Der Schriftsteller Michael Ende übte in seinen Romanen auch Gesellschaftskritik, wie etwa in „Momo“, der 1973 erchienen ist (Foto: KI-Art für NewsMark)
Als Michael Ende 1973 seinen Roman Momo veröffentlichte, ahnte er nicht, wie zeitlos seine Kritik an den „grauen Herren“ bleiben würde. Sie stehlen den Menschen die Zeit, indem sie sie zu immer mehr Effizienz und Produktivität drängen – und dabei das Wesentliche vergessen: das Leben selbst. In den Romanen des 1995 verstorbenen Schriftsteller und einen der erfolgreichsten deutschen Jugendbuchautoren war immer wieder ein Stück Gesellschaftskritik zu finden.
Heute, über 50 Jahre später, bleibt die Geschichte um Momo weiterhin populär, kam doch gerade dieses Jahr eine Neuverfilmung des Bestellers in die Kinos. Die grauen Herren sind aber längst Teil unserer Realität. Aus Sicht der Wirtschaft tragen sie die Namen Bürokratie, Berichtspflichten und Verwaltungsaufwand. Unternehmerinnen und Unternehmer kämpfen nicht nur mit Märkten und Fachkräftemangel, sondern auch mit Formularen, Fristen und regulatorischen Labyrinthen. Die Frage ist: Hat sich seit Momo etwas verbessert – oder ist die Bürokratie noch dichter geworden?
Bürokratiebelastung in Deutschland und Europa
Laut einer aktuellen Eurobarometer-Umfrage aus 2025 sehen 28 % der deutschen KMU die Bürokratie als ihr größtes Problem an, in Österreich sind es 42 %, in Tschechien sogar 50 %. Länder wie Finnland (22 %) und Norwegen (18 %) schneiden hier deutlich besser ab, dies auch dank konsequenter Digitalisierung und Verwaltungsvereinfachung.

In Deutschland müssen KMU durchschnittlich 32 Stunden pro Monat in Bürokratie investieren – das entspricht fast einer kompletten Arbeitswoche und bindet nicht nur Zeit und Arbeitskraft, sondern verursacht auch erhebliche Kosten. Kurz: Bürokratie hält von der Arbeit ab, stiehlt Zeit, so wie die Grauen Herren in Momo.
Nach dem KfW-Mittelstandspanel werden 7% der gesamten Arbeitszeit der KMU in bürokratische Prozesse investiert. Das sind hochgerechnet auf die Wirtschaft 1,5 Milliarden Arbeitsstunden jährlich und damit Kosten von rund 61 Milliarden Euro, allein für die Arbeitszeit. Das ifo Institut stellte im November 2024 in einer Studie fest, dass die Bürokratie die deutsche Wirtschaft jährlich bis zu 146 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung kosten. Um die Debatte um das Deutschland-Ticket kurz aufzugreifen: Kostenloser Nahverkehr in ganz Deutschland würde rund 15 Milliarden Euro pro Jahr kosten und sich sicher positiv auf den CO2-Außstoß auswirken, ein Jahr ohne Bürokratie spart soviel ein, wie zehn kostenloser Jahre ÖPNV kosten.
Der Normenkontrollrat warnt: „Die Bürokratie wächst nicht nur in der Tiefe, sondern auch in der Breite. Immer mehr Unternehmen werden durch indirekte Berichtspflichten belastet.“ Und die Folgen durch den Bürokratie-Overkill sind empfindliche Strafen und Ordnungsgelder durch eigens geschaffene Behördenmonster, die dann dazu führen, dass überforderte Mittelständer auch in Firmen- und sogar Privatinsolvenzen getrieben werden. Seit Jahren schreiben sich die Bundesregierungen den Kampf gegen die Bürokratie auf die Fahnen, scheitern aber immer wieder an den Mühlen der eigenen Verwaltung. Dazu erstaunliche zu berichten weiß auch die ehemalige Berliner Verkehrssenatorin und jetzige Geschäftsführerin der IHK-Berlin, als sie im August 2025 zu Gast war im Küchen-Studio-Dialog in Berlin.
„Entlastungskabinett“
Die Beschlüsse vom 5. November 2025
Der Kampf gegen die Bürokratie wird auch von der aktuellen Bundesregierung unter Kanzler Merz gefochten, Anfang November 2025 wurde eine Kabinettssitzung ausschließlich dem Bürokratieabbau gewidmet. Dort gab es erste konkrete Maßnahmen. Der Wohnungsbau-Turbo soll Abweichungen vom Planungsrecht bis 2030 ermöglichen und für eine Entlastung von über 2,5 Mrd. Euro. Ein Vergabebeschleunigungsgesetz soll zu einer Vereinfachung öffentlicher Aufträge führen, die geschätzte Entlastung ca. 380 Mio. Euro. Durch die Digitalisierung von Fahrzeugpapieren, wie dem Führerscheinnachweis künftig per Smartphone, die Digitalisierung von Immobilienkaufverträgen durch eine Elektronische Zusammenarbeit von Notaren, Gerichten und Behörden und dem Wegfall des Heizungslabels sollen weitere Entlastung geschaffen werden. Kurzfristig summieren sich die Einsparungen auf rund 157 Mio. Euro, mittelfristig sollen über 10 Mrd. Euro an Bürokratiekosten wegfallen. Ein erster Schritt, der aber immer noch viel Platz nach oben bietet.
Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), mahnt: „Die Kommission hat große Erwartungen geweckt. Nun ist entscheidend, dass den Ankündigungen auch Taten folgen.“
Schulbildung und Finanzkompetenz – der blinde Fleck
Das Bürokratieproblem wird aber schon im Bildungssystem gezüchtet. Auch wenn Bildung Ländersache ist, sollte Bildung mit der Zeit gehen, damit Deutschland nicht mit der Zeit gehen muss. Schon heute beklagen Unternehmerinnen und Unternehmen die immer schlechter werdende Bildung der zum Teil viel zu wenigen Bewerberinnen und Bewerber um die Ausbildungsplätze. In der Eurydice-Studie 2024/25 zeigt sich, dass nur in 12 von 39 europäischen Bildungssystemen eine Finanzbildung systematisch im Lehrplan verankert ist. Deutschland liegt hier, wenig überraschend, im unteren Drittel: Steuer- und Finanzwissen wird meist erst ab Klasse 9 vermittelt aber oft nur optional. Länder wie Finnland und Estland integrieren wirtschaftliche Bildung bereits ab der Sekundarstufe I in die Schulbildung – mit messbaren Erfolgen bei Gründungen und Selbstständigkeit. Die Folge bei uns: Viele deutsche KMU stolpern in die Bürokratie, ohne das nötige Rüstzeug und Wissen. Zeit, die produktiver eingesetzt werden kann, geht unproduktiv verloren.
Bürokratieabbau auf europäischer Ebene
Aber auch die EU hat den Bürokratieabbau zur Priorität erklärt, wurde ihr doch in der Vergangenheit, vor allem von ihren Gegner gerne vorgeworfen ein Bürokratie-Tiger zu sein. Das Rezept sind die im Februar 2025 vorgestellten EU-Omnibus-Pakete. Das Ziel ist eine Reduktion des Verwaltungsaufwands um 25 %, für KMU sogar um erstaunliche 35 %. Erste Pakete sind im November vom EU-Parlament beschlossen worden. Sie zielen auf die Vereinfachung von Nachhaltigkeitsberichterstattung, Lieferkettenpflichten, Investitionsprogrammen und Agrarregeln. Parallel gibt es sektorale Vereinfachungen, etwa in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für Bio- und Kleinbauern. Laut einer Studie des Prognos-Instituts könnten dadurch jährlich über 6 Mrd. Euro an Verwaltungskosten eingespart werden.
Die DIHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Wansleben fordert: „Eine Bürokratie-Trendwende in Europa ist notwendig. Die Bürokratie darf nicht länger Wachstum und Innovation behindern.“ Weiter warnt er aus dem EU-Plan „One in, one out“ ist „Five in, one out“ geworden, so schaffte Brüssel im Sommer 2023 für jede abgeschaffte EU-Reglung fünf neue Gesetze. „Am effizientesten ist es, dafür zu sorgen, dass erst gar keine neue Bürokratie entsteht. Deutschland muss hierbei Tempo machen und auch selbst Vorbild sein“, so Wansleben weiter. Viele Anregungen finden sich hier sicher auch in der Entlastungs-Agenda der DIHK, in der 50 konkrete Vorschläge für den Abbau bestehender und die Vermeidung zukünftiger EU-Bürokratie zu finden sind.
Aber scheinbar geht es voran, zumindest in der Theorie. Die Modernisierungsagenda für Staat und Verwaltung, ein umfassendes Reformprogramm der Bundesregierung, das am 1. Oktober 2025 beschlossen wurde hat zum Ziel ein schnellen, digitalen und handlungsfähigeren Staat zu schaffen. Dieser soll Bürokratie abbauen, Verwaltungsprozesse vereinfachen und die Bundesverwaltung effizienter gestalten. Das neugegründete Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung unter Bundesminister Karsten Wildberger hat hier die Federführung. Der Anlass dafür über 80 % der Bürger und 90 % der Unternehmen sehen Bürokratie als Belastung an.
Zeit zurückgewinnen wie Momo
Die Geschichte von Momo lehrt uns, dass Zeit nicht nur eine Ressource ist, sondern ein Wert. Unternehmerinnen und Unternehmer brauchen Freiräume, um kreativ, strategisch und menschlich zu handeln. Bürokratie darf nicht länger ein System sein, das Zeit hortet – sondern muss zu einem Werkzeug werden, das Zeit freigibt. Die grauen Herren sind noch unter uns – aber vielleicht ist es Zeit, ihnen die Zigarren endgültig auszublasen, auch die elektrischen. | Autor: Jörg Wachsmuth