Kommt eine neue Zeitung? (Foto mit KI)
Im Februar 2026 soll in Chemnitz ein neues Medienprojekt starten: die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ). Der Verleger Holger Friedrich, bekannt durch die Rettung der Berliner Zeitung im Jahr 2019, will mit diesem Titel die ostdeutsche Medienlandschaft neu beleben. Sein Versprechen: mehr lokale Sichtweisen, mehr Raum für Debatten und ein publizistischer Gegenpol zu den etablierten westdeutschen Verlagshäusern.
Ein Projekt mit Signalwirkung
Die OAZ soll zunächst digital erscheinen, später auch gedruckt. Friedrich kündigte an, die ersten Wochen selbst redaktionell tätig zu sein, bevor ein Team von Journalistinnen und Journalisten übernimmt. Gesucht werden derzeit Redakteure in Chemnitz – ein Standort, der bewusst gewählt wurde, um ein Signal aus dem Osten zu senden. Perspektivisch sollen weitere Ableger in allen ostdeutschen Landeshauptstädten folgen.
Technologisch setzt das Projekt auf KI-gestützte Online-Angebote, die Inhalte schneller und modular verfügbar machen sollen. Damit reagiert Friedrich auf die Herausforderungen einer Branche, die durch Plattformen und Suchdienste unter Druck steht.
Lokale Kompetenz und Debattenraum
Friedrich betont, dass die OAZ „völlig versachlichte Informationen“ liefern soll, zugleich aber einen größeren Debattenraum eröffnet. Themen wie Ökologie, Demografie, Machtverteilung und Transformationserfahrungen sollen stärker berücksichtigt werden. Damit will er eine Lücke schließen: Viele Menschen im Osten fühlen sich von den etablierten Medien nicht repräsentiert.
Stimmen und Kritik
Die Ankündigung stößt auf gemischte Reaktionen.
- Befürworter sehen eine Chance, ostdeutsche Perspektiven stärker einzubringen und die publizistische Vielfalt zu erweitern.
- Kritiker warnen, Friedrich gebe auch gesellschaftsfeindlichen Positionen zu viel Raum. Seine Berliner Zeitung wurde wiederholt dafür kritisiert, populistischen Stimmen Platz zu bieten.
- Medienexperten betonen, dass die monopolähnlichen Strukturen in Ostdeutschland dringend neue Konkurrenz brauchen.
Medienlage im Osten
Studien zeigen deutliche Unterschiede zwischen Ost und West:
- Die Bindung an lineares Radio ist im Osten stärker, die Mediennutzung insgesamt höher.
- Laut Info-Monitor 2025 fühlen sich 34 Prozent der Befragten in ihren Themen nicht repräsentiert.
- Der Reuters-Report 2025 beschreibt wirtschaftliche Unsicherheiten, sinkendes Vertrauen und die Bedrohung durch KI-gestützte Plattformen.
Das Fazit: Es gibt ein Vakuum an regionaler, unabhängiger Berichterstattung, das die OAZ füllen könnte.
Der Verleger Holger Friedrich
Friedrich, Jahrgang 1966, stammt aus Ost-Berlin. Nach einer Karriere als IT-Unternehmer und Manager bei SAP übernahm er 2019 den Berliner Verlag mit Berliner Zeitung und Berliner Kurier. Damit bewahrte er ein Traditionsblatt vor dem Aus.
Seine Biografie ist nicht frei von Kontroversen: Bekannt wurde seine frühere Stasi-Verstrickung, die er selbst als „Notsituation“ darstellte. Kritiker werfen ihm Nähe zu populistischen und russlandnahen Positionen vor. Dennoch sieht er sich als „leidenschaftlichen Zeitungsmann“, der Debattenräume öffnet und ostdeutsche Perspektiven bewahrt.
Wirtschaftliche Perspektiven
Die Chancen für die OAZ liegen in einem Markt, der unterversorgt ist. Neue Titel könnten Leserinnen und Leser gewinnen, die sich von etablierten Medien entfremdet haben. Risiken bestehen in der Konkurrenz durch öffentlich-rechtliche Sender und westdeutsche Verlagshäuser sowie in der Skepsis gegenüber Friedrichs publizistischem Kurs.
Friedrich verweist auf die Transformationserfahrung Ostdeutschlands als „Schatz“, der journalistisch gehoben werden müsse. Ob dieser Schatz auch wirtschaftlich tragfähig ist, bleibt abzuwarten.
Fazit
Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung ist ein ambitioniertes Projekt, das die Medienvielfalt im Osten stärken könnte. Ob es gelingt, hängt von der Balance zwischen lokaler Kompetenz, Debattenkultur und wirtschaftlicher Tragfähigkeit ab. Friedrichs Rolle als polarisierender Verleger macht das Projekt zugleich spannend und riskant.