Büste vom kasachischen Nationaldichter Abai Qunanbajuly vor der Botschaft der Republik Kasachstan in der Bundesrepublik Deutschland (Foto: Botschaft der Republik Kasachstan)
„Wer die Sprache und Kultur eines anderen Volkes lernt, wird diesem Volk gleichgestellt.“ – Abai Qunanbajuly
Wer im dynamischen Markt Zentralasiens nachhaltigen Erfolg sucht, muss mehr als nur Kennzahlen verstehen. Das ethische und wirtschaftliche Fundament des modernen Kasachstans beruht auf den Lehren seines Nationaldichters Abai. Warum seine Philosophie heute der wahre Schlüssel zu erfolgreichen Partnerships und zukunftsweisenden Märkten ist.
Wer heute in den dynamischen Markt Zentralasiens investieren möchte, kommt an einem Namen nicht vorbei: Abai Qunanbajuly. Was für Deutsche Johann Wolfgang von Goethe ist, ist für Kasachen Abai (1845–1904). Er ist nicht nur der unangefochtene Nationaldichter, sondern das ethische Fundament eines Landes, das sich rasant vom ehemaligen Nomadenstaat zu einem globalen Wirtschaftsakteur wandelt. Für internationale Entscheider bietet sein Werk den Schlüssel, um die Mentalität, die Geschäftskultur und die wirtschaftlichen Ambitionen des modernen Kasachstans zu verstehen.
Vom Nomaden-Epos zur globalen Moderne
Im 19. Jahrhundert stand die kasachische Steppe vor einem tiefgreifenden Wandel. Die jahrhundertealte Kultur wurde bis dahin fast ausschließlich mündlich durch improvisierende Volkssänger weitergegeben. Abai vollbrachte das historische Kunststück, diese reichhaltige traditionelle Kultur in eine moderne, präzise Schriftsprache zu gießen.
Doch er war weit mehr als ein Literat. Als visionärer Kulturübersetzer verband er die Philosophie des Orients mit dem Denken des Westens. Er übersetzte europäische Geistesgrößen wie Goethe und Schiller ins Kasachische und öffnete seinem Volk ein Fenster zur Welt.
Hierbei zeigt sich eine faszinierende historische Dynamik: Oft wird fälschlicherweise vermutet, dass Johann Wolfgang von Goethe den kasachischen Denker übersetzt haben könnte. Dies war jedoch zeitlich unmöglich, da Goethe bereits 1832 verstarb – also 13 Jahre vor Abais Geburt im Jahr 1845. Der literarische Einfluss verlief somit genau umgekehrt. Abai bewunderte die deutsche Klassik und übertrug über den Umweg russischer Zwischenübersetzungen, unter anderem von Michail Lermontow, Goethes berühmtestes Naturgedicht „Wanderers Nachtlied“ („Über allen Gipfeln ist Ruh“) meisterhaft ins Kasachische.
Seine Übersetzung unter dem Titel „Scharanghy tünde tau ghalghyp“ (In der finsteren Nacht erbebt der Berg) war ein künstlerischer Geniestreich und wurde in seiner Heimat so populär, dass das Werk dort über Generationen hinweg zu einem traditionellen Volkslied avancierte.
Von der Steppe in den Druck: Deutsche Übersetzungen im Überblick
Abai verstand schon damals, dass Isolation wirtschaftlichen und kulturellen Stillstand bedeutet – eine Erkenntnis, die die heutige, pro-westliche Außen- und Wirtschaftspolitik Kasachstans bis heute prägt. Dass dieses literarische Band keine Einbahnstraße blieb, dokumentieren die offiziellen deutschen Verlagsregister und Bibliothekskataloge, in denen Abais Kernwerk prägnant verzeichnet ist. Seine Lyrik wurde von Leonhard Kossuth nachgedichtet und 2007 unter Federführung des Herausgebers Herold Belger im Gedichtband „Abai. Zwanzig Gedichte“ (ISBN 978-3939372066) veröffentlicht.

Abais philosophisches Hauptwerk, die „Worte der Erbauung“, wurde für die moderne 10-bändige Gesamtausgabe von der Übersetzerin Larissa Sacharowa und dem Germanisten Hans Freitag fundiert ins Deutsche übertragen. Ergänzt wird diese Rezeption durch den vierteiligen, weltberühmten biografischen Epochenroman über den Dichter, verfasst von Muchtar Äuesow. Das Monumentalwerk wurde historisch von einem DDR-Übersetzerkollektiv (u. a. im Verlag Volk und Welt) aus dem Russischen übersetzt und erschien in geteilten Bänden wie „Abai: Vor Tau und Tag“ (ISBN 978-3899302622) und „Abai: Über Jahr und Tag“ (ISBN 978-3899304305).
Ein moralischer Kompass für moderne Märkte
„Das Fundament für ein gutes Leben bilden Fleiß, tiefe Einsicht und ehrliche Arbeit.“ – Abai Qunanbajuly
Abais philosophisches Meisterwerk sind die eben erwähnten Worte der Erbauung (Kara Sösder). In 45 prägnanten Essays hinterließ er ein Vermächtnis, das heute zur Pflichtlektüre jedes kasachischen Managers gehört. Seine dort formulierten Weisheiten lesen sich überraschend modern und lassen sich direkt auf zeitgemäße Konzepte wie Corporate Governance und Business Ethics übertragen.
In seinen Schriften betonte der Denker immer wieder, dass das Fundament für ein gutes Leben vor allem Fleiß, tiefe Einsicht und ehrliche Arbeit bilden. Abai kritisierte schonungslos die Trägheit sowie die Korruption seiner Zeit und forderte stattdessen eine Gesellschaft, die auf Leistung, Transparenz und kontinuierlicher Bildung basiert. Genau auf diese historische moralische Instanz beruft sich die moderne kasachische Regierung bei ihren aktuellen Markt- und Transparenzreformen, um das Vertrauen ausländischer Geldgeber zu stärken.
Der „Cultural Fit“ als harter Wettbewerbsvorteil

Für ausländische Marktteilnehmer liefert Abai zudem ein starkes Plädoyer für den internationalen Austausch. Er argumentierte, dass derjenige, der die Sprache und Kultur eines anderen Volkes lernt, diesem Volk gleichgestellt wird und vor ihm nicht die eigene Würde verliert. In der zentralasiatischen Geschäftswelt, in der erfolgreiche Abschlüsse massiv auf persönlichen Beziehungen und tiefem Vertrauen basieren, ist dieses Wissen ein echter Türöffner. Wer Abais Maximen im Dialog mit lokalen Partnern oder Ministerien zitiert, beweist Respekt für die nationale Identität und schafft sofort eine tragfähige Verhandlungsbasis.
Globale Talente und die Philosophie der Multivektor-Politik
Gleichzeitig bildet Abais Philosophie das Fundament der modernen kasachischen Talentstrategie. Seine Forderung nach globaler Bildung spiegelt sich eins zu eins im renommierten staatlichen Bolashak-Stipendium wider, das seit den 1990er-Jahren zehntausende Spitzenkräfte an westliche Elite-Universitäten entsandt hat.
Unternehmen finden vor Ort dadurch einen Pool an hochqualifizierten, mehrsprachigen und westlich orientierten Managern vor, die Abais Ethik verinnerlicht haben. Auch die heutige Geopolitik des Landes – die sogenannte Multivektor-Politik, die balancierte Wirtschaftsbeziehungen zu China, den USA und der EU gleichermaßen pflegt – entspringt dieser tief verwurzelten Philosophie der strategischen Weltoffenheit.

Gelebte Tradition: Der staatliche „Abai-Tag“ als Kultur- und Wirtschaftsmotor
Wie tief verwurzelt dieses Erbe in der modernen Gesellschaft ist, zeigt sich jedes Jahr am 10. August, dem offiziellen staatlichen „Abai-Tag“. Der im Jahr 2020, anlässlich seines 175. Geburtstags, per Präsidentendekret ins Leben gerufene Feiertag, verwandelt das gesamte Land in eine lebendige Kulturbühne. Tausende von Bildungs- und Kulturveranstaltungen prägen das öffentliche Bild. Landesweit finden offene Poesiewettbewerbe, öffentliche Marathon-Lesungen der Worte der Erbauung und feierlichen Blumenniederlegungen an den monumentalen Abai-Denkmälern statt.
Besonders eindrucksvoll sind die sogenannten „Dombra-Partys“ auf öffentlichen Plätzen, bei denen Musiker die traditionelle kasachische Langhalslaute spielen, sowie Orchesterkonzerte und Theateraufführungen. Museen und Bibliotheken öffnen digitalisierte Archive, während zeitgleich großflächige Porträts des Dichters an Häuserfassaden moderner Metropolen gemalt werden.
Für die Business-Welt bietet dieser Tag ebenfalls eine Plattform: In Universitäten und Kongresszentren treffen sich Ökonomen, Politiker und Wirtschaftsführer zu hochkarätigen Foren und Seminaren. Sie diskutieren die moderne Relevanz der 45 Lehren des Aufklärers für fairen Handel, Ethik im Management und die rasant wachsende Tourismusindustrie, die rund um den Feiertag einen regelrechten Pilgerboom in Abais Geburtsregion verzeichnet.
Die Region Abai: Das neue Epizentrum für Rohstoffe und Logistik
Dass Abais Erbe keine reine Nostalgie ist, zeigt die jüngste Verwaltungsreform des Landes. Im Juni 2022 gründete Präsident Tokajew die neue Verwaltungsregion Abai im Osten des Landes. Das administrative Zentrum ist die historische Stadt Semei – nahe dem Geburtsort des Dichters.
Für die Wirtschaft ist diese Region von strategischer Bedeutung: Sie grenzt direkt an Russland sowie China und ist reich an Bodenschätzen wie Kupfer, Gold und Seltenen Erden. Die Benennung der Region nach dem Nationalaufklärer ist ein klares Signal an internationale Konzerne: Wirtschaftswachstum und industrielle Erschließung sollen hier untrennbar mit den traditionellen Werten von Nachhaltigkeit, Bildung und sozialer Verantwortung verknüpft werden.
Sichtbares Zeichen der Freundschaft: Ein Denkmal für Abai

Die kulturelle und diplomatische Achse zwischen Deutschland und Kasachstan reicht bis in die deutsche Bundeshauptstadt. Im Berliner Bezirk Pankow (Ortsteil Rosenthal) liegt die Abajstraße. Die rund 180 Meter lange Straße wurde am 14. Februar 2000 feierlich eingeweiht.
Die Standortwahl war von hoher symbolischer und praktischer Relevanz, denn sie grenzt direkt an das Areal der Botschaft der Republik Kasachstan, die nur ein Jahr später, im Jahr 2001, von der damaligen Bundeshauptstadt Bonn hierher in den Berliner Norden zog. Wer hier als deutscher Unternehmer diplomatische oder wirtschaftliche Kontakte knüpft, geht sprichwörtlich den Weg über Abais Fundament.
Ein Stück Kasachstan in Berlin – Kulturelle Brücke an der Botschaft
Direkt auf diesem geschichtsträchtigen Gelände der Botschaft wurde am 22. Oktober 2021 das neue Abai-Denkmal feierlich enthüllt. Das Kunstwerk wurde von dem bekannten kasachischen Künstler und Bildhauer Bolat Mekebajew geschaffen. Der in Deutschland lebende Kunstschaffende, der auch Preisträger der internationalen Vereinigung „Art of People Around the World“ ist, verbindet in seinen Werken stets seine zentralasiatische Heimat mit Europa.
Anlass für die Errichtung des Denkmals waren der 175. Geburtstag des Nationaldichters sowie das 30-jährige Jubiläum der Unabhängigkeit Kasachstans. Bei der feierlichen Einweihung betonte die damals anwesende kasachische Kulturministerin, dass Abai in seinen Werken stets die Werte von Arbeit, nachhaltiger Entwicklung und internationaler Freundschaft pries – Botschaften, die nun an der Abajstraße ein sichtbares Zeichen der Völkerverständigung setzen.
Fazit
Abai Qunanbajuly ist das entscheidende Bindeglied zwischen Tradition und Moderne. Wer in Kasachstan nachhaltige und krisenfeste Geschäftsbeziehungen aufbauen will, investiert nicht nur in Infrastruktur und Rohstoffe, sondern vor allem in das Verständnis einer Kultur, deren wirtschaftlicher Herzschlag bis heute von den Worten ihres großen Aufklärers bestimmt wird.
