Blick vom Nurek Staudamm (Foto: C. Grosse)
Tadschikistan ist nicht nur für seine Gastfreundschaft, seine herzhafte Küche und das traditionelle Nouruz-Frühlingsfest bekannt, sondern vor allem für seine beeindruckende Natur: Rund 93 % des Landes bestehen aus Hochgebirge, dessen Gipfel von 300 bis auf 7.495 Meter in die Höhe ragen. Das landschaftliche Aushängeschild ist dabei der Pamir.
Was jedoch weniger bekannt ist: Das zentralasiatische Land ist auch ein wahres Wasserparadies. Mit 947 Flüssen und einer Gesamtlänge von 28.500 Kilometern bildet Tadschikistan das Rückgrat der zentralasiatischen Wasserversorgung. Mehr als 60 % aller dortigen Süßwasserressourcen – gespeist von den Hauptströmen Amudarya und Syrdarya – entspringen hier. Dieses „blaue Gold“ macht das Land nicht nur zu einem wichtigen Produzenten „grüner“ Energie in Zentralasien, sondern ist auch der entscheidende Motor für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung.
Die Wasserressourcen sind die wichtigste Säule der Energieerzeugung in der Republik Tadschikistan. Etwa 95 % der Elektrizität im Land werden durch Wasserkraftwerke gewonnen – davon 94 % aus großen und mittleren Anlagen. Dank über 350 solcher Kraftwerke entlang der Flüsse des gebirgigen Landes produziert Tadschikistan seine Energie fast zu 100 % CO₂-neutral.
Dieses enorme Potenzial unterstreicht den Status Tadschikistans als Pilotland des UN-Programms für „Nachhaltige Energie für alle“. Die jährlichen Wasserkraftreserven werden auf 527 Milliarden Kilowattstunden geschätzt. Da derzeit 95 % dieses wirtschaftlich nutzbaren Potenzials noch unerschlossen sind, bietet das Land Investoren außergewöhnliche Wachstumsmöglichkeiten

Tadschikistan erzeugt jährlich rund 17 Milliarden kWh Strom, die zu über 95 % aus Wasserkraft stammen. Um diese enorme Kapazität für die Region zu nutzen, und den Ausbau der „Grünen Wirtschaft“ voranzutreiben, gilt das Land, laut internationalen Schätzungen, weltweit als eines der führenden bei der Erzeugung erneuerbarer Energien (Platz 6).
Rund 70 km südöstlich der Hauptstadt Duschanbe liegt die Stadt Nurek. Der dortige Nurek-Staudamm ist mit 300 Metern Höhe weltweit der zweithöchste Damm und die höchste Steinschütttalsperre der Erde, der 2014 von Jinping I in China, abgelöst wurde.
Das in den 1970er Jahren erbaute und gegenwärtig modernisierte Kraftwerk ist das leistungsstärkste Wasserkraftwerk Zentralasiens. Ein beispielloses Bauwerk der Superlative, da seinerzeit sämtliche Baumaterialien auf dem Straßenweg angeliefert werden mussten.
Die Bauarbeiten begannen 1961. Am 26. März 1966 wurde der Kanal des Flusses Wachsch gesperrt. Der erste und zweite Block des Kraftwerks, mit einer Leistung von 300 MW, wurde am 15. November 1972 in Betrieb genommen.

Das Kraftwerk verfügt über neun Blöcke und ging 1979 mit einer Gesamtleistung von 2700 MW in Betrieb. Durch eine Modernisierung im Jahr 1988 wurde die installierte Leistung auf 3000 MW gesteigert. Diese teilt sich auf in acht Blöcke zu je 335 MW und einen Block mit 320 MW. Der Bau der Nurek-Talsperre am Wachsch – einem der wasserreichsten Flüsse der Region – gilt international bis heute als Meisterwerk der Ingenieurskunst. Da die hohe Erdbebengefahr den Bau einer klassischen Betonstaumauer verhinderte, errichtete man einen Steinschüttdamm. Dafür wurde das Flussbett mit lokalem Gestein der umliegenden Berge aufgeschüttet, um einen natürlichen Bergsturz nachzubilden.

Die Vorbereitungsarbeiten zogen sich bis 1969 hin. Ursache hierfür war das anspruchsvolle Baugelände: eine enge Bergschlucht ohne bestehende Zufahrtsstraßen. Um die Baustelle überhaupt erschließen und versorgen zu können, musste zunächst eine eigene Zufahrtsstraße gebaut werden, da sämtliche Güter ausschließlich per Lkw angeliefert werden mussten.
Anfangs kamen dafür MAZ-525-Kipper zum Einsatz. Die später eingeführten BelAZ-540-Kipper brachten schließlich die erforderliche Transportleistung. Mit zeitweise über 100 Lkw-Fahrten pro Tag liefen die Dammaufschüttungen ununterbrochen.

Technische Eckdaten des Baus:
Aushub: 8,2 Mio. m³ (bertriebsoffen) und 1,2 Mio. m³ (unterirdisch)
Dammvolumen: 56 Mio. m³
Verbauter Beton: 1,6 Mio. m³
Stahlkonstruktionen: 62.500 Tonnen
Hohlraumbau (Tunnel, Schächte): 38 km
Zementierungsarbeiten: 393.000 Laufmeter
Der Staudamm ist durch einen inneren Kern aus Lehm und Ton abgedichtet, der 16 Meter unter die Flusssohle reicht. Einige der Konstruktionsmerkmale des Nurek-Staudamms gelten weltweit als einzigartig. Dazu zählen die erdbebensichere Verstärkung des oberen Druckprismas sowie der 704 Meter langen Dammkrone, aber auch die integrierten Beobachtungsgalerien im Kern und in der Krone. Bis 1979 konnten alle neun Wasserkraftblöcke in Betrieb genommen werden.
Ein bemerkenswerter wirtschaftlicher Erfolg: Als 1979 der neunte und letzte Maschinensatz in Betrieb ging, waren die Baukosten bereits vollständig amortisiert. Dies zeugt von der hohen Effizienz des Projekts, das zudem komplett autark realisiert wurde – alle Maschinen, Baumaterialien und die wesentliche Prozessausrüstung stammten aus heimischer Produktion. Heute arbeiten im Kraftwerk Nurek rund 700 Menschen, darunter 160 Frauen. Das Team umfasst 204 Ingenieure und Techniker.

Nurek – Stausee
Der Nurek-Stausee gilt als Jahresregulierungsstausee und befindet sich 70 Kilometer vom Beginn des Staudamms entfernt. Das Volumen des Stausees beträgt 10,5 Kubikkilometer, wovon 4,5 Kubikkilometer für die Stromerzeugung im Herbst und Winter genutzt werden
„Rogun“ – der nächste Gigant am Wachsch
Aktuell im Bau befindet sich das Wasserkraftwerk „Rogun“ am Wachsch. Es ist Teil der sogenannten „Wachsch-Kaskade“ und mit einer installierten Leistung von 3600 Megawatt das größte Kraftwerk in Zentralasien.
Die sechs 600-Megawatt Hydroaggregate des Wasserkraftwerkes werden mit Radialturbinen ausgestattet. Die durchschnittliche jährliche Stromerzeugung im Wasserkraftwerk „Rogun“ wird mehr als 17,0 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr betragen.
Der 335 Meter hohe Wasserkraftdamm wird somit der höchste Steinschüttdamm der Welt sein, der Wasser mit einem Gesamtvolumen von 13,3 Kubikkilometern und einem nutzbaren Wasservolumen von 10,3 Kubikkilometern staut. Das Kraftwerk „Rogun“ ist als Mehrzweck-Wasserkraftwerk geplant, das neben der Stromerzeugung auch der Wasserregulierung, der Verringerung des Hochwasserrisikos und der Bekämpfung von Dürren dienen wird.
Mit dem Bau des Wasserkraftwerks Rogun wurde bereits in den 1970er Jahren begonnen. Aus verschiedensten Gründen wurde der Bau Anfang der 1990er Jahre eingestellt.
Sobald das Kraftwerk Rogun mit voller Kapazität arbeitet, lösen sich zentrale Probleme der Region. Es gleicht die winterliche Stromknappheit vollständig aus und steigert die Exportkapazität des tadschikischen Energiesystems. Zudem verlängert es die Laufzeit aller Wasserkraftwerke der Wachsch-Kaskade. Die dadurch entstehenden technischen Möglichkeiten zur Kaskadensteuerung optimieren das gesamte Energiesystem und erhöhen die Stromerzeugung der flussabwärts gelegenen Anlagen.

Tadschikistan nimmt eine zentrale Rolle bei der Erzeugung „grüner“ Energie in Zentralasien ein und birgt noch weiteres Potenzial. Gemäß der nationalen Entwicklungsstrategie beabsichtigt das Land, seine Energiekapazität bis zum Jahr 2030 auf 10.000 Megawatt zu erhöhen. Diese Maßnahmen dienen nicht nur der wirtschaftlichen Entwicklung Tadschikistans, sondern verbessern auch die Energieversorgung der gesamten Region. Neben der Tatsache, dass Flüsse das Rückgrat der Wasserkraft bilden, zeichnen sie sich durch ihre außergewöhnliche Wasserqualität aus: Das Gletscherwasser der tadschikischen Flüsse entspricht vielfach höchsten internationalen Standards und weist Quellwasserqualität auf

Auf Initiative des tadschikischen Präsidenten Emomali Rahmon, rief die UN-Generalversammlung wegweisende Initiativen ins Leben: das „Internationale Jahr des sauberen Wassers“ (2003), die Aktionsdekade „Wasser für das Leben“ (2005–2015), das „Internationale Jahr der Zusammenarbeit im Wassersektor“ (2013) sowie die aktuelle Aktionsdekade „Wasser für nachhaltige Entwicklung“ (2018–2028).
In seiner jährlichen Botschaft an das Parlament formulierte der Präsident zudem eine klare Vision: Tadschikistan soll bis 2037 in ein „grünes Land“ verwandelt werden. Die Voraussetzungen dafür sind günstig, gehen jedoch mit großen Herausforderungen einher.
