
(Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung) und Gonçalo Saraiva Matias
(portugiesischer Minister für Staatsreform) (Foto: Messe Berlin)
Die Digitalisierung der öffentlichen Hand in Deutschland ist im Jahr 2026 endgültig aus der Nische der reinen IT-Fachthemen herausgewachsen und zu einem zentralen, wirtschaftskritischen Standortfaktor gereift. Auf der Smart Country Convention (SCCON) 2026 in Berlin wurde diese Entwicklung durch eine beispiellose Rekordbeteiligung untermauert: Mehr als 30.000 Besucherinnen und Besucher – ein Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr – strömten auf das Messegelände. Mit über 650 Ausstellern aus 15 Ländern, 900 Speakern und mehr als 1.400 Live-Sessions auf einer massiv erweiterten Ausstellungsfläche von 27.000 Quadratmetern setzte die Messe ein unübersehbares Signal für einen digitalen Ruck in Deutschlands Amtsstuben.
Das digitale Paradoxon: Bürger wollen „Digital Only“, die Verwaltung hinkt hinterher
Trotz des spürbaren Messe-Optimismus legte der veranstaltende Digitalverband Bitkom pünktlich zum Kongressstart eine schonungslose, repräsentative Bevölkerungsumfrage unter 1.004 Bundesbürgern vor. Die Studienergebnisse offenbaren eine tiefe Kluft zwischen dem digitalen Reifegrad der Bevölkerung und der Realität in den Behörden.
Während eine deutliche Mehrheit von 57 Prozent der Menschen fordert, dass Behördenkontakte grundsätzlich digital ablaufen sollten (23 Prozent plädieren sogar für ein konsequentes „Digital Only“), erweist sich der tatsächliche Online-Antrag nach wie vor als Nadelöhr. Zwar nutzen bereits 72 Prozent der Befragten digitale Tools zur Online-Terminbuchung, doch danach reißt die digitale Kette meist ab: Gerade einmal 17 Prozent haben jemals eine echte Verwaltungsleistung, wie eine Wohnsitzanmeldung, komplett im Netz durchgeführt.
„Die Menschen sind beim digitalen Staat weiter als viele Ämter“, mahnte Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. Immerhin: Wenn digitale Dienste angeboten werden, steigt die Zufriedenheit. Bei der reinen Online-Beantragung kletterte dieser Wert im Jahresvergleich von 37 auf 44 Prozent. Der Handlungsauftrag der Praxis lautet folglich: Der Schritt vom Online-Termin zum flächendeckenden Online-Antrag muss jetzt vollzogen werden.
Föderale Leuchttürme: Stuttgart und Hamburg demonstrieren Standardisierung
Dass der föderale Wandel in einigen Regionen bereits beachtliche Früchte trägt, zeigten die offiziellen Index-Präsentationen der SCCON. So triumphierte Stuttgart im Smart City Index 2026 und eroberte im alljährlichen Ranking aller 83 deutschen Großstädte den Spitzenplatz vor den Dauerrivalen München und Hamburg. Ausschlaggebend war dabei Stuttgarts Stärke in der Breite, da sie als einzige Großstadt in allen fünf untersuchten Feldern von Verwaltung, IT und Energie über Mobilität bis hin zur Gesellschaft in den Top 10 landete, im Sektor Energie und Umwelt sogar auf Platz eins. Als dynamische Aufsteiger des Jahres wurden zudem Mönchengladbach, Bremen, Erlangen und Hildesheim prämiert.
Parallel dazu verteidigte Hamburg die Länderkrone und behauptete im Bitkom-Länderindex zum zweiten Mal in Folge den Spitzenplatz. In Zeiten des intensiven Standortwettbewerbs erweist sich die Hamburger Vorreiterrolle zunehmend als handfester wirtschaftlicher Vorteil im Ringen um Unternehmensansiedlungen, Investoren und dringend benötigte Fachkräfte. Die Hansestadt nutzte die Berliner Bühne, um gemeinsam mit anderen Bundesländern für eine radikale Abkehr von teuren kommunalen Eigenbröteleien zu werben.
Experten und Ländevertreter forderten auf den Panels gar eine symbolische „Abwrackprämie für digitale Insellösungen“. Um die Transformation in der Fläche zu beschleunigen, brauche es eine konsequente, flächendeckende Umsetzung des gesetzlich verankerten „Einer-für-Alle-Prinzips“ (EfA) sowie eine zentral gesteuerte Zusammenarbeit anstelle von ineffizientem, lokalem Kleinklein.

Schluss mit dem Flickenteppich: Kultur der Nachnutzung und das Finanzierungsdilemma
Wie diese geforderte Standardisierung konkret aussehen muss, wurde auf dem vielbeachteten SCCON-Panel zur kommunalen Digitalisierung debattiert. Die Experten forderten ein radikales Ende der Projektlogik hin zu skalierbaren Strukturen. Prof. Dr. Kristina Sinemus, Hessens Ministerin für Digitalisierung und Innovation, plädierte für einen echten Schulterschluss über föderale Grenzen hinweg. Dass interkommunale Nachnutzung bereits funktioniert, zeigt ein vom Landkreis Fulda entwickeltes Starkregen-Frühwarnsystem, das via systematischer Nachnutzung mittlerweile in rund 60 Prozent der hessischen Landesfläche ausgerollt wurde. Bund und Länder müssten nun die nötige Infrastruktur, offene Schnittstellen und einheitliche Standards liefern.
Dass dies vor allem eine Frage der Führung ist, unterstrich Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der AG Digitales und Staatsmodernisierung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, und forderte einen tiefgreifenden Kulturwandel in jedem Rathaus, Landratsamt und Ministerium. Ein zentrales Problem bleibt jedoch die behördliche Perspektive: Der Solinger Oberbürgermeister Daniel Flemm mahnte, Prozesse endlich konsequent vom Menschen her und nicht aus Ämterstrukturen heraus zu denken. Er sprach zudem einen wunden Punkt der Kommunalfinanzen an: Da Digitalisierung im Gegensatz zu Schulen oder der Feuerwehr rechtlich nicht zu den Pflichtaufgaben der Kommunen zählt, droht ihr bei den aktuell kippenden kommunalen Haushalten als Erstes der Rotstift. Eine verlässliche, gesicherte Finanzierung und eine straffe Steuerung aus dem Bundesdigitalministerium seien daher unumgänglich.
Technologie allein greift zu kurz: KI-Transformation und intelligente Straßenlaternen
Dass Technologie ohne Kulturwandel wirkungslos bleibt, untermauert auch die auf der SCCON vorgestellte KI-Verwaltungsstudie von Prof. Dr. Dr. Björn Niehaves von der Universität Bremen. Gestützt auf knapp 70.000 Befragte aus der öffentlichen Hand, 300 Workshops und 60 Fallstudien identifizierte er drei Typen der KI-Transformation: Strategie, Technologie und Kultur. Sein Fazit deckt sich mit den kommunalen Forderungen: Die Einführung intelligenter KI-Agenten im Amtsalltag scheitert selten an der Software, sondern primär an verkrusteten Führungskulturen.
Wie greifbar moderne digitale Lösungen Leben retten und Infrastrukturen schützen können, bewies das Projekt „Saarland 3D“. Als Reaktion auf die verheerenden Starkregen-Katastrophen vom Pfingstfrühjahr 2024 nutzt das Bundesland nun einen hochentwickelten Digitalen Zwilling. Dieser verknüpft Geodaten so anschaulich, dass Kommunen Hochwassergefahren präzise vorhersagen, städtebauliche Simulationen fahren und Rettungskräfte im Ernstfall fehlerfrei navigieren können.

Dass handfeste und agile Innovationen für den Public Sector vor allem aus der Gründerszene kommen, bewies das packende Finale des Smart Country Startup Awards 2026, der von Get Started (der Startup-Initiative des Bitkom) ins Leben gerufen und durch Deloitte sowie die de.hub-Initiative unterstützt wurde. Das Frankfurter Green-Tech-Startup ENVIOTECH konnte sich im Pitch gegen vier starke Konkurrenten durchsetzen. Ihre bahnbrechende Lösung verwandelt bestehende städtische Straßenbeleuchtungen in intelligente Infrastruktur-Knotenpunkte für die Smart City. Durch das clevere Nachrüsten mit Sensorik, Kommunikationstechnologie und KI wird die bestehende Infrastruktur smart gemacht, ohne dass Städte kostenintensive Komplettaustausche vornehmen müssen.
„Startups bringen frische Perspektiven, Ambition und ein enormes Tempo mit und helfen so dabei, alte Prozesse grundlegend neu zu denken“, betonte Daniel Breitinger, Leiter Startups und Scaleups beim Bitkom. Der Lohn für den Frankfurter Preisträger: Ein begehrter Bühnenslot auf der kommenden Smart Country Convention 2027 im Gegenwert von 10.000 Euro sowie eine einjährige Bitkom-Mitgliedschaft.

Internationale Impulse und die Premiere des „Resilience Day“
Der Blick über die Landesgrenzen wurde durch das diesjährige Partnerland Portugal geschärft, das im OECD-Vergleich zu den europäischen Spitzenreitern digitaler Staaten zählt. Gonçalo Saraiva Matias, portugiesischer Minister für Staatsreform, eröffnete die Fachmesse gemeinsam mit dem deutschen Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, Dr. Karsten Wildberger. Wildberger betonte in seiner Eröffnungsrede: „Digitalisierung, moderne Verwaltungen und smarte Städte müssen den Alltag der Menschen spürbar einfacher machen. Nur dann wächst das Vertrauen in den Staat.“
Eine vielbeachtete Premiere feierte am Abschlusstag der „Resilience Day“ am 15. Oktober. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen rückte die SCCON damit die Cyber-Resilienz und den Schutz kritischer Infrastrukturen (KRITIS) ins Zentrum. Da die Verwundbarkeit staatlicher IT-Schnittstellen und digitaler Netze im Ernstfall immer auch eine unmittelbare Bedrohung für die eng verflochtene Privatwirtschaft und deren Lieferketten bedeutet, stand das Thema ganz oben auf der ökonomischen Agenda. Ein hochkarätig besetztes Sicherheits-Panel, darunter BKA-Präsident Holger Münch, THW-Präsidentin Sabine Lackner, CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit und Dr. Volker Pötzsch vom Kommando Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, diskutierte intensiv über digitale Souveränität und den wirksamen Kampf gegen Desinformationskampagnen zur Sicherung von Wirtschaft und Demokratie.
Fazit und Ausblick: Der Mut zur Praxis entscheidet
Die Smart Country Convention 2026 hat eindrucksvoll bewiesen, dass die politische und wirtschaftliche Relevanz des digitalen Staates einen historischen Höchststand erreicht hat. Dr. Mario Tobias, CEO der Messe Berlin, brachte das Credo der drei Tage auf den Punkt: „Ein moderner, digitaler Staat entsteht nicht im Alleingang, sondern durch Zusammenarbeit, gegenseitiges Lernen und den Mut, gute Ideen in die Praxis umzusetzen.“
Die Messe hat eine unübersehbare Aufbruchstimmung erzeugt. Nun müssen die Entscheidungsträger in Bund, Ländern und Kommunen diesen Schwung mit in die tägliche Arbeit vor Ort nehmen. Der Erfolg der Staatsmodernisierung wird sich künftig nicht mehr an Messediskussionen oder Absichtserklärungen messen lassen, sondern einzig daran, ob der digitale Wandel sicher, verlässlich und spürbar beim Bürger ankommt. Die Vorbereitungen laufen bereits: Die digitale Public-Sector-Community kommt zur nächsten Smart Country Convention vom 5. bis 7. Oktober 2027 erneut in Berlin zusammen.
