Trigema-Altchef Wolfgang Grupp leidet unter Altersdepression (KI-Bild | NewsMark #01)
Am 7. Juli 2025, einem Montag, wurde Wolfgang Grupp, langjähriger Chef des Textilunternehmens Trigema, mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Polizei und Notarzt waren zuvor zur Firmenzentrale in Burladingen gerufen worden. Der Grund: ein Suizidversuch. Grupp selbst bestätigte die dramatischen Ereignisse in einem emotionalen Brief an seine Belegschaft: „Ich bin im 84. Lebensjahr und leide an sogenannten Altersdepressionen. Da macht man sich auch Gedanken darüber, ob man überhaupt noch gebraucht wird.
Der Patriarch fällt – nicht im Unternehmen, sondern in sich selbst
Die Nachricht erschütterte nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch die Öffentlichkeit. Denn Wolfgang Grupp galt über Jahrzehnte als Symbol für unternehmerische Disziplin, Prinzipientreue und wirtschaftliche Standfestigkeit. Anfang 2024 hatte er die Geschäftsführung offiziell an seine beiden Kinder übergeben: Bonita Grupp und Wolfgang Grupp junior führen seither das Unternehmen in gemeinsamer Verantwortung weiter.
Zwei Tage vor dem Zwischenfall hatte Trigema zum „Open House“ an seinen Firmensitz geladen. Der Tag der Offenen Tür mit Betriebsbesichtigungen und Hüpfburg für die Kinder war sicher ein Highlight in der Region an diesem Samstag. Vermutlich wird auch der Seniorchef dabei gewesen sein.
Was ist Glück?
Kurz zuvor erklärte dieser auf der Instagramseite der Firma in einem Interview mit Focus-Online auf die Frage: Was erfüllt Ihr Herz mit Glück? „Also wenn Sie mich so fragen, dann erfüllt es mich mit Glück, wenn ich das Gefühl habe, dass das, was ich in meinem Leben gemacht habe, dass das von anderen positiv angesehen wird und von meinen Mitarbeitern auch gesehen wird. Und auch wenn ich heute nicht mehr Inhaber bin, bin ich sicher, dass wenn ich einen Mitarbeiter bräuchte und ihn anrufen würde am Sonntagabend, dann würde er sagen, Herr Grupp, ich brauche 10 Minuten und ich helfe Ihnen gerne. Und dieses Glück zu haben, das ist doch schön.“ Dabei war er sehr emotional und den tränen nah, wie einer in den Kommentar zum Post schrieb, Das Puzzel fügt sich im nachhinein. Was auf dem Papier als erfolgreicher Generationenwechsel erschien, wurde für den Senior zur existenziellen Krise. Der Mann, der Trigema über ein halbes Jahrhundert geprägt hatte, fühlte sich plötzlich überflüssig – und sprach offen über seine Altersdepression. Ein Tabubruch, der weit über die Grenzen des Unternehmens hinaus Bedeutung hat.
Die unsichtbare Last des Loslassens
Altersdepression ist kein neues Phänomen, doch in Familienunternehmen zeigt sie sich besonders drastisch. Der Rückzug aus der Führungsrolle bedeutet für viele Unternehmer nicht nur den Verlust von Verantwortung, sondern auch von Identität. Die Rolle als Entscheider, als Gesicht des Unternehmens, als täglicher Problemlöser – all das fällt plötzlich weg. Was bleibt, ist oft ein Gefühl der Leere.
Psychologen sprechen vom „Unersetzlichkeitssyndrom“ oder dem „Schwarzen-Loch-Syndrom“: Die Angst, nach der Übergabe einfach zu Hause zu sitzen, ohne Aufgabe, ohne Bedeutung. Besonders in Familienbetrieben, wo Beruf und Persönlichkeit oft eng verwoben sind, kann der Rückzug aus der Chefetage zur psychischen Zerreißprobe werden.
Wolfgang Grupp war nie nur Geschäftsführer – er war Trigema. Seine Interviews, seine Direktheit, seine Prinzipien: alles war Teil einer Unternehmeridentität, die sich mit dem Unternehmen deckte. Der plötzliche Rollenwechsel, auch wenn er rational nachvollziehbar war, bedeutete emotional einen tiefen Einschnitt.
Weitere Fälle – wenn Erfolg zur Falle wird
Der Fall Grupp ist kein Einzelfall. Auch Ulf Kepper, einst Topmanager eines Laborbedarfskonzerns, erlebte nach dem Verkauf seines Unternehmens einen psychischen Zusammenbruch. Burnout, Depression, Suizidgedanken – der Weg zur Erkenntnis war lang. Erst nach Monaten und zahlreichen Arztbesuchen wurde die Diagnose gestellt. Kepper verließ schließlich das Unternehmen, um sich selbst zu retten.
Ein weiteres Beispiel: Ferdinand K., leitender Compliance-Manager eines DAX-Konzerns, starrte eines Tages regungslos auf seinen Bildschirm. Seine Frau alarmierte den Arzt – die Diagnose: Burnout mit depressiver Symptomatik. Auch er musste sofort aus dem Job aussteigen und sich stationär behandeln lassen.
Diese Fälle zeigen: Der Übergang in den Ruhestand oder die zweite Reihe ist nicht nur eine organisatorische Herausforderung, sondern eine psychologische. Und je stärker die Identifikation mit der Führungsrolle, desto tiefer kann der Fall sein
Warum gerade Familienunternehmen besonders betroffen sind
In Familienunternehmen ist die emotionale Bindung an das Unternehmen oft besonders stark. Der Betrieb ist nicht nur Arbeitsplatz, sondern Lebenswerk. Die Übergabe an die nächste Generation bedeutet nicht nur strukturelle Veränderung, sondern auch den Abschied von einem Teil der eigenen Identität.
Hinzu kommt: Viele Unternehmer der älteren Generation haben nie gelernt, über psychische Belastungen zu sprechen. Schwäche zu zeigen galt als Tabu. Die Angst, die eigene Führungsfähigkeit infrage zu stellen, führt dazu, dass viele Betroffene lange schweigen – bis es zu spät ist.
Dass Wolfgang Grupp öffentlich über seine Altersdepression spricht, ist ein mutiger Schritt. Er durchbricht ein Schweigen, das in vielen Chefetagen herrscht – und gibt dem Thema eine Stimme, die Gewicht hat.
Was helfen kann –
und was Unternehmen tun sollten
Die gute Nachricht: Altersdepression ist behandelbar. Doch sie muss erkannt und ernst genommen werden. Unternehmen können helfen, indem sie den Übergabeprozess nicht nur organisatorisch, sondern auch emotional begleiten. Coaching, psychologische Beratung, klare Rollenverteilung und Wertschätzung für die Lebensleistung des Seniors sind essenziell.
Auch die Gesellschaft muss lernen, dass Ruhestand nicht gleich Bedeutungsverlust bedeutet. Neue Aufgaben, Ehrenämter, Mentorenrollen oder Stiftungsarbeit können helfen, die entstandene Lücke zu füllen. In Grupp’s Fall könnte eine beratende Rolle oder die aktive Gestaltung von Unternehmenswerten eine Brücke sein – zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Der Abschied als Neubeginn
Der Fall Wolfgang Grupp zeigt, wie tief der Bruch nach der Führungsabgabe sein kann – und wie wichtig es ist, ihn nicht nur als wirtschaftlichen, sondern auch als menschlichen Prozess zu verstehen. Altersdepression ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Hilferuf. Wer ihn hört, kann helfen – und vielleicht sogar neue Wege für ein erfülltes Leben nach dem Chefsessel eröffnen.| Autor: Max Werner