Architektur von Zaha Zadid , das Heydar – Aliyev – Zentrum in Baku (Foto: Christian Grosse)
Architektur von einem anderen Stern
Wer in der Hauptstadt von Aserbaidschan am Kaspischen Meer, in Baku, unterwegs ist, sollte es nicht versäumen im Herzen der Stadt, in grüner Umgebung, einem der markantesten Bauwerke des Landes, dem Heydar – Aliyev – Zentrum, einen Besuch abzustatten.
Das Heydar – Aliyev – Zentrum wurde zwischen 2007 bis 2012 erstellt. Es umfasst eine Bibliothek, ein neues Nationalmuseum, ein Kongresszentrum mit einer Kapazität bis zu 1000 Plätzen sowie Konzertsäle in unterschiedlicher Größe, eingebettet in einem weitläufigen Landschaftspark.
Der Museumskomplex verfügt über eine umfangreiche Dauerausstellung, die dem kulturellen Erbe Aserbaidschans gewidmet ist. Zudem finden ständig Wechselausstellungen mit Werken einheimischer und ausländischer Künstler sowie Konzerte einheimischer und ausländischer Musiker und Künstler statt.
Die Grundstücksgröße beträgt 111.292 m², die gesamte Nutzfläche liegt bei101.801 m². Die hellen und von Licht durchflutenden Innenräume, in denen sich ein avantgardistisches Cafe befindet, sind spektakulär.

Der amtierende Präsident von Aserbaidschan, Ilham Aliyev, ließ das Gebäude in Erinnerung an seinen verstorbenen Vater, den ehemaligen Präsidenten Heydar Aliyev, errichten. Der gesamte Gebäudekomplex erscheint in einem strahlenden Weiss. Das leuchtende Weiß der Verkleidung symbolisiert nicht nur eine strahlende Zukunft, sondern reflektiert auch die Strahlen der hellen Sonne von Baku.
Mit der außergewöhnlichen Architektur des Kulturzentrums wollte man auch die sinnliche Seite der aserbaidschanischen Kultur und den Optimismus vermitteln, mit dem die Einheimischen in die strahlende Zukunft des Landes blicken. Was durch das Einweihungsdatum, den 10. Mai 2012 untermauert wurde. Es war der 89. Geburtstag des Staatsoberhauptes Heydar Aliyev.
Kernelement des Entwurfs ist die Einheit zwischen Plaza, umgebender Landschaft und der doppelt gekrümmten Gebäudehülle. Geschaffen wurde eine ästhetisch einzigartige Gebäudehaut, bei der Wand, Boden und Decke übergangslos ineinander verschmelzen.

In einer ersten Begegnung mit dem avantgardistischen Komplex stellt man sofort fest, dass es mehr ist als nur ein Gebäudekomplex. Von weitem wirkt es beinahe wie ein Raumschiff von einem anderen Stern.
Bei näherer Betrachtung erkennt man sofort, dass es sich um eine architektonische Meisterleistung handelt. Das Heydar – Aliyev – Zentrum gilt als zukunftweisendes Symbol für die Modernisierung und Dynamik des postsowjetischen Aserbaidschans. Beim Anblick des futuristischen Gebäudes hat man das Gefühl, dass jegliche Physik und Statik außer Kraft gesetzt wurden.

Die Architektur des Heydar –Aliyev – Zentrums wurde von der berühmten iraqisch – britischen Architektin, Zaha Hadid, entworfen. Sie ist eine der einflussreichsten zeitgenössischen Architektinnen. Sie betrachte das Heydar – Aliyev – Zentrum als eines ihrer wichtigsten Projekte.
Die irakisch – britische Architektin, Designerin und Hochschulprofessorin, Zaha Hadid, die am 31. März 2016 verstorben ist, war eine Meisterin ihres Fachs. Als erste Frau erhielt sie 2004 die bedeutendste Ehrung in der Architektur, den Pritzker-Architektur-Preis, dem „Nobelpreis“ für Architektur. Im Jahre 2009 wurde ihr der „PraemiumImperiale“verliehen. Dies ist eine jährlich, für herausragende Leistungen, auf dem Gebiet der Kunst oder der Kultur vergebene japanische Auszeichnung.
Ein charakteristisches Merkmal des Architekturstils von Zaha Hadid sind ihre fließenden, kurvigen Linien, dynamische Strukturen und dekonstruierten Formen. Das Vorbild dieses beeindruckenden Komplexes war die Natur. Die Dachfläche des Heydar – Aliyev – Zentrum, die Wellen ähnelt, die buchstäblich ins Kaspische Meer fließen, ist 40 000 m2 groß. Sie besteht aus 2 027 Paneelen mit unterschiedlichen geometrischen Formen.
Die neu geschaffenen Strukturen des Heydar – Aliyev – Zentrums wurden in 2007 mit einem Sieg eines internationalen Architekturwettbewerbs, gekrönt.

Das Kulturzentrum verkörpert perfekt die Bestrebungen einer zukunftsorientierten Nation. Darüber hinaus ist es eine Hommage an die reichhaltige Kultur und Geschichte von Aserbaidschan. Die man in den großzügig, hellen und freundlich gestalteten Räumlichkeiten des Kulturzentrums bewundern kann.
Die komplexe Geometrie des Gebäudes, als auch die geografische Lage der Baustelle, waren ganz spezielle Herausforderungen, nicht zuletzt für die Fassadenplanung.

Die geographische Lage von Baku war zudem eine weitere Hürde, die es zu meistern galt. Baku liegt auf der östlichen Verlängerung eines der Hauptbergrücken des Kaukasus. Was zur Folge hat, dass das Erbebenrisiko erhöht ist. Hinzu kommen die teilweise extremen Wetterbedingungen, die berücksichtigt werden mussten. Es treten häufig Stürme auf. Die Temperaturschwankungen im Sommer und im Winter stellen außergewöhnliche Materialien vor große Herausforderungen. Die Sommer sind heiß und trocken, während die Winter starke Niederschläge und eisige Temperaturen mit sich bringen.
Die lokale Industrie ist stark von Rohöl-Raffinerien geprägt, deren Emissionen bei der Planung der Oberflächen berücksichtigt werden mussten. Dies spielt besonders beim Reinigungsverhalten der Oberflächen eine wichtige Rolle.
Die Idee von Zaha Zadid war es, sich von architektonischen Konventionen zu befreien. Und gleichzeitig die bisherigen Grenzen dessen, was bisher mit Stahl, Glas und Beton möglich war, zu überschreiten, und in neue Dimensionen vorzustoßen. Dies ist ihr mit der Gestaltung des Heydar – Aliyev – Zentrums perfekt gelungen.
Ihre Konstruktionen sollten völlig neue Größenordnungen in der Gestaltung und in den Entwürfen Platz finden. Sie nutzte modernste zukunftsweisende Technologien, wie beispielsweise 3D – Modellierungssoftware. Aber auch, was die Materialien insgesamt betrifft, hat sie die Türen weit aufgeschlagen. Nichts war für Zaha Hadid unmöglich. Im Gegenteil.
Architektonisch neue Formen zu kreieren, war ihre Hauptintension. Am Beispiel des Heydar – Aliyev Zentrums kann man dies bewundern.
Das Material, welches verwendet wurde, ist besonders hervorzuheben. Für die Verkleidung wurden glasfaserverstärkte Betonplatten sowie glasfaserverstärkte Kunststoffplatten gewählt. Da sie einerseits die Plastizität des Entwurfs überhaupt erst ermöglichen als auch andererseits sehr unterschiedlichen funktionalen Anforderungen genügen. Dies hängt davon ab, ob sie im öffentlichen Raum, in der Hülle oder in den Übergangszonen eingebettet wurden.
Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal betrifft die innere und äußere Gebäudehülle, die eine extrem komplexe Freiformgeometrie aufweisen. Dabei handelt es sich um ein 1986 speziell entwickeltes Verfahren in der Computergrafik, um die Form eines Objekts in einer 2D- oder 3D-Grafik zu verändern. Um dieses besondere Design zu erhalten, waren große planerische Anstrengungen erforderlich, um die Produktion und die Installation dieser Hüllen zu ermöglichen.
Die äußere Gebäudehülle besteht aus Modulen mit mehreren Schichten. Jedes Modul ist ein Unikum und hat unterschiedliche Dimensionen. Auf der Baustelle wurden sie entsprechend den jeweiligen Anforderungen vormontiert. Mit einer besonderen, dafür konstruierten Hebevorrichtung, wurden die zusammenhängenden Elemente, die teilweise Dimensionen von bis zu 4 m x 4 m aufweisen, auf das Dach gehoben. Es war eine logistische Herausforderung.
Bei der zweiten äußere Schicht der Dachhaut, die sogenannte „Solid Skin“, handelt es sich um ein vorgehängtes, hinterlüftetes Fassadensystem. Dieses Fassadensystem ist über eine Unterkonstruktion aus verzinktem Stahl mit dem Raumfachwerk des Dachs verbunden.
Die Unterkonstruktion ständert an den Knoten des sogenannten „Space Frame“ auf. Im Bauingenieurwesen und in der Architektur ist ein „Space Frame“ ein Raumfachwerk oder eine Raumstruktur – 3D-Fachwerk – mit einer starren, leichten, fachwerkartigen Struktur aus ineinandergreifenden Streben in einem geometrischen Muster.

Diese einzigartige Technik ermöglicht die Überbrückung großer Flächen mit wenigen inneren Stützen. Nur durch diese besondere Technik war es möglich, die Formen des Heydar – Aliyev – Zentrums nach außen hin so harmonisch darzustellen. Die „Solid Skin“ geht nahtlos in den Platz vor dem Gebäude über. Die gesamte Dachfläche beträgt ca. 39.100 m², während die Plaza, das Gelände vor dem Kulturzentrum, gut 9.000 m² groß ist.
Das Heydar – Aliyev Zentrum stellt einen Meilenstein in Engineering und Konstruktion von 3D Freiform-Gebäuden dar. Der Einzigartigkeit des Einsatzes von modernsten Computer-Design-Methoden ist es zu verdanken, diese einzigartige Architekturversion Realität werden zu lassen. Nicht zu vergessen sind die dazugehörigen qualifizierten Ingenieure sowie hoch- spezialisierte Firmen, ohne die eine Umsetzung einer solchen Vision nicht möglich gewesen wäre.












