muss die Sicherheitszentrale wissen wo sich die Besucher gerade befinden.

Mathematikgebäude am Ernst-Reuter-Platz
Bereits seit 2023 weitgehend leergezogen ist das von außen moderne Mathematikgebäude, gegenüber dem Hauptgebäude auf der anderen Seite des 17. Juni im zentralen Charlottenburger Campus. Brandschutz und Feuchtigkeit machen eine reguläre Nutzung auch hier unmöglich.

Telefunkenhochhaus
Ein ikonischer Bau – und erneut wegen Wasserschäden geschlossen ist das 14. Stockwerke hohe ikonische Telefunkenhochaus am Ernst-Reuter-Platz. Mehrere Etagen sind unbenutzbar. Das Gebäude mit dem Magenta T der Telekom enthielt unter anderem die T-Labs, eine gemeinsame Forschungseinrichtung mit dem globalen Telekommunikationsriesen.
Weitere Gebäude
Chemie, Architektur, Informatik: überall in den Gebäuden der TU Berlin finden sich Feuchtigkeit, Schimmel, defekte Lüftungen und temporäre Sperrungen.
Die Folge nach der Schließung des Hauptgebäudes: 350 Lehrveranstaltungen pro Woche müssen kurzfristig verlagert, digitalisiert oder verschoben werden. Für die rund 35.000 Studierenden bedeutet das Chaos, Unsicherheit – und im schlimmsten Fall Studienverzögerungen. Die Mängel am Bau verlängern Deutschlands Fachkräftemangel und Schaden schon jetzt der Zukunft der Wirtschaft.
Ein Berliner Problem – oder ein deutsches?
Die TU Berlin ist nicht allein. Auch die andere Berliner Hochschulen kämpfen mit maroden Gebäuden:
- Humboldt-Universität: Hörsäle gesperrt, Sanierungsbedarf im dreistelligen Millionenbereich.
- Freie Universität: Chemiegebäude seit Jahren problematisch, Feuchtigkeit in Dahlem.
- HTW: Platzmangel, veraltete Labore.
- UdK: Schimmel, defekte Lüftungen, eingeschränkte Werkstätten.
Berlin hat ein strukturelles Hochschulbauproblem. Doch es ist nicht nur ein Berliner Problem – es ist ein deutsches Problem.
Während Länder wie Südkorea, Kanada oder die USA Milliarden in moderne Forschungsinfrastruktur investieren, verwaltet Deutschland vielerorts nur noch den Verfall. Was wird also nun aus den 500 Milliarden Infrastruktur in die Bildungsinfrastruktur gesteckt. Der Student in Deutschland ist das Leid ja meist längst gewohnt, wenn er sein Studium beginnt. Nach 12 Jahren Schule, kennt er unter Umständen längst marode Bildungseinrichtungen, Verfall, Wasserschäden und defekte und kaputte Toiletten.


Wirtschaftliche Folgen – wenn Forschung stillsteht
Die TU Berlin ist ein zentraler Innovationsmotor in Deutschland, ihre Forschung und Lehre spielen eine zentrale Rolle bei Energiewende, Verkehrswende, KI-Entwicklung, Robotik, Start-up-Ökosystem und Industriekooperationen.
Wenn Labore geschlossen werden, Experimente ausfallen oder Geräte beschädigt werden, hat das direkte wirtschaftliche Folgen: Drittmittelprojekte verzögern sich, Unternehmen verlieren Forschungspartner, Start-ups verlieren Zugang zu Infrastruktur und zu guter Letzt internationale Talente wandern ab. Professoren folgen lieber dem Ruf anderer Länder als in Berlin darauf zu warten, dass ihnen im wahrsten Sinne des Wortes der Himmel auf den Kopf fällt.
Der Schaden ist messbar – und er wächst täglich.
Verantwortung: Ein politisches Pingpong
Seit der Sperrung gibt es ein Hin und Her zwischen: Wissenschaftsverwaltung, Senat, TU-Präsidium und der Berliner Immobilienmanagement (BIM). Die Universität sagt: „Wir melden seit Jahren die Mängel – aber es passiert zu wenig.“ Der Senat sagt: „Die TU hätte früher reagieren müssen.“
Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Doch während die Verantwortlichen diskutieren, tropft das Wasser weiter. In der Zwischenzeit hat sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner einen Eindruck vom Hauptgebäude der TU gemacht, noch ohne Helm. Der Mann von der Brand- und Sicherheitszentrale lacht: „Noch müssen wir hier nicht mit Helm sitzen, aber wir warten täglich auf die Anweisung.“ Im September stehen Wahlen an. Hier könnte sich Wegner nun als Macher präsentieren, die Angelegenheit zu Chefsache machen und sichtbare Ergebnisse präsentieren. Der Brückenbau an der A100 läuft auch im Hochtempo, die Chefsache ist im Plan, die Pfeiler für die neue Brücke stehen ebenso wie der Fertigstellungstermin Sommer 2027.

Der Vorschlag: Das ICC als Rettungsanker
In dieser Situation braucht es pragmatische Lösungen. Und eine davon liegt – im wahrsten Sinne des Wortes – direkt nebenan. Das ICC Berlin, seit Jahren ungenutzt, wäre ein idealer vorübergehender Ersatzstandort: Riesige Säle, vorhandene Bühnentechnik, Infrastruktur für Großveranstaltungen, direkte Nähe zum TU-Campus, hervorragende Verkehrsanbindung. Der große Saal 1 könnte das Audimax ersetzen. Mehrere kleinere Säle könnten Seminare und Vorlesungen aufnehmen.
Der Vorschlag, das ICC kurzfristig zu öffnen, stammt aus der Redaktion selbst – und er ist realistisch. Berlin hat ein Gebäude, das leer steht, technisch ausgestattet ist und sofort genutzt werden könnte. Was fehlt, ist der politische Wille. Auch der Wettbewerb um die Neunutzung des Gebäudes wäre nicht betroffen, da die TU hier nur vorübergehend nutzen würde. Obwohl sich damit ein ganz neuer Aspekt der Nachnutzung als Universität ergibt, ähnlich wie in Tegel.
Was jetzt passieren müsste
1. Sofortmaßnahmen
- Öffnung des ICC als temporärer Campus
- mobile Laborcontainer
- schnelle Brandschutzprovisorien
- digitale Lehrangebote stabilisieren
2. Mittelfristige Maßnahmen
- Priorisierung der TU im Berliner Haushalt
- Sanierungsfahrplan mit klaren Deadlines
- zentrale Projektsteuerung statt Behördenwirrwarr
3. Langfristige Maßnahmen
- bundesweites Hochschulbauprogramm
- Modernisierung nach internationalen Standards
- strategische Partnerschaften mit Industrie und Stiftungen
Deutschland kann es sich nicht leisten, seine technischen Universitäten verfallen zu lassen. Nicht im Zeitalter von KI, Energiewende und globalem Innovationswettbewerb.

Der Fall TU Berlin ist ein Weckruf
Die Sperrung des Hauptgebäudes ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom. Ein Symptom für eine strukturelle Vernachlässigung, die den Wissenschaftsstandort Deutschland gefährdet.
Die TU Berlin ist eine Exzellenzuniversität – aber Exzellenz braucht Räume, Infrastruktur, Sicherheit. Ohne sie wird aus Exzellenz schnell Exodus.
Der Kollaps im Maschinenraum der Wissenschaft ist ein Warnsignal. Die Frage ist nur: Wird die Politik es hören – oder erst reagieren, wenn der Schaden irreversibel ist?
