Der Deckel bleibt an der Flasche - was bringt die EU-Vorgabe (KI-Bild)
Zwischen Gewöhnung und Umweltschutz: Die Bilanz nach einem Jahr EU-Vorgabe
Seit dem 3. Juli 2024 sind feste Deckel – sogenannte „Tethered Caps“ – bei Einweg-Kunststoffflaschen in der EU Pflicht. Die Maßnahme, Teil der EU-Richtlinie 2019/904 zur Reduktion von Einwegkunststoffen, soll verhindern, dass lose Verschlüsse in der Umwelt landen. Ein Jahr später stellt sich die Frage: Was hat sich verändert – für Verbraucher, Unternehmen und die Umwelt?
Verbraucherreaktionen: Zwischen Frust und Akzeptanz
Die Einführung der festen Deckel hat bei vielen Konsumenten zunächst für Unmut gesorgt. Der Deckel, der beim Öffnen an der Flasche bleibt, stört beim Trinken und wirkt ungewohnt. In sozialen Medien wurde die Maßnahme teils belächelt, teils kritisiert. Doch laut Verpackungstechnologen wie Markus Prem ist die Umstellung vor allem eine Frage der Gewöhnung.
Inzwischen zeigt sich: Die Akzeptanz wächst. Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK ergab, dass 62 Prozent der Befragten die Maßnahme inzwischen als sinnvoll einstufen – vor allem, wenn der Umweltaspekt erklärt wird. Der Frust über die Handhabung bleibt, aber die Bereitschaft zur Anpassung ist da.
Umweltbilanz: Weniger Plastikmüll, aber keine Wunder
Ziel der festen Deckel ist es, die Zahl der Kunststoffverschlüsse in der Umwelt zu reduzieren. Laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM) wurden in Deutschland jährlich rund 1,2 Milliarden lose Deckel nicht korrekt entsorgt – ein erheblicher Teil davon landete in Parks, Flüssen oder auf Straßen.
Nach einem Jahr zeigen erste Auswertungen: Die Zahl der herumliegenden Kunststoffdeckel ist in städtischen Gebieten um etwa 30 Prozent gesunken. Besonders in Küstenregionen und touristischen Hotspots wie Sylt oder Rügen berichten Kommunen von weniger Plastikmüll am Strand1. Ein Erfolg – wenn auch kein Durchbruch.
Recycling und Kreislaufwirtschaft: Ein kleiner Baustein
Die festen Deckel sollen auch das Recycling verbessern. Wenn Deckel nicht mehr verloren gehen, landen sie mit der Flasche im Pfandsystem – und damit im Recyclingkreislauf. In Deutschland funktioniert das Pfandsystem ohnehin gut: Rund 98 Prozent der PET-Flaschen werden zurückgegeben.
Doch die neue Regelung bringt einen zusätzlichen Vorteil: Die Deckel bestehen nun oft aus Monomaterialien, die besser recycelbar sind. Hersteller wie Coca-Cola haben frühzeitig umgestellt und nutzen schmalere Gewinde, die weniger Kunststoff benötigen. Damit wird nicht nur die Recyclingquote verbessert, sondern auch der Materialeinsatz reduziert.
Wirtschaftliche Folgen: Investitionen und Umstellungen
Für die Getränkeindustrie war die Umstellung alles andere als trivial. Maschinen mussten angepasst, neue Verschlusssysteme entwickelt und Produktionsprozesse verändert werden. Laut dem Verband Deutscher Getränkehersteller (VDG) lagen die durchschnittlichen Investitionskosten pro Betrieb bei rund 250.000 Euro.
Große Unternehmen wie Nestlé, Danone oder Coca-Cola konnten die Umstellung frühzeitig planen und umsetzen. Mittelständische Betriebe hingegen mussten teils kurzfristig reagieren. Einige Hersteller berichten von Lieferengpässen bei geeigneten Verschlusssystemen und steigenden Produktionskosten.
Doch es gibt auch positive Effekte: Die Umstellung hat Innovationen angestoßen. Neue Maschinen sind effizienter, die Verpackungen leichter und ressourcenschonender. Langfristig könnten sich die Investitionen also amortisieren – nicht zuletzt durch ein besseres Image im Bereich Nachhaltigkeit.
Internationale Perspektive: Deutschland als Vorreiter, aber nicht allein
Deutschland ist mit seinem Pfandsystem ein Sonderfall. In vielen EU-Ländern gibt es keine flächendeckende Rückgabe von Einwegflaschen. Dort landen Deckel deutlich häufiger in der Umwelt. Die EU-Richtlinie zielt daher auf einheitliche Standards ab – auch wenn der Effekt in Deutschland geringer ausfällt.
Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland berichten von deutlich positiven Effekten. Dort ist die Zahl der Plastikdeckel in der Umwelt laut lokalen NGOs um bis zu 50 Prozent gesunken. Die Maßnahme zeigt also Wirkung – vor allem dort, wo bisher wenig reguliert wurde.
Fazit: Kleine Maßnahme mit spürbarer Wirkung
Ein Jahr nach Einführung der festen Deckel zeigt sich: Die Maßnahme ist kein Allheilmittel, aber ein sinnvoller Baustein im Kampf gegen Plastikmüll. Verbraucher gewöhnen sich langsam an die neue Handhabung, Unternehmen haben investiert und die Umwelt profitiert – zumindest in Teilen.
Für die Wirtschaft bedeutet die Umstellung zunächst Aufwand, langfristig aber auch Chancen. Die Verpackungsindustrie entwickelt neue Lösungen, die nicht nur gesetzeskonform, sondern auch nachhaltiger sind. Und für die Umwelt ist jeder eingesparte Deckel ein Gewinn – auch wenn der große Wurf noch aussteht.
Quellen:
- Antenne.de zur EU-Richtlinie und Reaktionen
- CHIP.de über die Funktion und Vorteile der Tethered Caps
- IHK Karlsruhe zur rechtlichen Grundlage und Umsetzung